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»Facebook, Twitter, Web 2.0 sind gut für die Museen«

Max Hollein, Museumsdirektor in Frankfurt, über Änderungen bei Besuchern, den Städel-Neubau und seine Bedeutung für die Wirtschaft.

Hat sich die Bestimmung von Museen in den letzten 20, 30 Jahren verändert?

Max Hollein: Heute strömen pro Jahr mehr Menschen in Museen als in Fußballstadien. Durch die große Popularität von Museen hat sich die Besucherstruktur verändert. Man kann nicht mehr von einem allgemeingültigen Bildungskanon ausgehen, sondern muss einer diversifizierten Publikumsstruktur gerecht werden – das heißt, seine Vermittlungsprogramme ebenfalls diversifizieren und mit unterschiedlichen Stimmen zu seinen Besuchern sprechen. Es gibt im Städel-Museum, in der Liebieghaus-Skulpturensammlung und in der Schirn-Kunsthalle eigene Programme für Kinder, Schulklassen, Erwachsene, Familien, Studenten, Senioren, Firmen, aber auch für Jugendliche aus sozialen Brennpunkten, Hochbegabte oder unser Programm „Jungs“ für männliche Kinder und Jugendliche, die mittlerweile oft zu den „Bildungsverlierern“ zählen.

Die Menschen wollen offenbar mehr Kultur statt Kunstgeschichte oder einer enzyklopädischen Darstellung der Sammlungen?

Das Museum, wie ich es verstehe, erarbeitet seine Ausstellungen aus seiner Sammlungsstruktur heraus und stellt Bezüge zu dieser her. Die Ausstellung ist ein Bestandteil langfristiger Forschung, der Moment, in dem dieser Prozess für die breite Öffentlichkeit sichtbar wird. Insofern agieren Museen anders als z.B. eine Kunsthalle ohne eigene Sammlung. Eine Ausstellungshalle wie die Schirn macht Vorschläge, wirft einen besonderen Blick auf ein künstlerisches Werk oder greift brisante Themen auf. Für beide Institutionen ist es jedoch gleichermaßen wichtig, die Inhalte auf ihre Relevanz zu überprüfen und sich in der Vermittlung zeitgemäßer Mittel zu bedienen.

Wird man in 100 Jahren noch ins Museum gehen?

Die Frage ist vielmehr, wie erreiche ich mein Publikum heute und was kann ich tun, um die unmittelbar nächsten Generationen an das Museum heranzuführen. Große Bedeutung für die Vermittlungs- und Kommunikationsarbeit kommt neben den Programmen vor Ort den neuen Medien und dem Web 2.0 zu. Gerade für Kultureinrichtungen birgt die Nutzung von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter großes Potenzial, indem sie neue Zielgruppen eröffnet und einen spontanen und direkten Kontakt mit dem Publikum ermöglicht. Das Publikum kann sich im Netz über die Aktivitäten des Museums informieren, Videos von den Ausstellungen oder zu Kunstwerken ansehen, auf dem Weblog des Städel kommentieren oder im Schirn Magazin online Hintergrundberichte zu den Ausstellungen oder Interviews mit Künstlern lesen. Ich sehe in der intensiven Nutzung des Internets eine Weiterdefinition dessen, wo und wie Museum stattfinden kann. Das Museum wird transparenter, es zählt nicht nur der physische Museumsbesuch, sondern eine Sammlung, ein ganzes Museum und seine Aufgaben als Bildungs- und Vermittlungsinstitution können auch im Netz erlebt werden. Die Begegnung mit dem Original bleibt zwar immer noch einzigartig, ist aber nur eine von mehreren Formen der Auseinandersetzung mit Kunst.

Welche Rolle spielen Neubauten?

Sammlungen wachsen, dementsprechend benötigen sie Raum. Im Städel schaffen wir mit dem Neubau 3000 Quadratmeter Fläche für die Präsentation unserer Sammlung zeitgenössischer Kunst. Am Erweiterungsprojekt des Städel-Museums und der erfolgreichen Spendenkampagne ist auch zu sehen, wie stark die Bindung der Bürgerinnen und Bürger an ihr Museum ist. Gerade für eine Stadt wie Frankfurt sind die kulturellen Einrichtungen wichtig – für die Identität der Stadt, die ja stark als Wirtschaftsmetropole wahrgenommen wird wie auch als sogenannter weicher Wirtschaftsfaktor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2011)