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Tobruk: "Es gibt für uns kein Zurück mehr"

Tobruk gibt fuer kein
(c) AP (Kevin Frayer)
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Die Revolution hat Gaddafis Schergen aus der ostlibyschen Stadt vertrieben. "Volkskomitees" versuchen nun, für die Menschen das tägliche (Über-)Leben zu organisieren.

Das Transparent am Minarett der zentralen Freitagsmoschee lässt keine Zweifel daran, wer in der ostlibyschen Stadt Tobruk den Ton angibt: „Gaddafi, du Schlächter, hau ab“, heißt es dort kurz und bündig. Der angrenzende Platz wurde in „Platz der Märtyrer“ umgetauft. Als hier vor einer Woche die Demonstrationen begannen, wurde aus der Polizeistation auf der anderen Seite des Platzes in die Menge gefeuert. Vier Menschen starben als Preis der Freiheit.

Dass die Polizeiwache völlig ausgebrannt ist, zeugt davon, dass sich die Menschen nach der Schießerei nicht einschüchtern ließen, sondern nur kurz nach Hause gingen, um ihre eigenen Waffen zu holen. „Ein paar Molotowcocktails und das Gebäude stand in Flammen“, grinst der revolutionäre Fremdenführer Hajj Ali, ein alter Mann mit grauem Bart und einem elegant um den Kopf gebundenen Kufiya-Tuch im Stil der lokalen Beduinen.

In der Polizeiwache liegen noch die verkohlten Akten herum. Vor allem eine winzige Zelle – nicht viel größer als drei Quadratmeter, mit einem Essnapf auf dem uringetränkten Boden – ist zur lokalen Sehenswürdigkeit geworden. Ein Mann kommt mit seinem vielleicht fünfjährigen Sohn vorbei, um ihm den Ort zu zeigen, wo zu Gaddafis Zeiten die Menschen weggesperrt wurden.

Draußen auf der Straße regieren jetzt die neuen Volkskomitees des befreiten Libyen. An diesem Mittag sitzen sie entspannt auf den Bänken des Platzes und wärmen sich in der Wintersonne.

 

Keine Angst vor Gaddafis Schergen mehr

Khaled wacht an einer revolutionären Straßensperre. Zeit hat er genug. Wie viele hier ist er seit Jahren arbeitslos. Ob sie nicht Angst haben, dass Gaddafis Truppen wieder hier auftauchen könnten? Die Männer an der Straßensperre winken ab. „Es gibt kein Zurück mehr, auch wenn er uns alle durch den Fleischwolf dreht“, sagt einer.

Hajj Ali fährt ins nächste Restaurant. Der Verkehr ist chaotisch, keiner hält sich mehr an irgendwelche Einbahnstraßen. Hajj Ali tritt auf die Bremse, die besorgniserregend knirscht: „Eigentlich bräuchte ich neue Beläge, aber seit der Revolution sind alle Werkstätten zu.“ Im Restaurant „al-Umda“ gibt es ausgezeichnetes Grillhuhn: „Die Rechnung geht auf die Revolution“, meint der Besitzer. „Journalisten essen hier kostenlos, das haben die Volkskomitees beschlossen“, erklärt er und verabschiedet sich mit einem „Empfehlen Sie mich an ihre Kollegen weiter“.

Derweil hat sich Khamis al-Magli zu einem Kaffee an den Tisch gesetzt. Er stellt sich als Aktivist vor. Mit seinem zerschmetterten Brillenglas sieht er etwas verwegen aus, aber wo Autowerkstätten zu sind, haben sicherlich auch keine Optiker offen. Khamis erklärt, wie die neuen Volkskomitees funktionieren: Angefangen habe es mit Komitees zur Bewachung der Straße. Schnell wurden weitere gegründet, um wichtige Einrichtungen, wie Ölanlangen, Schulen und Krankenhäuser, zu schützen.

Dann musste das Leben neu organisiert werden. Ein akutes Problem: Tripolis zahlt keine Beamtenlöhne mehr im aufständischen Osten aus. „Jetzt bekommt jeder Beamte, der ein Konto hat, einen Kredit von 300Euro, damit er mit seiner Familie über die Runden kommt“, erzählt Khamis, sichtlich stolz über die Beschlüsse der Volkskomitees. Wer die genau anführt, bleibt undurchsichtig. „Leute mit guter Bildung“, erklärt er. Da es in Gaddafis Libyen keinerlei oppositionelle Organisationen gibt, ist es schwer vorstellbar, dass politische Gruppen dahinterstecken. Eher sind die Volkskomitees entlang von Stammeslinien organisiert, die in Libyen eine wichtige Rolle spielen. Für die Revolution arbeiten die Stämme offenbar – noch – zusammen.

 

„Alle müssen jetzt zusammenhalten“

Ein paar Autominuten entfernt führt Khamis zur neusten Errungenschaft der Volkskomitees: Einer kostenlosen Ausgabestelle für Grundnahrungsmittel. Die Menschen, die sich dort drängeln, halten alle ein grünes Heftchen hoch: „Das Familienbuch“, erklärt Khamis. Dort ist die Anzahl der Kinder vermerkt und bestimmt, wie viel Mehl, Reis, Nudeln oder Speiseöl ausgehändigt werden. Viele Menschen hätten seit den turbulenten Tagen der Revolution keine Arbeit mehr und müssten versorgt werden, sagt er. Die Grundnahrungsmittel seien Spenden aus Ägypten oder von bessergestellten Libyern: „In diesen Zeiten müssen alle zusammenhalten.“

Die Menschen in Tobruk haben auch schon ihrerseits begonnen, Hilfe für andere zu organisieren. Eine große Sporthalle am Rande der Stadt dient als Zentrallager. Hier werden gespendete Medikamente und Grundnahrungsmittel aus Ägypten gesammelt und in andere Städte des Landes weiterverteilt. Hischam Tayyeb koordiniert die Operation. Mit einem etwas übermüdeten Blick sitzt er vor drei Telefonen. „Wir haben in allen Städten Krisenstäbe eingerichtet“, erzählt er. „Die rufen an, wenn etwas zur Neige geht, und wir schicken es dann los“, erläutert er das einfache System. Leider könne nur der Osten des Landes beliefert werden, wo Gaddafis Leute keine Macht mehr haben.

Hajj Ali, der revolutionäre Fremdenführer, fährt seinen Gast zurück ins Hotel. Hinter uns hupt jemand ungeduldig ohne Unterlass, weil die Straße wieder einmal blockiert ist. „Jetzt hast du 41Jahre gewartet bis Gaddafi weg ist“, ruft Hajj Ali aus dem Fenster, „da kommt es doch auf ein paar Minuten auch nicht mehr an.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2011)