Wie man Beethoven ins richtige Umfeld transportiert

In München können Musikfreunde erleben: den ehemaligen Wiener Operndirektor, lesend, und Rudolf Buchbinders Programm für 2012.

Ein Wochenende in München, das kann für Wiener Musikfreunde zu erstaunlichen Déjà-vu-Erlebnissen führen. Gestern beispielsweise im Prinzregententheater – architektonisch eine hinreißende Art von Miniatur-Bayreuth – da gastierten gleich zwei Herren aus Wien. Rudolf Buchbinder gab eine Klaviermatinee höchst wienerischen Zuschnitts.

Und zwei Stunden später war Ioan Holender zu Gast. Ebenfalls im „Prinze“, wie die Münchner ihr ehemaliges Opernausweichquartier nach wie vor liebevoll nennen. Aber im Gartensaal. Da war Wiens „Opern-Ex“ avisiert, eben als Opern-Ex aus Wien, der aus seinem Buch liest und mit dem deutschen Musikjournalisten Manuel Brug über die Dinge des Musiktheaterlebens plaudert.

Die Klaviermatinee gab zu vielen Gedanken Anlass. Vor allem über die Frage, wie man ein Klavier-Recital klug programmiert. Noch dazu, wenn Beethovens „Diabelli-Variationen“ als Hauptwerk avisiert sind, ein ebenso heikles wie singuläres Stück, das nicht leicht Konkurrenz neben sich duldet.

Diesen Solitär der Pianistik kombiniert Rudolf Buchbinder also – dasselbe Programm wird nächste Saison auch in Wien zu hören sein – mit Musik von Serge Rachmaninow und Fritz Kreisler, nämlich „Liebesleid“ und „Liebesfreud“.

Das passt zusammen?

O ja, das passt zusammen. Den Clou liefert der Pianist am Ende des Programms, nach einer ungemein feinsinnig aufgefächerten Darbietung der so unterschiedlichen Welten, die Beethoven in diesem, seinem letzten großen Klavierwerk erschließt – „nach dem Walzer von Diabelli“, sagte Buchbinder den laut jubelnden Münchnern, „ein Walzer von Johann Strauß“.

Was wieder nicht ganz genau stimmte, denn es war Johann Strauß, gefiltert durch Alfred Grünfeld, eine Paraphrase über verschiedene Walzerthemen, die mit der „Fledermaus“ anhebt.

Also Wiener Walzer und Wiener Klassik? Tatsächlich heißt ja das Thema, das Anton Diabelli etlichen Komponisten seiner Zeit als Grundlage für eine Variationensammlung vorlegte, „Walzer“, hat aber wenig Walzerhaftes an sich. Kreislers Piècen sind wiederum Walzer – und von Serge Rachmaninow ebenso virtuos wie duftig fürs Klavier gesetzt.

Und dessen „Corelli-Variationen“, von Freund Kreisler angeregt und ihm auch gewidmet, sind vielleicht das Originellste, wodurch das Variationen-Repertoire nach Beethovens gewaltigem Zyklus bereichert wurde. Pianisten fürchten dieses Rachmaninow-Stück ebenso wie Beethovens „Diabelli-Variationen“. Und Buchbinder spielt sie – neu in seinem Repertoire – mit dergleichen Detailverliebtheit, wie er Beethoven (seit Langem und immer raffinierter) zu modellieren versteht.

So führt man ein Publikum mit eminentem technischen Vermögen und ebensolcher musikalischer Assoziationsgabe durch kompositorische Labyrinthe – und eine Matinee wird zum klingenden Erlebnispark. Wie gesagt, kommende Spielzeit auch im Goldenen Wiener Musikvereinssaal...

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2011)

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