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Katy Perry, Pin-up-Girl mit geheimen Botschaften

(c) EPA (JOSE SENA GOULAO)
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In der ausverkauften Wiener Stadthalle führte die US-Sängerin ihren knallbunten "Teenage Dream" vor, in dem die Schlecker sprechen und die Muffins tanzen. In Katy Perrys Zuckerland hat Garstiges keinen Platz.

Diese Dame besitzt Contenance. Bei den Grammys ging sie leer aus, in ihrer Ehe kriselt es schon nach nur drei Monaten. Doch vor ihre Fans tänzelte Miss Perry mit ihrem schönsten Lächeln, mit ihrem strahlendsten Augenaufschlag.

Sicherheit findet sie in ihrem selbst erwählten Paradies: einem auf die Bühne gestellten knallbunten Zuckerlland, in dem die Schlecker sprechen und die Muffins tanzen. Mag auch perlgrauer Alltag mit Karies und Adipositas am Horizont lauern, für den Augenblick wird er verdrängt. In ihrer Welt hat Garstiges keinen Platz. Wie Katy Perry da zu den Klängen von „Teenage Dream“ flamingogleich über die Treppen stakste und mit den Wimpern klimperte, hätte sie wohl auch jede bewaffnete Einheit stoppen können.

So brav ihre Show aussieht, sie birgt geheime Subversion. Als Pastorentochter weiß sie, dass man die bösen Triebe am besten in unschuldiger Maskerade ausleben kann. Ihre Selbstinszenierung als auf rosa Wolken schwebendes Pin-up-Girl ermächtigt sie zu Ungeheurem: Sie singt von Liebe, kommuniziert dabei erstaunlich explizite Erotik mit, reißt moralische Grenzen so raffiniert ein, dass es die elterlichen Begleiter der Teens oft nicht einmal merken.

„Go With The Flow“ hat Perry auf einem ihrer Arme tätowiert. Glaubensbekenntnis ist ihr der Satz offenbar nicht. Eher peitscht sie den Mainstream vor sich her. Sie hat nämlich durchaus Ernsthaftes auf ihrer Agenda. So sang sie in „Pearl“ über ungutes Machtgefälle in Beziehungen: „She could be a Joan of Arc, but he's scared of the light that's inside of her. So he keeps her in the dark.“

Lied über Vögel und Bienen

Im pulsierenden „Hummingbird Heartbeat“ erschuf sie ein bunt dekoriertes Idyll, in dem sie ihre ganz eigene „The birds and the bees“-Story erzählte. Mit camouflierter Unschuld lockte sie: „Let's pollinate to create a family tree, this evolution with you comes naturally.“ Ob im märchenartigen Film oder auf der Blumenschaukel: Katy Perrys Liebreiz gleicht dem sauberen Sexappeal der Fünfzigerjahre. Freilich konterkarierte sie ihre bedachtsam inszenierte Bravheit zuweilen mit rüden Sprüchen. Oder bot gar ihre Tänzer zum Verzehr an: „They are all single and ready to mingle!“ Sexy seufzend leitete sie zum akustischen Teil über: „I have a Romance with Vienna.“ Sie illustrierte diese Gefühle mit Coverversionen – mit Rihannas „Only Girl (In The World)“ und Jay-Zs „Big Pimpin‘“, wo sie mit einer hollywoodreifen Darstellung eines Blockflötensolos verblüffte. Aus Jux und Tollerei setzte sie das Instrument noch vor Ende der Musik ab. Ein schöner rebellischer Akt gegen den Terror des Playback!

Am entspanntesten wirkte Perry, wenn sie ihre Menagerie bemühte. Etwa den flauschigen „Peacock“ oder den mannshohen lila Kater, der mit ihr durch eine vitale Interpretation von Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“ tanzte. Danach ließ sie die eigenen Hits detonieren. „I Kissed A Girl“, das sie als Ballade begann und rasch in angemessene Wildheit führte. Das hell auflodernde „Firework“, das sinnliche „Futuristic Lover“ und als Zugabe „California Gurls“, das die Lenden entschlossen zum Summen brachte.

So schlug Katy Perrys mit geheimen Botschaften aus Zucker- und Sexindustrie gewürzte Symbiose aus Märchenwelt und Hollywood-Realität ihre Fangzähne auch in mit viel Erfahrung ausgestattete Teenager. Fazit: Alter schützt vor Katy nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2011)

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