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Hirnforschung: Komatrinken an Ratten abgestellt

(c) APA (HELMUT FOHRINGER)
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Der Alkoholkonsum bis zur Bewusstlosigkeit wird von der Region gesteuert, in der die Angst sitzt: der Amygdala. Stellt man den Rezeptor an diesem Ort still, schränken im Versuch Ratten die Alkoholaufnahme ein.

„Komatrinken“ ist nur ein neues Wort für ein altes Problem – früher hieß das periodische rasche Hineinschütten von Alkohol bis zur Bewusstlosigkeit „Quartalsaufen“ –, und die Medizin unternimmt immer wieder neue Anläufe zur Milderung. Nun hat eine internationale Gruppe um Juan Liu (University of Maryland), zu der auch Werner Sieghardt (Zentrum für Hirnforschung, Med-Uni Wien) gehört, die molekularen Feinheiten im Gehirn aufgedeckt: Es gibt ein Tiermodell – Ratten, die lieber Alkohol als Wasser trinken. An ihnen haben die Forscher gezeigt, dass ein bestimmter Rezeptor für den Neurotransmitter Gaba in einer bestimmten Hirnregion eine Schlüsselrolle spielt: Gabaaα2 in der Amygdala, dort sitzen die Emotionen, darunter auch Angst und Furcht. Stellt man diesen Rezeptor an diesem Ort mit gentechnischen Mitteln still – mit RNA-Interferenz –, schränken die Ratten die Alkoholaufnahme ein.
Ein Teil des Forscherteams hofft auf gentherapeutische Nutzung des Befunds an Menschen, aber Sieghardt ist skeptisch: „Gentherapie an Alkoholkranken fände ich schon extrem“, erklärt er der „Presse“: „Und an Gaba-Rezeptoren in der Amygdala darf man nicht so einfach ,drehen‘. Man könnte damit das emotionale Gleichgewicht komplett durcheinanderbringen.“ Zudem müsste extrem fein gesteuert werden: Es dürfte nur dieser Gaba-Rezeptor in nur dieser Gehirnregion therapeutisch blockiert werden.

Immunsystem hat mit Psyche zu tun


s-10;0Wichtiger ist für Sieghardt ein völlig neuer Grundlagenbefund: Gabaaα2 steht ganz oben in einer molekularen Kaskade, es beeinflusst weiter unten u. a. die Aktivität eines Gens des Immunsystems (Toll-like receptor 4, er löst Entzündungen aus, Abwehrreaktionen, bei denen abgestorbene Körperzellen oder Eindringlinge in den Körper entfernt werden). Auch bei dessen Blockade stellen Ratten das Alkoholtrinken ein: „Man weiß schon lange, dass das Immunsystem irgendwie mit der Psyche zusammenhängt“, schließt Sieghardt: „Wir haben nun einen Zusammenhang gezeigt.“ Was der im Detail bedeutet, ist allerdings unklar (Pnas, 28. 2.).s