Heute noch in der Loge, morgen glücklich in Mexiko...

Visionäre und Provisionäre, Men in Black und Pretty Women, Käufer und Verkäufer: Auf dem Opernball findet man sie alle, und eine Zeugin dazu.

Es gibt Computerspiele, bei denen man die Akteure anklicken kann, worauf ihre Eigenschaften aufscheinen, manchmal auch ihre Vorgeschichte. Ein solches „Feature“ würde man sich für so manche Party wünschen und auch für den Opernball.

Ein Mausklick, und man wüsste, wann und wie wer vom Tellerwäscher zum Milliardär, vom Visionär zum Diktatorenkonsulenten, vom Tankstellenpächter zum Provisionär, von einer hübschen Dirne zur Pretty Woman geworden ist. Wer emporgeklettert und wer mit den silbernen Löffeln geboren ist, wer geerbt hat und wer vererben wird, wer kauft, wer verkauft, wer sich verkauft oder gar verkauft wird. Welcher übergroße Mann seine Mutter auf Firmenkosten gefeiert hat, welche Lichtgestalt ihre Dissertation zusammenkopiert hat. In manchen Inserts läse man „Hochstapler“ oder „Defraudant“, in anderen „Private Dancer“ oder „Escort Service“, das versichern uns Kenner des Opernballs. Und ein Insert würde zirka so lauten:

Marokkanischer Abstammung, geboren in Messina, verließ die Eltern mit 14, mehrmals wegen Diebstahls polizeilich angehalten, arbeitete als Zimmermädchen, Bauchtänzerin und Kosmetikerin. Nahm an Festen des italienischen Ministerpräsidenten teil, von dem sie laut eigener Aussage Vergütungen im Wert von insgesamt 187.000 Euro erhalten hat. Zeugin im Prozess gegen diesen. Auf Einladung eines Bauunternehmers, der ihr kolportierte 40.000 Euro zahlt, in Wien.

Der Name Ruby ist seltsam geschichtslos, keine Heilige trug ihn, keine Israelitin, keine Germanin und keine Römerin, obwohl er sich vom lateinischen „ruber“ ableitet, über den Rubin, den Spuren von Chrom rötlich färben. Es ist ein Name für Mädchen, die nicht nur Edelsteine lieben, sondern auch wissen, was sie auf dem Markt wert sind, die Steine und sie selbst.

Im Radio werden sie heute wohl zwei Lieder spielen. In den „Alternative-Mainstream“-Formaten das farb- und gesichtslose „Ruby“ von den Kaiser Chiefs. In den Oldiesendern das tückisch schöne „Ruby Tuesday“ von den Rolling Stones, diesen Song über die Reize, die Illusionen und Risken der Freiheit. „She just can't be chained to a life where's nothing gained and nothing's lost“, singt Mick Jagger darin und: „Lose your dreams and lose your mind – ain't life unkind?“

Insert, Teil zwei: Als Zukunftspläne nennt sie laut einer österreichischen Boulevardzeitung: nach Mexiko auswandern, heiraten, Kinder haben, Hausfrau sein. „Catch your dreams“, singt Jagger, „before they slip away.“

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.