Thomas Maurers neues Kabarettprogramm ist ein Rückblick und Rückfall auf sich selbst. Maurer sucht nach (fiktiven) Jahren der Krise einen Neuanfang. Freilich ein virtuoser. Mit feinen politischen Irreführungen.
Thomas Maurer, ein Sohn der Brigittenau, der empörenderweise in seinen Vierzigern jünger und ranker aussieht als in seinen Dreißigern, kann über alles reden. Ob Extrawurst oder Extrablatt, ob Altersheim oder Kasperltheater, er plaudert virtuos, er führt Schmäh, aber es ist mehr: Er hört sich selbst dabei zu, überhöht den Schmäh zum peinlichen Ernst, umgekehrt sowieso. Dazwischen kratzt er sich an der Nase, verwirrt sich virtuos und sagt „Ding“.
All das kann er, und so erfüllt er das Berufsbild „Hier-stehe-ich-Kabarettist neuwienerischer Prägung“ perfekt, besser noch als Lukas Resetarits, von dem er viel gelernt hat. Damit war man immer zufrieden und wäre es noch, wenn nicht Maurer zumindest zwei Programme gespielt hätte, in denen er noch mehr tat und war, mehr als Maurer, der Maurer zuhört, wie er Maurer ist. In „Die neue Selbstständigkeit“ (2003) war er ein kleiner FP-Funktionär, in „Àodili“ (2009) ein oberösterreichischer Handlungsreisender in China: Mit diesen großartigen Stücken transzendierte er die (ohnehin schon weiten) Grenzen des Wiener Kabaretts.
Als der Regen noch sauer war
Nun ist er zurück, wieder bei sich sozusagen, ganz vorsätzlich: Sein neues Programm „Out of the Dark“ ist als „Best of“, als Rückblick konzipiert. Maurer sucht nach (fiktiven) Jahren der Krise – illustriert mit YouTube-Videos, in denen er sich mit Barbara Rett, Daniel Kehlmann usw. anlegt – einen Neuanfang, blickt auf sich selbst zurück, zugleich auf die Jahre, als der Regen noch sauer war und der Atomkrieg drohte, als die Dienstleistung noch nicht erfunden war, als die Mistkübler noch Könige waren und alle Erwachsenen so wunderbar grantig, dass man wusste, warum man erwachsen werden will.
Ja, so war das, 1988, in der alten Zeit. Und heute? Was bleibt einem denn? Die Hoffnung auf ein Premium-Seniorenheim, in dem Bananenfrappé von Do&Co, remixed von Kruder und Dorfmeister, serviert wird. Das hat man sich verdient als Mitglied der bildungsaffinen Oberschicht! Schließlich ist man ja nicht so wie die dummen Modernisierungsverlierer, die Parteien wählen, die der distinguierte Kabarettbesucher nur mit gerümpfter Nase nennt. Der Haider war ja wenigstens originell, aber der Strache? Der ist doch wirklich nur mehr für Proleten, die Autodrom-Techno hören, die Straßen verstopfen und voller Ressentiments stecken. Nicht wie wir. Aber was soll man denn wählen? Die Regierungsparteien sind doch auch um nichts besser, schaut euch nur den dicken Pröll an. Und die Grünen? Die sind wie die Segway-Roller, ganz nett und korrekt, aber man nimmt sie dann doch nicht... Der letzte, beste, mit nur kleinen Aktualisierungen aus „Dschungel“ (aus dem Jahr 1995!) übernommene Teil beginnt mit einer Politikerbeschimpfung, die so virtuos ist und zugleich so plump und berechenbar, dass man sich beim Zweifeln ertappt: Gibt er es jetzt so billig? Serviert er nur mehr dem Kabarettpublikum, was es gern hören will? Wie er die lauten Lacher in die Irre führt, merkt man spätestens, wenn er die Konsequenz zieht aus der politischen Unzuverlässigkeit der Modernisierungsverlierer: Wieso lässt man sie denn noch wählen? Soll man das Wahlrecht nicht mit dem Steueraufkommen koppeln? Es wird ihnen doch eh nicht abgehen, den Proleten...
Reingefallen, war ja gar nicht ernst gemeint. Doch Maurer schafft noch eine Überdrehung: den Vorschlag, die FPÖ von innen zu verändern, durch einen langen Marsch durch die Institutionen, bis alles gut wird. Und überhaupt: „Wenn diese Bagage noch einmal ans Ruder kommt, ist es sicher kein Schaden, wenn man dabei ist.“ Die finale Vision mündet in einem Tableau vor kitschigem Himmel: Thomas Maurer singt John Lennons „Imagine“. Tröstlich: Wenigstens singen kann er nicht.
Thomas Maurer am 3. März im Presse-Chat
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2011)