Amanshausers Welt: 229 Libyen

(c) Martin Amanshauser
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Als Gaddafi noch fest im Sattel saß, flog ich einmal mit seiner Präsidentenmaschine und seinem Tourismusminister von Tripolis nach Ghat.

Wir sollten – es war 2004 – per Bus von Tripolis 1000 Kilometer zur Wüstenstadt Ghat fahren, doch plötzlich hieß es, wir würden fliegen. Der Flug, sagte unser PR-Betreuer Mohammed, gelte als Ehrenbezeugung gegenüber unserer internationalen Reisejournalistengruppe. Wir begaben uns in den „First Class Waiting Room“ des Flughafens von Tripolis. Die Holzränder der Fauteuils waren mit Goldfarbe gestrichen. Jeder erhielt eine Plastikflasche Coca-Cola.
Ist das die Maschine?, fragte ein Kollege und zeigte auf eine Boeing 737, das einzige Flugzeug am Rollfeld. Ja, sagte Mohammed, wir warten. Worauf? Waiting for the minister! Der libysche Tourismusminister würde gemeinsam mit uns nach Ghat fliegen, auch das äußerst ehrenhaft.
Es war die Präsidentenmaschine. Sie trug die Aufschrift: „Libya 1“. Wir betraten sie über eine steile Eisenstiege. Niemand kontrollierte unsere Tickets, wir hatten ja überhaupt keine. Innen fehlten die Sitzreihen, stattdessen standen da Salontische mit gelben Tischtüchern und Aschenbechern. „Libya 1“ sah aus wie eine Skihütte.
Nach einer Stunde fragte ich, wieso die Maschine nicht losflog. Antwort: Weiterhin waiting for the minister.

Der verspätete Minister war ein hochgewachsener Mann Mitte vierzig, vom Typus Charmeur. Ein Uniformierter servierte Mineralwasser. Als die Maschine startete, blieben alle unangeschnallt. Ein dunkelblauer Himmel öffnete sich. Das Meer wirkte im Vergleich zu diesem Himmel unerheblich. Wir ließen es hinter uns, flogen ins Gelbgrau.
„Heute kommen jährlich eine halbe Million Touristen nach Libyen“, erklärte der Minister und suchte den Blick der Journalistinnen, „wir möchten uns innerhalb von fünf Jahren auf zehn Millionen steigern.“ Selbst für einen Politiker, dem man berufstypisches Übertreiben  nachsehen musste, waren die Zahlen ziemlich unverschämt. „Wir haben 1800 Kilometer unerschlossene Küste mit Sandstränden“, erklärte der Minister. Selbst das klang aus seinem Mund wie eine Lüge.
Fünfzig Minuten später zeichnete sich das Acacusgebirge schwarz vor violettem Hintergrund ab. Der Wüstenflughafen von Ghat lag in einer Falte der Landschaft. Vor dem Flugzeug erwartete uns ein ramponierter, baufälliger Bus mit der Aufschrift „Luxus Bus“ auf der Seitenverkleidung. Der Minister stieg nicht ein, er nahm einen Jeep.

Zwei Tage später, an denen wir die Bedeutung des Satzes „Waiting for the minister“ (ebenso wie den Minister selbst) in allen Facetten kennengelernt hatten, sollten wir nach Tripolis zurückreisen. An diesem Tag stellte sich Mohammed vor uns und meinte zerknirscht, der Minister sei „leider soeben, heute frühmorgens“ mit der Präsidentenmaschine nach Tripolis zurückgeflogen: wichtige Geschäfte. Für unsere 1000 Kilometer lange Rückfahrt sei jedoch ein Bus bereitgestellt worden. Ich ahnte schon, welcher das sein würde, und ich behielt recht: Es handelte sich um den „Luxus Bus“.

Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele, www.amanshauser.at

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