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Moskau profitiert von fremder Revolte

(c) EPA (ALEXANDER ZEMLIANICHENKO/POOL)
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Politisch sind Russland die Unruhen in Nordafrika ein Dorn im Auge, wirtschaftlich gewinnt das Land durch Turbulenzen auf den Ölmärkten. Die Furcht vor Engpässen treibt die Preise in die Höhe.

Moskau. Wo die Auswirkungen von Ereignissen nicht so eindeutig sind, fallen auch die Reaktionen widersprüchlich aus. Die Aufstände in Nordafrika könnten zu einem Zerfall von Staaten führen, meinte Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew, schloss aber ein Überschwappen auf Russland kategorisch aus. Premier Wladimir Putin versucht einen anderen Dreh und gebraucht die Unruhen als Hintergrund, um sich dem russophoben Europa als einzig zuverlässiger Energielieferant anzupreisen.

Immerhin blieb er korrekt und nannte den steigenden Ölpreis eine „ernste Gefahr für das globale Wirtschaftswachstum“, an dem auch Russland hänge. Das Gros der Elite in Moskau freilich freut sich einfach über das schnelle Glück: Nach der Durststrecke der Krise schwemmt der hohe Ölpreis wieder massenhaft Petrodollars ins Land.

 

Furcht vor Engpässen

Russland ist, wie viele andere ölproduzierende Staaten, Nutznießer der Aufstände. Zwar wird der Schaden durch das Waffenembargo gegen Libyen mit vier Mrd. Dollar (2,9 Mrd. Euro) beziffert. Als weltweit größter Ölproduzent aber profitiert Russland vom hohen Ölpreis.

Auch wenn die russische Ölsorte mit einem Abschlag gegenüber der Nordseemarke Brent gehandelt wird: Am Dienstag hat auch Urals die Schwelle von 110 Dollar je Fass (159 Liter) übersprungen – weit über jenen 75 Dollar, die dem Budget in Moskau als Grundlage dienen.

Die Furcht vor Engpässen treibt die Preise. Saudiarabien, nach Russland zweitgrößter Ölförderer, hat zwar die Förderung angehoben, den Markt aber nur kurz beruhigt. Erst die Hoffnung auf einen Friedensplan für Libyen, den die Arabische Liga in Aussicht stellte, konnte am Donnerstag Druck vom Ölpreis nehmen.

Wie lange die Erleichterung anhalten wird, ist ungewiss. Analysten grübeln bereits, ob Ölabnehmer auch auf Russland zurückgreifen könnten. Spielraum für eine höhere Förderung sei da, erklärt Vasili Tanurkov, Ölexperte bei „Veles Capital“ – im Unterschied zu Saudiarabien aber nur im Rahmen von zusätzlich fünf Prozent.

Russland hat im Jänner eine Rekordförderung von 10,5 Mio. Fass täglich erreicht und ist aufgrund der hohen Besteuerung mit der Erschließung neuer Lagerstätten säumig. Im Moment geht es nicht darum, mehr zu produzieren, sondern mit dem jetzigen Volumen üppig zu verdienen. Schon wenn der Ölpreis im Jahresschnitt bei 97 Dollar liegt, bedeutet dies 1,5 Bio. Rubel (38 Mrd. Euro) an zusätzlichen Budgeteinnahmen, erklärt Zentralbank-Vizechef Alexej Uljukajev.

Die Wirtschaftskrise hatte zu einem Budgetdefizit geführt. War bisher für 2011 ein Defizit von 3,6 Prozent des BIPs veranschlagt, so könnte es nun auf unter zwei Prozent fallen, sagt Finanzminister Alexej Kudrin. Schon könne man sich erlauben, weniger Anleihen als geplant zu platzieren und das Budgetloch nicht mehr mit dem Reservefonds zu stopfen.

Im Gegenteil: Der Fonds könnte sich bis Jahresende auf 1,45 Bio. Rubel verdoppeln, was immer noch nur ein Drittel des Volumens zu Beginn der Krise ist. Diese hat Russland das Elend der Abhängigkeit von Öl vor Augen geführt. Allein Öl und Gas machen knapp 50 Prozent der Exporteinnahmen aus.

 

Ölpreis als Entwicklungshemmer

Die Wirtschaft zu diversifizieren gilt daher als Medwedjews Credo. Angesichts höherer Ölpreise wird dies aber nur noch schwerer. „140 Dollar je Fass wären für Russland eine Katastrophe“, sagt Medwedjew zu entsprechenden Prognosen: „Es wäre die Vernichtung aller Anreize zur Entwicklung.“

Vor allem die Entwicklung der rohstofffernen Sektoren wird durch den nun steigenden Rubel behindert, gleich wie der Import zum Schaden der eigenen Unternehmen begünstigt wird. Weil die Zentralbank zur dringenden Inflationsbekämpfung diese Woche den Leitzins angehoben und die Bandbreite des Rubelkurses ausgeweitet hat, wird der Rubel vorerst weiter steigen.

Die Machthaber freuen sich über die Petrodollars aber allemal. In wenigen Monaten sind Parlaments- und in einem Jahr Präsidentenwahlen. Bei Bedarf ist Geld vorhanden, um Budgetausgaben zu erhöhen.

Auf einen Blick

Russland verdient als weltgrößter Ölproduzent kräftig an den Revolutionen in Nordafrika.

Der hohe Ölpreis ist aber auch ein Fluch für das Land. In der Krise erwies sich die starke Abhängigkeit vom Öl als fatal für Russland. Bleiben die Preise nun hoch, fehlt der Anreiz zur Entwicklung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2011)