Studie: Ein Berufsheer ist billiger als angenommen

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Eine kleine Profitruppe sei ausreichend, sagt Erich Reiter. Eine Armee nach Vorbild Kanadas und Australiens würde nicht mehr kosten als das heutige Heer. Darabos plädiert für ein Heer mit ergänzender Freiwilligenmiliz.

Wien. Bei der Diskussion um die Zukunft des Bundesheers ist eine Variante in letzter Zeit völlig unter den Tisch gefallen: die eines reinen Berufsheers. Die ÖVP will die Wehrpflicht beibehalten, Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) plädiert für ein Berufsheer mit ergänzender Freiwilligenmiliz. Ein reines Berufsheer kommt viel zu teuer, so Darabos mit Verweis auf die von seinem Generalstab berechneten Modelle.

Das stimmt aber nicht, sagt dazu Erich Reiter, pensionierter Sektionschef im Verteidigungsministerium und überzeugter Anhänger eines Berufsheers. Reiter erstellt gerade eine Studie, deren erster Entwurf der „Presse“ vorliegt und die sich mit der Ausgestaltung und den Kosten eines Berufsheers in Österreich beschäftigt. Er kommt dabei zu gänzlich anderen Ergebnissen als der Generalstabs – was aber schon allein an den Vorgaben für die Berechnungen der Militärs liegt: Der Auftrag des Ministers hatte gelautet, die Kosten eines Berufsheers mit einer Stärke von 55.000 Mann zu berechnen.

Berufsarmee muss nicht groß sein

Diese Vorgabe sei aber deutlich übertrieben, findet Reiter. Ihm schwebt ein Heer vor, das drei Aufgaben erfüllen kann: Die Erhaltung militärischer Fähigkeiten in einem gewissen Ausmaß, die Teilnahme an anspruchsvollen internationalen Einsätzen sowie die Teilnahme an einer europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sollte diese jemals entstehen. Dabei sei der zweite Punkt – die Teilnahme an anspruchsvollen internationalen Einsätzen – mehr, als das Bundesheer heute zu leisten imstande ist.

Als Größenordnung schweben Reiter dafür eine kleine mechanisierte Division und eine kleine Luftwaffe mit zwei Staffeln Kampfflugzeugen vor. Notwendig wären 15.000 Berufssoldaten und etwa 7000 Zivilbedienstete. Zum Vergleich: Derzeit gibt es ebenfalls rund 15.000 Berufssoldaten und etwas mehr zivile Verwaltungsbeamte, nämlich 9000. Das in der Studie präferierte Berufsheer würde aber eine ganz andere Struktur aufweisen: Während es derzeit 2800 Offiziere und 10.200 Unteroffiziere gibt, sieht Reiter nur einen Anteil von 40 Prozent an Offizieren und Unteroffizieren vor. Das ist auch deutlich weniger, als im Darabos-Modell eines Berufs- und Freiwilligenheers: Dort wären es nämlich rund zwei Drittel.

Bei den Kosten glaubt Reiter, mit den gleichen Mitteln wie derzeit – also 2,1 Milliarden Euro – auskommen zu können. Rund die Hälfte würden die Personalkosten ausmachen, wobei die Gehälter gegenüber dem derzeitigen Stand steigen könnten. Der Rest steht für Betriebsaufwand und Investitionen zur Verfügung, wobei für Letzteres deutlich mehr Geld als jetzt vorhanden wäre, da kein Grundwehrdienst mehr zu finanzieren ist. Reiter hält übrigens eine Verkleinerung der Panzerwaffe und der Artillerie für geboten, bei Kampfflugzeugen und Hubschrauberflotte müsse man dagegen aufstocken. Orientiert hat er sich bei seiner Studie an den Berufsarmeen Kanadas und Australiens, an deren Fähigkeiten man qualitativ anschließen solle.

Faymann will neutral bleiben

Bundeskanzler Werner Faymann hat am Donnerstag bekräftigt, dass sich an der österreichischen Neutralität gar nichts ändern werde. „Wir haben jetzt erst die Sicherheitsstrategie gemeinsam beschlossen. Dabei steht ganz klar die Neutralität im Vordergrund. Im Gegenteil: Es ist die Nato-Option herausgestrichen worden“, so der Kanzler. Die ÖVP hatte in den vergangenen Wochen vermutet, die SPÖ wolle von der Neutralität abrücken, weil der Wiener Bürgermeister Michael Häupl sich für Kooperationen mit den Nachbarländern ausgesprochen hatte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2011)

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