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Rumänien: Neue Autobahn statt alter Bauten

Cristian Ciureanu
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Für die geplante Stadtautobahn in Bukarest werden teils historische Gebäude abgerissen.ss0;-30 sGegner fühlen sich an Ceauşescus Politik erinnert.

[Bukarest] „Eine Autobahn wird unser Leben auch nicht leichter machen“, schimpft Taxifahrer Alexandru Chirita, während er in seinem müden Dacia durch Bukarest kurvt. An einer roten Ampel bleibt er abrupt stehen, dann geht es im Schneckentempo weiter. Der Verkehr staut sich an jeder Ecke.
Das Straßennetz der rumänischen Hauptstadt Bukarest ist dem Verkehr kaum noch gewachsen. Über eine Million Autos sind zur Zeit in Bukarest registriert, rund 100.000 kamen allein im Vorjahr dazu. Das entspricht etwa zwei Autos pro drei Einwohner, mehr als in Moskau oder New York. Die Regierung plant deshalb eine Stadtautobahn, die quer durch Bukarest führen soll.

Auf einen Blick Bukarester Stadtautobahn

In Bukarest gibt es aktuell mehr Autos pro Einwohner als in Moskau oder New York. Doch das Verkehrsnetz ist nicht an die neuen Bedingungen angepasst, die Straßen sind zu schmal. Eine vierspurige Stadtautobahn soll das immense Verkehrsproblem in Bukarest nun lösen. Bürgerplattformen protestieren jedoch heftig gegen das ehrgeizige Projekt, für das viele Altbauten verschwinden müssen. Die Gegner warnen vor einer weiteren Zerstörung der Stadt. Sie fühlen sich an die Achtzigerjahre erinnert, als der Diktator Ceauşescu für seine gigantischen Baupläne etliche historische Straßenzüge in Bukarest abreißen ließ. Das Stadtbild könnte durch die Pläne an Reiz verlieren.

Denkmalschutz ade?


Umweltschützer und zivile Organisationen fürchten, die vierspurige Straße könnte die Substanz und das Stadtbild Bukarests zerstören. Denn für den Neubau muss ein gutes Dutzend denkmalgeschützter Bauten abgerissen werden. Drei Häuser sind bereits verschwunden, darunter ein Hotel im Stil des Art déco.
Nicht nur deshalb ist die Trassenführung umstritten. „Warum braucht Bukarest eine Verkehrsschneise mitten durch die Stadt, wenn man auch drum herum einen Ring bauen könnte?“, fragt beispielsweise Mircea Ilie, Vizepräsident der Protestorganisation Viitor Plus.
„In den 1930er-Jahren wurde erstmals erwähnt, dass ein Boulevard gebaut werden müsste. Doch seit der Zwischenkriegszeit hat sich die urbane Mentalität geändert“, so Ilie. „Wir wiederholen die Fehler, die im Westen in den 1970er-Jahren gemacht wurden. Dort versucht man gerade, diese zu beheben, und wir lernen nichts daraus.“ Bukarest solle lieber nach dem Vorbild anderer europäischer Städte handeln, meint er: Autos immer mehr aus dem historischen Zentrum verbannen und die Bevölkerung ermutigen, aufs Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Cristian Ciureanu


Der Stadtbebauungsplan wurde schon vor Jahren bewilligt, doch erst in diesem Winter begann der Abriss der ersten Gebäude. Zuvor waren Verhandlungen zwischen der aus 40 Organisationen bestehenden „Plattform für Bukarest“ und der Stadtverwaltung gescheitert. Es kam auch zu Protestaktionen in der Innenstadt, die zwar erfolglos blieben, aber dazu führten, dass die Arbeiten um mindestens eineinhalb Monate in Verzug gerieten. Bürgermeister Sorin Oprescu droht deshalb damit, demonstrierende Vereine vor Gericht zu bringen.

Lösung gesucht


Aber nicht alle Bukarester lehnen das Bauprojekt ab. Die meisten sind von den verstopften Straßen und Staus entnervt. „Jede Straße, die meine täglichen Fahrten verkürzt, muss gebaut werden“, sagt etwa Alin Bradu. Der 31-Jährige sitzt täglich rund drei Stunden im Auto, um einige Kilometer zur Arbeitsstelle zu fahren. „Das Verkehrsproblem in Bukarest muss gelöst werden“, meint er. „Auch wenn das bedeutet, dass ein paar Gebäude abgerissen werden oder einige Familien im Interesse der Mehrheit umziehen müssen. Außerdem waren die meisten Altbauten hier ohnehin schon marode.“
Die Gegner des Autobahnprojekts argumentieren indes auch historisch, sie fühlen sich durch die Pläne für die Autobahn an die hochtrabenden Visionen von Diktator Nicolae Ceauşescu erinnert. Unter dessen Regierung wurden Mitte der 1980er-Jahre etliche historische Straßenzüge in Bukarest abgerissen, um das gigantische „Haus des Volkes“, den heutigen Parlamentspalast, zu bauen. 40.000 Gebäude, die meisten mit historischem Wert, sind im Bukarest der 1980er-Jahre abgetragen worden. Die Fläche entspricht etwa der der Stadt Venedig.


Nun wird befürchtet, dass die wenigen noch verbliebenen historischen Bauten der neuen Stadtautobahn zum Opfer fallen könnten. Damit würde sich das Stadtbild von Bukarest markant und unwiederbringlich verändern.

Bleibt das Chaos?


Taxifahrer Alexandru Chirita bremst scharf ab und drückt auf die Hupe. Er steht wieder im Stau. Von der neuen vierspurigen Trasse quer durch Bukarest will er dennoch nichts wissen: „Das Verkehrschaos wird bleiben, denn die Straßen hier sind generell zu schmal. Daran ändert auch eine Stadtautobahn nichts“, sagt er.