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Die Fäden in Europa

Wie kommt es, dass eine Moschee in München als viertwichtigste der islamischen Welt gilt? Zwei Journalisten recherchierten penibel das bei den Nazis beginnende Netzwerk der europäischen Muslimbrüder. Eine Enthüllung.

Man nehme Moslems aus der Sowjetunion, dazu Nazi-Deutschland und lasse beides Aufkochen; das Ganze wird mit einem kräftigen Schuss CIA abgeschreckt, dann gebe man radikal-islamische Muslimbrüder aus dem arabischen Raum dazu, ziere das Gericht mit einem schlanken Minarett – und fertig ist das Ragout „Islamisches Zentrum München“. Kochrezept beiseite, aber Nazis, sowjetische Überläufer, US-Spione, Muslimbrüder – das riecht zunächst tatsächlich nach einem wirren, wüsten Verschwörungsthriller, in dem nichts so richtig zueinander passen kann. Doch die zwei hier rezensierten Bücher gehören nicht in die Kategorie Fiktion, sondern sind vielmehr erstklassig ausrecherchierte Sachbücher: das eine von dem kanadisch-amerikanischen Journalisten und Pulitzer-Preisträger Ian Johnson, das andere von Stefan Meining, einem politischen Redakteur des Bayerischen Rundfunks.

Ian Johnson, der viel über die Hintergründe des 11.September recherchierte, stieß auf dieses Thema in London. In einem Buchladen, spezialisiert auf radikalislamische Literatur, entdeckte er eine eigenartige Weltkarte über den Prozentanteil von Moslems in den einzelnen Ländern der Welt. Den Rand der Karte schmückten Bilder der bedeutenden Moscheen: die Große Moschee in Mekka, der Felsendom in Jerusalem, die Blaue Moschee in Istanbul – und: das Islamische Zentrum München. Die bayerische Landeshauptstadt als ein Zentrum des Weltislam? Warum ausgerechnet München? Johnson wollte es herausfinden. Der promovierte Historiker Stefan Meining arbeitete schon seit etlichen Jahren am Thema Muslime in Deutschland, drehte darüber auch TV-Dokumentationen. Nun stellt er seine Recherchen in Buchform vor.

 

Moslems in Kriegsgefangenschaft

Um diese ganze, auf den ersten Blick so wirr erscheinende Geschichte zu verstehen, muss man zurück in den Zweiten Weltkrieg, hinein in den Weltanschauungs- und Eroberungskrieg, den Hitler-Deutschland ab Juni 1941 gegen Stalins Sowjetunion führte. In der ersten, noch erfolgreichen Phase dieses Aggressionskrieges gerieten Millionen Sowjetsoldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft, darunter auch Moslems aus Zentralasien und dem Nordkaukasus. Viele von ihnen hassten Stalin und waren bereit, auf die Seite der Nazis zu wechseln. Also begannen die Deutschen, Einheiten aus gefangenen Angehörigen der Turkvölker aufzustellen.

Meining schreibt, dass verlässliche Zahlen über Muslime, die im Zweiten Weltkrieg eine deutsche Uniform trugen, nie ermittelt werden konnten. Johnson wiederum hält fest: „Ende 1942 waren es ungefähr 150.000 Türken, Kaukasier und Kosaken und im Laufe des ganzen Krieges etwa eine Million Sowjets verschiedener Glaubensrichtungen und Ethnien, die bei den Deutschen, meist auf nichtmilitärischen Posten, dienten.“

Die Organisierung und Instrumentalisierung von Moslems aus der Sowjetunion für die Zwecke der Nazis oblag dem „Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“ – kurz: „Ost-Ministerium“. Hier hatte sich ein Baltendeutscher Turkologe hochgedient, ein „Spezialist für Volks- und Nationalitätenkunde der sowjetasiatischen Völker“ namens Gerhard von Mende. Er machtesich im nationalsozialistischen Herrschaftsapparat für die Strategie stark, „die Sowjetunion von innen heraus durch Hilfe der nichtrussischen Völker aufzubrechen“ (Meining). Wichtig war ihm dabei nicht die Konfession, sondern die Nation. Johnson meint dazu: „So machten die Nationalsozialisten den verschiedenen nichtrussischen Ethnien Hoffnung auf unabhängige Staaten, obwohl sie natürlich nie vorhatten, diese Hoffnungen zu erfüllen.“

Alle Eroberungs- und Weltgestaltungsfantasien der Nazis zerschellten in der totalen Niederlage des Jahres 1945. In der vom Dritten Reich hinterlassenen Trümmerlandschaft irrten auch rund acht Millionen „Displaced Persons“ umher – ehemalige Zwangsarbeiter, Überlebende der Konzentrationslager, deutschstämmige Flüchtlinge aus dem Osten sowie zu den Deutschen übergelaufene Sowjets. Unbarmherzig wurde von den westlichen Alliierten ein Großteil der rund zwei Millionen Sowjetbürger „repatriiert“, viele von ihnen erwartete in der Heimat die Fortsetzung ihres Leidensweges. Aber zahlreiche sowjetische Moslems, die in den Nazistrukturen Karriere hatten machen können, entgingen der Auslieferung. Damit beginnt das nächste Kapitel dieser Geschichte.

Im bald nach Kriegsende einsetzenden Kalten Krieg entdeckten plötzlich die westlichen Besatzungsmächte die in Deutschland gestrandeten Flüchtlinge. Meining: „Nach 1945 waren die Vereinigten Staaten der ,natürliche Verbündete‘ der überlebenden Freiwilligen und Emigranten aus der Sowjetunion.“ Also wurden sie umworben und auch eingesetzt, vor allem in dem gegen die Sowjetunion agitierenden US-Propagandasender „Radio Liberty“ mit Sitz in München. Folge: „In vielerlei Hinsicht waren die nichtrussischen Redaktionen (des US-Senders) Kopien der Nationalkomitees des Ostministeriums, mit ähnlichem Personal und der Verwendung von Begriffen aus der NS-Nomenklatur“, schreibt Johnson. Auch die Amerikaner, ebenso wie schon der Nazi-Stratege Gerhard von Mende, sahen die Moslems aus dem Kaukasus und Zentralasien dabei als ein (Propaganda-)Instrument an, um die Sowjetunion von innen heraus auszuhöhlen; schließlich lebten damals rund 30 Millionen Moslems in der UdSSR.

Die Bundesrepublik aber hatte ihre eigenen Vorstellungen, um die gestrandeten Moslems für ihre Zwecke einzuspannen und den Islam politisch zu nutzen: „Die muslimischen Flüchtlinge sollten mithelfen, bundesdeutsche Interessen in der islamischen Welt zu vertreten“, fasst Meining die Absichten zusammen. Treibende Kräfte dieser Strategie: der Russlandkrieger, Volkstumspolitiker und Vertriebenenminister von 1953 bis 1960, Theodor Oberländer – und: Gerhard von Mende, der ein von verschiedenen Bonner Ministerien finanziertes „Büro für heimatvertriebene Ausländer“ aufbaute, das im Grunde nichts anderes als eine Art privater Kleingeheimdienst war.

Mithilfe ihrer früheren moslemischen „Kameraden“ in Wehrmacht und SS wollten sie eine „geschlossene mohammedanische Gemeinde heimatloser Ausländer und politischer Flüchtlinge“ aufbauen – ein Projekt, das nicht nur für die Propagierung deutscher Positionen in der islamischen Welt, sondern auch gegen die Amerikaner gerichtet war. Auch der Bau einer Moschee in München gehörte zu diesen Plänen.

Doch das Projekt, den Islam in den Dienst der Bonner Politik zu stellen, scheiterte. Ab Mitte der 1950er-Jahre kamen immer mehr muslimische Studenten, vor allem aus Ägypten, in die Bundesrepublik; viele von ihnen waren Muslimbrüder, die in ihrer Heimat vom Nasser-Regime verfolgt wurden. In München fand sich die Avantgarde dieser Geflüchteten zusammen, an der Spitze Said Ramadan. Über diesen Begründer des politischen Islam in Europa gebe es bis heute keine Biografie, beklagt Meining, obwohl er vielerorts Spuren hinterlassen hat.

Ramadan ist der Schwiegersohn von Hassan al-Banna, dem Begründer der Muslimbruderschaft – einer Bewegung, die die Trennung von Religion und säkularer Welt ablehnt (auf Erden sollen Allahs Gesetze gelten), die radikal antisemitisch ist und die eine wahre Meisterschaft in der Herausbildung konspirativer Strukturen entwickelt hat. Zug um Zug verdrängten diese „Araber“ in der Münchner Moscheebaukommission die von den Deutschen favorisierten „Exsoldaten“. Auch der US-Geheimdienst CIA spielte bei diesem Verdrängungsprozess eine Rolle – welche genau, konnte keiner der beiden Autoren herausfinden, weil die entsprechenden Unterlagen weiter unter Verschluss sind.

 

In erster Linie Muslimbruder

Die Deutschen verloren in der Folge ihr Interesse an den Geschehnissen in der Moslemgemeinde, auch die Amerikaner wendeten in den Sechzigerjahren ihre Aufmerksamkeit verstärkt ihrem Krieg in Vietnam zu. Sie hatten Said Ramadan in erster Linie als Antikommunisten angesehen, den man im ideologischen Kampf gegen den Weltkommunismus und die sozialistischen arabischen Regime einsetzen konnte. Ramadan war zwar auch Antikommunist, aber vor allem war er Muslimbruder: „Er war vor allem daran interessiert, Menschen um sich zu scharen – aus Machtgründen. Und diese Macht wollte er einsetzen, um die Vision der Muslimbruderschaft vom Islam zu verbreiten“, zitiert Johnson aus einer CIA-Analyse.

Von Deutschen und Amerikanern praktisch unbehelligt, konnte Ramadan von München und Genf aus sein Netzwerk in Deutschland und in ganz Europa aufbauen. Zwar dauerte es bis 1973, bis in München eine Moschee stand, erst die finanzielle
Hilfe Gaddafis hatte die Errichtung überhaupt möglich gemacht. Aber Ramadans Organisationsstrukturen waren inzwischen eingerichtet, die Fäden in ganz Europa gespannt. Erst nach den Terroranschlägen des 11.Septembers richteten die deutschen Sicherheitsbehörden ihre volle Aufmerksamkeit auf das Münchner Islamische Zentrum und das von dort aus gesponnene Netzwerk.

Beide Autoren werfen der Bundesrepublik jahrzehntelange Versäumnisse im Umgang mit dem politischen Islam vor, Meining noch schärfer als Johnson: „Die mit saudiarabischer Unterstützung still und heimlich vorangetriebene Islamisierung Europas wurde meist nicht zur Kenntnis genommen. Nahezu ungestört von Politik und öffentlicher Aufmerksamkeit entstand auf dem Gebiet der Bundesrepublik ein System von Vereinen, Unternehmen und Moscheegemeinschaften, die die Ideen eines politischen Islam verbreiteten.“

Beide Bücher haben ihre Stärken: Meinings Buch ist in der Beschreibung der Durchdringung der Bundesrepublik mit dem Gedankengut der Muslimbruderschaft viel detaillierter, und es enthält auch Fotos der diversen Protagonisten. Interessant sind auch die Erkenntnisse, die er in den Stasi-Unterlagen der DDR gefunden hat. Selbst die über die Geschehnisse in der arabischen Welt, vor allem in den von linken Nationalisten regierten Ländern gut informierten kommunistischen Geheimdienste konnten mit der Muslimbruderschaft nicht wirklich etwas anfangen.

Ian Johnson hat stellenweise einen etwas weiteren Blick auf das Geschehen vorzuweisen, geht mehr auf die internationalen Implikationen ein. Beide Bücher sind höchst lesenswert, ergänzen sich in vielen Punkten, wenn es auch manche Überschneidungen gibt. Zwei grelle Scheinwerferlichter also auf ein bisher weitgehend unbeleuchtetes Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte im 20.Jahrhundert. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2011)