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Deutschland: Totalschaden bei Biosprit-Einführung

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Aus Sorge um ihre Motoren boykottieren Autofahrer den neuen Biosprit E10. Und das, obwohl neun von zehn Autos den Kraftstoff problemlos vertragen. In Österreich soll E10 im Herbst 2012 an die Tankstellen kommen.

. . Undichte Leitungen, kaputte Tanks, Motorschäden. Die Sorge vor möglichen Nebenwirkungen des neuen Biokraftstoffs E10 ist groß. Seit Februar wird er an deutschen Tankstellen verkauft. Doch die Kunden boykottieren das Benzin mit zehn Prozent Ethanolanteil und greifen lieber zum bis zu acht Cent teureren Super plus. Die Autofahrer sind verunsichert. Sie wissen nicht, ob ihr Fahrzeug den Kraftstoff verträgt oder nicht. Die Folge: Herkömmliche Benzinsorten werden knapp, die Tanks mit dem Biosprit gehen hingegen bald über.

 

Zu wenig Information für Kunden

Eilig verkündete die Mineralölbranche einen Stopp der E10-Einführung, zog die Ankündigung nur wenig später wieder zurück. Plötzlich sind sich in Deutschland fast alle einig, dass der Biosprit „überstürzt“ eingeführt wurde. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sucht mit der Einberufung eines „Benzingipfels“ zu beruhigen. Beim Plan der Deutschen, Autofahren ein wenig grüner zu machen, ist offenbar alles, was nur schiefgehen konnte, letztlich auch schiefgegangen. Die Tatsache, dass neun von zehn Autos E10 ohne Probleme vertragen, geht im Chaos unter. Denn die Kunden wissen nicht genau, ob sie auch so ein Auto besitzen. In der Frage, wer sie darüber hätte aufklären sollen, schieben Regierung und Mineralölbranche den Schwarzen Peter hin und her.

Hierzulande sind dem Benzin derzeit maximal fünf Prozent Ethanol beigemischt. „Keine Gefahr – auch für alte Autos“, beruhigt Max Lang, Cheftechniker beim Autofahrerklub ÖAMTC. Schon im Oktober 2012 will aber auch Österreich dem Ruf aus Brüssel nach höheren Biotreibstoffquoten folgen und E10 einführen.

 

Auch jüngere Autos betroffen

Viel zu früh, rufen nun der Autofahrerklub ARBÖ und die Mineralölbranche. Man solle aus dem Chaos in Deutschland lernen und die Einführung um ein paar Jahre verschieben. Schließlich seien auch hierzulande bis zu 500.000Autos nicht für E10 gerüstet. Umweltminister Niki Berlakovich will davon nichts hören. Sobald die EU-Norm erlassen sei und der Kraftstoff den „technischen Anforderungen entspreche“, werde er eingeführt.

Nicht immer muss die Ökologisierung des Verkehrs in Panik enden. In Frankreich etwa hat die Einführung von E10 problemlos geklappt. Anders als in Deutschland wurde den französischen Autofahrern aber auch erklärt, dass alle Modelle ab dem Baujahr 2000 E10-verträglich seien. Ganz stimme das leider nicht, warnt Lang. Auch die Aluteile jüngerer Modelle würden vereinzelt vom hohen Ethanolanteil im Benzin angegriffen. Der Umweltminister will dennoch an E10 festhalten. Die Autofahrerklubs warnen hingegen vor neuen Belastungen. Die entsprechende Verordnung über die Einführung von E10 ist in Begutachtung. Wird sie unverändert umgesetzt, könnte es für manche tatsächlich teurer werden.

Die Mineralölfirmen, so steht es im Entwurf, wären nur ein Jahr verpflichtet, neben E10 auch Superbenzin mit weniger Ethanolanteil anzubieten. Wer dann noch mit einem Auto fährt, das E10 nicht verträgt, müsste wohl oder übel auf das teurere Super plus ausweichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2011)