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Ukraine: Der Zweck heiligt die Brust

"Der Busen ist eine Waffe": Im Kampf für Demokratie und die Rechte der Frauen greift die ukrainische Organisation "Femen" zu freizügigen Mitteln. Die effektvollen Auftritte enden mitunter im Gefängnis.

Nein, es ist kein Puff. Und auch auf dem Table wird nicht getanzt. Die Bezeichnung des Lokals in der Kiewer Puschkin-Straße hat Gegenteiliges vermuten lassen. „Cupido“ haben sie es nach dem römischen Gott der Liebe oder vielmehr Begierde genannt, damit die braven ukrainischen Passanten im Zweifelsfall draußen bleiben und lieber in die benachbarte „Wiener Konditorei“ auf eine Melange gehen.

Die schlimmeren Ukrainer und Ukrainerinnen sitzen im „Cupido“ im Keller. Falls die Wände hier einmal gestrichen wurden, ist's jedenfalls lange her. Die wohltemperierte Lautstärke der Musik erlaubt es, dass die eine hier liest und ein anderer dort auf dem Laptop E-Mails checkt. Eine Studentengruppe hat augenscheinlich Ferien, ein Pärchen sichtlich kein Zuhause. Nur hinten im Eck herrscht eine Form von Geschäftigkeit, die Ernst erahnen lässt. Blondinen kommen, Blondinen gehen, Blondinen diskutieren. „Manchmal verirrt sich auch die Polizei hierher“, sagt Alexandra Schewtschenko, eine aus dem Führungsteam der blonden Schönheiten: „Und zwar dann, wenn sie wieder jemanden von uns sucht.“

Die vor drei Jahren gegründete Frauenvereinigung, genannt „Femen“, ist den Ordnungshütern ein Dorn im Auge. Und weil der Staat nach einem demokratischen Intermezzo wieder verstärkt autoritär geführt wird, gilt sie gar als Gefahr. Das angeblich Bedrohliche ist der zivile Protest: In Blitzaktionen, vorbereitet in ihrem dauerprovisorischen Kneipenbüro Cupido, demonstrieren die Mitglieder von Femen auf Kiews Straßen für politische Freiheiten und die Rechte der Frauen.


„Der Busen ist eine Waffe“.
Nicht weiter ungewöhnlich, wäre da nicht die Art des Auftritts: Die Aktivistinnen demonstrieren meist oben ohne. „Wir glauben, dass die einzige Möglichkeit, ein Maximum an Aufmerksamkeit für ein Problem zu erregen, der Protest mit der entblößten Brust ist“, sagt Anna Huzol (26), Gründerin und gemeinsam mit Schewtschenko Leiterin von Femen: „Der Busen ist eine Waffe, vor der die Machthaber Angst haben. Zuerst schauen die Leute auf unsere Brust – und dann auf die Transparente.“

Auf den Plakaten findet sich höchst Unterschiedliches. In der Regel prägnant formuliert. Und mitunter in der Vulgärsprache des Mutterfluchs. „Wie kommt es, dass Du so eine Fotze bist?“, fragten die Aktivistinnen jüngst im Rahmen einer putinesken mehrstündigen TV-Fragestunde, die der halbautoritäre Präsident Viktor Janukowitsch zum Jahrestag seiner Inauguration hielt.

Janukowitsch, durch die „Orange Revolution“ 2004 entmachtet, feierte im Vorjahr sein Comeback und schaffte es, binnen weniger Monate alle Gewalten des Staates unter seinen Einfluss zu bringen. Schon während der Wahl vor einem Jahr hat Femen vor dem Wahllokal, wo Janukowitsch seine Stimme abgab, vor einer möglichen Okkupation des Landes durch Janukowitschs milliardenschwere Oligarchen gewarnt: „Rettet uns, wir werden vergewaltigt“, lautete der Slogan, der Passanten aufschreckte. „Es ist nicht die Zeit für Nettigkeiten“, sagt Alexandra Schewtschenko, die eben erst 22 geworden ist und gerade ihr Wirtschaftsstudium beendet: „Ja, wir treten aggressiv auf.“

Das trifft auch fremde Politiker. „Wir schlafen nicht mit Zwergen aus dem Kreml“, ließen sie bei einer Aktion wissen, als sie bei einem Besuch von Russlands kleinwüchsigem Premier Wladimir Putin in der Ukraine den Ausverkauf des Landes witterten. „Ukraine ist nicht Alina. Uns wirst Du nicht ficken“, spielten sie auf das Gerücht an, dass Putin mit der Olympia-Turnerin Alina Kabajewa zusammenlebe und einen Sohn habe. Und als die Aktivistinnen jüngst ihre Slips auf die italienische Botschaft warfen, um gegen die Sex-Eskapaden von Italiens Premier Berlusconi festzuhalten, dass „Italien kein Bordell“ sei, wurden drei Aktivistinnen abermals vor Gericht verurteilt.


Hände und Füße brechen. Hauptangriffspunkt bleibt die Innenpolitik. Der Geheimdienst hat daher begonnen, über Vorstände von Universitätsinstituten Druck auf die etwa 300 Femen-Mitglieder in Kiew auszuüben. Als Huzol dagegen wieder eine Topless-Aktion plante, wurde sie von Agenten aus der Wohnung gezerrt und mit einer Liste von Mitgliedern konfrontiert, denen man „Hände und Füße brechen“ werde. Die Protestaktionen waren bisher immer angemeldet. In der Tat stoßen sich die Behörden auch nicht an der Entblößung der Brüste, sie lösen die Aktionen gewöhnlich wegen „leichten Rowdytums“ auf.

Für Femen hat es nichts mit Rowdytum zu tun, wenn sie auf strukturelle Frauenfeindlichkeit hinweist. Es gehe laut Huzol nicht nur darum, dass die „Ukraine keine Vagina“ ist, wie sie eine ihrer ersten Aktionen gegen den Sextourismus in die Ukraine nannten. Die Sache sei komplexer: Ein Mangel an Demokratie manifestiere sich besonders im Mangel an Frauenrechten.

Political Correctness ist eben kein vorrangiges Gebot eines Transformationsstaates. „Gebt den Frauen die Harems zurück!“, heißt ein Buch des umstrittenen ukrainischen Schriftstellers Oles Busina, dem Schewtschenko dafür bei der Präsentation eine Torte ins Gesicht warf. Femen würde das Image der Ukraine verderben und mit ihren Aktionen vor der Fußball-EM 2012 Reklame für den Sextourismus betreiben, schrieb Busina in einem offenen Brief.

Während westliche Medien meist begeistert sind vom basisdemokratischen Protest der Organisation und Femen selbst behauptet, täglich bis zu hundert Unterstützungsbriefe und monatlich 15 neue aktive weibliche Mitglieder zu erhalten, braucht man die Skeptiker nicht nur im emanzipationsfeindlichen Lager eines Busina suchen. „Wenn Du immer dasselbe Protestmittel anwendest, werden Effekt und Sinn ausgehöhlt“, sagt Oksana Sabuschko, renommierteste Schriftstellerin der Ukraine, die Femen für einzelne Aktionen schon mal Beifall spendete.

Sabuschko ist die Pionierin des ukrainischen Feminismus. 1996 hat sie mit „Feldstudien über ukrainischen Sex“ einen Sensationsroman publiziert, der mittlerweile in der 13.Auflage erscheint und in 15 Sprachen übersetzt wurde. Als Erste hat die 50-Jährige die aus der Sowjetzeit ererbte Sklavenmentalität ihres Volkes in Form eines inneren Monologes seziert und entlarvt, wie sich der gesellschaftliche Machtkampf gerade auch im Sexismus slawischer Art spiegelt. Später wurde Sabuschko eine der aktiven Trägerinnen der Orangen Revolution. „Sich auszuziehen, ist eine starke Methode“, sagt sie Richtung Femen: „Sie muss dosiert und zielsicher angewendet werden.“ Das sei bei Femen nicht der Fall, wie es in einer feministischen Analyse dazu heiße: Die jungen Aktivistinnen würden den weiblichen Körper in eine patriarchalische Struktur einbetten.

Die Protestmüdigkleit ist da. 20 Jahre nach der Unabhängigkeit des Staates ringen seine Bürger nicht nur um nationale Identität. Die Zivilgesellschaft ringt auch um die Form des Protestes und seine Inhalte, nachdem die in der Orangen Revolution errungenen Freiheiten wieder flöten gehen und eine großflächige Protestmüdigkeit eingetreten ist.

Von sowjetbedingtem Mangel an Protestkultur spricht Femen-Frau Schewtschenko, während sie im Cupido an einem Bier nippt. Aber auch Femen hat eine stringente politische Position noch nicht formuliert. Von Parteien jeder Couleur sei man eingeladen worden, sagt Huzol: „Wir haben abgesagt, weil man uns nur benutzen will. Wir wollen eine eigene Partei gründen.“

Vorher aber wird demonstriert bis zum Abwinken. Das kann dauern. „Das Land hat viele Probleme“, sagt Schewtschenko: „Und die sind erst mal wichtiger als Kinderkriegen, was ich nach traditioneller ukrainischer Lebensart längst müsste.“ Wann sie das zu tun gedenkt? „In frühestens zehn Jahren.“

„Femen“ nennt sich eine aktionistische Frauengruppe in der Ukraine mit Hauptsitz in Kiew, genauer gesagt in einer ziemlich wilden Bar. Die Gruppe ist berühmt-berüchtigt für laute Oben-ohne-Proteste und deftige Sprüche unter Verwendung allerhand derber
Schimpfwörter.

Allerdings (oder wie erwartet) ist „Femen“ nicht einmal unter Feministinnen unumstritten – von dort heißt es mitunter, die Aktivistinnen würden ihre Aktionen wieder nur „in eine patriarchalische Struktur einbetten“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)