International tätige Designerin und Jungmutter, lebt, arbeitet und erzieht in Wien? Nicht die gängigste Kurzvita in der Branche, es lässt sich aber bewerkstelligen.
Das Kleinkind schlummert in der Wiege, während die kreative Mutter ein paar Entwürfe für die nächste Kollektion zu Papier bringt. Nebenan nähen eifrige Mitarbeiter an Musterstücken, Produzenten und Lieferanten befolgen klaglos die per E-Mail versandten Anweisungen; Kreativjob und Muttersein lassen sich perfekt vereinen. Sieht so der Alltag von Mode machenden Jungmüttern aus? Oder doch ganz anders? Wie groß ist der Druck, keine saisonal stattfindende Kollektionspräsentation auszulassen, welche Rolle spielt die Befürchtung, hart erkämpfte Kunden zu verlieren – und gibt es ein adäquates Angebot an Kinderbetreuung? „Die Presse am Sonntag“ hat sich bei ein paar Designerinnen mit Nachwuchserfahrung umgehört.
Umdenkprozess. Für Christiane Gruber, Designerin des von ihr gegründeten Labels Awareness & Consciousness und seit neun Monaten Mutter von Ava, bot sich die Babypause als Phase der Neuorientierung an: „Ich wollte mir in dieser Zeit ganz bewusst auch überlegen, wie ich künftig weiterarbeiten kann, und ob es wirklich der einzig mögliche Weg ist, in Paris die Kollektion zu zeigen.“ Gruber ist in Österreich und im Ausland nicht unbekannt; ihre Kollektionsteile sind aber Einzelstücke, die mit aufwendiger Technik von Hand gearbeitet werden müssen. „Da gibt es nichts, was ich so einfach abgeben kann. Mit Kind und ohne gut eingespieltem Team war es nicht möglich, gleich weiterzuarbeiten.“ Nachdem sie bewusst eine Saison ausgelassen hatte, wollte Gruber dennoch gleich nach der Geburt ihrer Tochter zu arbeiten beginnen. „Als Ava da war, habe ich aber bald gesehen, dass es nicht so ging, wie ich mir das vorgestellt hatte: Der Tag war im Nu um, ohne dass ich zum Arbeiten gekommen bin.“ Der Plan, schon im März 2011 wieder in Paris zu zeigen, ist nicht aufgegangen. Eine kleine Kollektion in limitierter Auflage wurde aber doch fertig; sie wird zum Beispiel in der Wiener Boutique Park erhältlich sein. Die Designerin hat ihre Kunden selbst kontaktiert und überlegt, ob diese Vorgehensweise auch in Zukunft eine für sie günstige Vertriebsschiene sein könnte. Wäre sie nicht Mutter geworden, hätte sich das saisonale Präsentationsrädchen wohl bis auf Weiteres ohne große Veränderung weitergedreht.
Pausenlos. Aussetzen? „Das ist insofern schwierig, weil wir dann leider kein Geld hätten, um weiterzuleben“, lautet der knappe Kommentar von Simone Springer, die mit ihrem Partner Yuji Mizobuchi das Schuhlabel rosa mosa betreibt und die gemeinsame Tochter Louise, drei Jahre alt, erzieht. „Das ist der Nachteil, wenn man zu zweit in dem Business steckt.“ Noch mit Wehen sei sie im Atelier gestanden, während der Rest des Teams auf der Modemesse in Paris war. „Ich glaube, das ist ziemlich normal, wenn man diesen Beruf ausübt. Im Grunde hat man keine andere Wahl.“ Auch weil sie sich selbst für unverzichtbar im Geschäfts- und Kreativalltag hielt, kehrte Springer schon weniger als eine Woche nach der Geburt von Louise ins Atelier zurück, bis sie einen gesundheitlichen Rückschlag erlitt und sich zu Hause auskurieren musste. „Dann war es zwei Monate lang so, dass ich immer, wenn sie geschlafen hat, Telefonate führte oder E-Mails schrieb. Viel Arbeit wurde in der Nacht erledigt; ab ihrem dritten Monat haben wir eine Babysitterin engagiert, die sich an drei Tagen halbtags um sie gekümmert hat.“ Das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen sei für ihre Bedürfnisse unzureichend gewesen, meint Simone Springer, und dass man Kinder frühestens mit zehn oder zwölf Monaten in einer Spielgruppe unterbringen kann, komme einer Frau in ihrer Position wenig entgegen.
Daueraufgabe. Die Idee, eine Pause zu machen, passte auch Ute Ploier nicht ins Konzept. Vor vier Monaten brachte sie Tochter Matilda zur Welt und nahm sowohl ihre Verpflichtung bei Gössl-Trachtenmoden ohne Unterbrechung wahr, wie sie auch im Jänner eine Kollektion in Paris zeigte: „Ich kenne ja meine Branche und weiß, dass es ausgesprochen ungünstig ist, für eine oder mehrere Saisonen auszusetzen.“ Zusätzlich seien Fixkosten für Studiomiete und Mitarbeiter in Betracht zu ziehen. „Als Unternehmerin kann ich nicht einfach so in Karenz gehen. Die Arbeit läuft weiter, Designentscheidungen müssen getroffen werden, Kunden sind zu betreuen. Nach der Geburt war ich schon nach einer Woche wieder erreichbar und habe von zu Hause Aufgaben koordiniert.“ Ploier hat für Matilda in ihrem Atelier einen kleinen Raum eingerichtet, in den sie sie jetzt, wo die beiden mobiler sind, mitnimmt. „Das ist wiederum ein Vorteil an der Selbstständigkeit; dass ich das Kind in die Arbeit mitnehmen kann.“ Um einen Kinderbetreuungsplatz hat sie sich trotzdem bereits umgesehen: „Der Plan war, sie ab einem Jahr in einer Kindergruppe unterzubringen. Wir werden sehen. Wenn es sich gut einspielt, dass sie im Studio ist, ist das vielleicht gar nicht nötig.“ Der Umstand, dass auch ihr Lebensgefährte als selbstständiger Architekt oft flexibel agieren und sie unter Umständen auf Geschäftsreisen begleiten kann, wirkt sich ebenfalls erleichternd aus.
Insidernachwuchs. Von ihrem Lebensgefährten, der ebenfalls selbstständig ist, fühlt sich auch Designerin Helga Schania (Wendy & Jim) bei der Betreuung ihrer Söhne Koloman und Thaddäus unterstützt, die, mit heute dreieinhalb und eineinhalb Jahren, bereits in den Kindergarten bzw. eine Spielgruppe gehen. 2007, als ihr erster Sohn geboren wurde, traf sie etwa zeitgleich gemeinsam mit Labelpartner Hermann Fankhauser die Entscheidung, Vertriebs- und Produktionsstrukturen langfristig umzustellen. „Das war komisch, weil in Wirklichkeit ist beides in Parallelwelten passiert.“ Vor Kurzem präsentierten die beiden erstmals wieder eine Kollektion im Ausland, während der London Fashion Week. Auch zuvor hatte es aber einzelne Auftritte des Labels sowie Aufträge für Schania als Filmausstatterin gegeben. „Im 20. und 21.Jahrhundert muss es doch möglich sein, dass ich Kinder habe und den Beruf ausübe, den ich liebe. Und wenn ich nicht Mode mache, bin ich wahnsinnig unglücklich.“ Effizienter sei sie geworden, präziser in der Abstimmung mit Fankhauser: „Das gemeinsame Brüten mit Hermann geht mir ab, obwohl es jetzt schon wieder mehr Zeit gibt, wo beide Kinder in den Kindergarten gehen.“ Seit ihr Sohn Koloman das Defilee von Wendy & Jim bei der letzten departure Fashion Night verfolgte, weiß er jedenfalls, wohin seine Mutter geht, wenn sie das Haus zum Arbeiten verlässt. „Modeschau!“, sagt er dann nur und hält das für die normalste Sache auf der Welt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)