Bücherei: Was steht in der Frauenkoje?

Buecherei steht Frauenkoje
Schwarzer(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)

Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer und dazu ein Ratgeber zur Partnersuche – das findet sich in der Frauenabteilung einer Wiener Bücherei. Ist es das, was Frauen lesen?

Traumprinz gesucht, diesmal im World Wide Web: Dorothee Döring, die selbst über eine „kleine Anzeige das große Glück“ fand, hat einen Ratgeber zum Thema Partnersuche geschrieben, in dem ein großer Part dem Online-Dating gilt. „Das Internet erlaubt es Ihnen, ungestylt, ungeschminkt und in Trainingshosen ein Rendezvous wahrzunehmen“, erfahren wir da. Was die Notwendigkeit betrifft, in Anzeigen zwischen den Zeilen zu lesen, gebe es dagegen keinen großen Unterschied zur realen Welt: Von einem Inserat „Fleißiger Gärtner sucht schlanken, vernachlässigten, weiblichen Garten zum gemeinsamen Umgraben“ dürfe man sich auch im Internet nicht mehr erwarten als ein flüchtiges Abenteuer, wird gewarnt.

Göttinnen in jeder Frau? Den Band mit dem Titel „www.Traumprinz...“ findet man in der Bücherei Zirkusgasse in Wien Leopoldstadt in einer schmalen Abteilung namens „Frauenkoje“. Was auffällt: Den meisten Raum in der „Koje“ nehmen Biografien ein. Unter der Rubrik „Politik“ finden sich gerade einmal sieben Bände, die Naturwissenschaften sind noch magerer bestückt. Weitaus umfangreicher: Die Psychologie mit Bänden wie „Göttinnen in jeder Frau“ oder „Der wahre Bräutigam“, ein Buch, in dem es darum geht, das „kreative Potenzial der inneren Männlichkeit“ auszuschöpfen, was hoffentlich nicht bedeuten soll, dass die „männlichen“ Seiten der Frau kreativer sind als ihre weiblichen. „Das Buch spricht sowohl Gefühl wie Verstand an“ verspricht der Klappentext.

Die Leserin wendet sich mit Grauen und flüchtet aus der Frauenkoje in die Literaturabteilung, in der sich die Bücher von Bachmann, Achleitner, Jelinek, Streeruwitz, Mayröcker, Mischkulnig, Stift, Röggla und anderen finden.

Schade, eigentlich, dieser Fluchtreflex. Denn versteckt neben Ratgebern, die leider zum Teil das Esoterische zu wenig scheuen, finden sich einerseits Klassiker des Feminismus von Simone de Beauvoir über Margarete Mitscherlich bis zu Alice Schwarzer. Andererseits aber auch zeitgenössische Studien, darunter Werke, die sich mit der Rolle der Frau in der islamischen Welt auseinandersetzen. Sehr zu empfehlen: Ruth Klügers Essaysammlung „Frauen lesen anders“. Oder der Band „Frauen, die lesen, sind gefährlich“. Dort findet sich ein wunderschönes Porträt der wunderschönen Marilyn Monroe, wie sie gerade in den „Ulysses“ vertieft ist. Und nein, das Foto ist nicht gestellt: Die Fotografin Eve Arnold berichtet, sie habe die Monroe schon lesend angetroffen: Ihr habe der Ton des Bandes gefallen, aber es sei „harte Arbeit“.

Die junge Frau als Opfer. Übrigens: Auch für junge Frauen gibt es ein eigenes Regal, und zwar in der ansonsten sehr gut bestückten Kinderabteilung. Sechs Bücher zum Thema Anorexie finden sich hier, zwei zum Thema Fettsucht, mehrere Bände widmen sich der Sucht des „Ritzens“, die Heldinnen der restlichen Bände wurden entweder vom Stiefvater missbraucht oder vergewaltigt, wurden als Teenager schwanger oder haben im Internet einen Pornofotografen kennengelernt. Das Bild der jungen Frau ist das eines Opfers, das sich allerdings im Laufe der Romane zu wehren lernt. Die Titel sprechen, wie man so schön sagt, Bände: „Cut“ oder „Schmerzverliebt“ handeln von Selbstverletzung, „Gute Nacht, Zuckerpüppchen“ oder „Schattenmonster“ vom Missbrauch. „Luft zum Frühstück“ bzw. „Brave Mädchen essen auf“ sind dem Thema Essstörung gewidmet. Sprachlich sind die Bücher simpel, die Klappentexte lassen einen erschaudern: „Leben geht nur, wenn man die Verbindung mit anderen Menschen wirklich zulässt.“ Ein, zwei Meter weiter finden sich die Arbeiten von Astrid Lindgren, Christine Nöstlinger, Mira Lobe...

Meine Töchter werde ich vom Junge-Frauen-Regal fernhalten.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)