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Judith Holofernes: "Mit Humor, Herz, Arsch und Zähnen"

Judith Holofernes Humor Herz
Judith Holofernes(c) AP (REGINA KUEHNE)
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Sie hat mit "Wir sind Helden" mehr als eine Million Platten verkauft, sie legt sich mit der "Bild" an, sie ist Mutter - und sie ist auf Tour für das neue Album. Judith Holofernes im Interview mit der "Presse".

Warum haben Sie die Anfrage der Werbeagentur Jung von Matt, Werbung für die „Bild-Zeitung“ zu machen, in einem sehr wütenden offenen Brief beantwortet?

Judith Holofernes: Das war ein ganz eindeutiger, klarer Impuls. Zum einen aus Selbstschutz – in den vergangenen Jahren wurden so viel Doofheiten an mich herangetragen, und ich bin meistens dem Konsens gefolgt, nach dem man immer distanziert und ungerührt bleiben muss. Das ist aber auf Dauer ganz schlecht für die Zähne. Und auf der anderen Seite glaube ich wirklich, dass man durch so einen Brief in der Öffentlichkeit etwas bewirken kann.

 

Die „Bild-Zeitung“ hat Ihre ablehnende Antwort zu einem Werbetext umfunktioniert. Werden Sie sich wehren?

Ich sehe erstmal keinen Sinn in einer Klage, obwohl es da sicher Chancen gäbe. Aber es gibt effektivere und unterhaltsamere Wege. Am meisten würde ich mir allerdings wünschen, dass jetzt andere Leute miteinsteigen und übernehmen. Die Leute überschätzen diesen alten Spruch „Any publicity is good publicity“. Ein Medium wie die „Bild“ muss sich um Bekanntheit keine Sorgen machen – um ihr Image aber schon. Und dass sie sehr wohl Geld und Mühen investieren, ihr Image „konsensfähiger“ zu machen, sieht man ja genau an der laufenden Kampagne. Also, seid beruhigt – man kann der „Bild“ tatsächlich vors Schienbein treten und sogar blaue Flecken hinterlassen.

 

Der „taz“, die das „Bild“-Inserat abdruckte, wird nun vorgeworfen, ökonomische Interessen über redaktionelle Haltungen zu stellen. Wie sehen Sie das?

Diese Anzeige in der „taz“ zu schalten, war ganz offensichtliches Dominanzgebahren, wenn auch mit einer deutlichen Erektionsschwäche. Und natürlich wollten sie damit nicht nur mich demütigen, sondern auch die „taz“. Die Redaktion hat das offensichtlich nicht gesehen oder nicht richtig eingeschätzt, und ich hoffe sehr, dass ihnen das keinen Schaden zufügt. Denn sosehr mich ihre Bereitwilligkeit in dieser Sache im ersten Moment getroffen hat, sowenig möchte ich, dass ausgerechnet die „taz“ aus dieser Geschichte als größter Verlierer hervorgeht.

 

Ihre Band macht aus Ihrer Medien- und Konsumkritik kein Geheimnis. Sie sind nun selbst Teil einer millionenschweren Industrie. Wie lässt sich das vereinbaren?

Das ist tatsächlich keine leichte Aufgabe. Natürlich haben wir ganz gute Karten dadurch, dass wir durch unsere Bandgeschichte immer fantastische Verträge hatten, die uns auch erlauben würden, Zwölftonmusik oder symphonisches Achselfurzen abzuliefern. Trotzdem spürt man eine tonnenschwere Last, wenn man weiß, dass die Arbeitsplätze von Menschen davon abhängen, wie unsere Platten so laufen. Glücklicherweise können wir das in der Kreativität immer ausblenden. Wir arbeiten beständig an unserem eigenen Entwurf von Pop, was gar nicht so einfach ist, wenn man verliebt ist in Popmusik, aber mit Pop als Industrie nicht wirklich zurechtkommt. Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft noch weiter aus dem Mainstream herauszutreten, da es tatsächlich etwas sehr Ermüdendes hat, über Jahre immer gegen den Strom zu schwimmen, obwohl man ja freiwillig reingesprungen ist. Vielleicht suche ich mir auch einen etwas weniger reißenden Nebenarm und dreh mich eine Weile auf den Rücken.

 

Das neue Album heißt „Bring mich nach Hause“ und wirkt sehr persönlich. Wie würden Sie die Grundstimmung beschreiben?

Tatsächlich sehr persönlich... und ich verbinde zwei ganz unterschiedliche Gemütslagen mit diesem Album, auf der einen Seite die Melancholie, die in den Texten sehr im Vordergrund steht, auf der anderen Seite die Freude, die wir beim Musikmachen hatten, weil wir das erste Mal alles live eingespielt haben und eigentlich jeden Quatsch haben einfließen lassen, der uns so untergekommen ist, von New Orleans Cajun mit Jean-Michel am Akkordeon bis zu Brasil-Jazz mit Pola an der Cuíca.

 

Wie groß ist Ihr Bedürfnis nach Ruhe?

Das ist natürlich ein menschliches Grundbedürfnis, und ich bin in den letzten Jahren oftmals fast daran kaputt gegangen, dass das so unerfüllbar schien. Und das, obwohl ich noch in den wildesten Zeiten dieser Band durch die Meditationspraxis eine gute Zuflucht hatte. Aber als dann noch das zweite Kind dazukam, wurde das leider sehr schwierig umzusetzen. Jetzt langsam sehe ich allerdings wieder Land.

 

Und woher nehmen Sie die Energie?

Die Energie hole ich vielleicht aus meiner großen Verbundenheit meiner Band gegenüber, aus einem beinahe perversen Verpflichtungsgefühl gegenüber diesem Märchen, das wir da erlebt haben. Ob das gesund ist? Nicht wirklich. Aber hey, wir haben schöne Musik draus gemacht. Und ich habe sehr viel dabei gelernt, über mich selbst, aber auch über die Mechanismen, die da auf uns einwirken. Denn eins habe ich definitiv einsehen müssen: „Ein bisschen“ geht im Pop anscheinend nicht. Das hatte ich dieses Mal vor, und es hat mich wieder völlig unter sich begraben.

 

Macht die Tour Spaß, sind die Kinder dabei?

Die Konzerte sind immer der belohnende Moment. Zwischen Plattenaufnahme und Konzerten vergeht so viel Zeit, die man mit Dingen zubringt, die mit Musik nichts zu tun haben. Aber, das ist das Seltsame: Bei all meiner Müdigkeit, was das Drumherum angeht – an den Konzerten habe ich so viel Spaß wie in unserer ganzen Bandgeschichte noch nicht, ich hab mich auf der Bühne noch nie so frei gefühlt und noch nie so verbunden mit den anderen. Auf jeden Fall fühle ich mich jeden Abend wie in meiner eigenen Disco. Ach ja, und die Kinder sind natürlich dabei, die sind viel zu klein, um bei der Oma zu bleiben oder so.

 

Wie stehen Sie zu den Diskussionen über die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern? Packt Sie da manchmal die Wut?

Ich ärgere mich nur dann, wenn ich als Beispiel für diese Vereinbarkeit herangezogen werde, obwohl ich in jedem Interview versuche, ein realistisches Bild zu zeichnen. Ich will nicht Teil dieser Maschine sein, die jungen Eltern suggeriert, sie könnten alles schaffen, sie müssten nur wollen. Schaut mich an: Mir kommen die Augenringe beim Hinterkopf wieder heraus! Abgesehen davon ist die Diskussion natürlich richtig und wichtig, weil die meisten Frauen erst dann merken, wie weit es um ihre Emanzipation bestellt ist, wenn sie Kinder bekommen, und plötzlich alles ganz, ganz eng wird.

 

Die sogenannten „Alpha-Mädchen“ fordern einen „coolen“ Feminismus, also relativ ideologiefrei einen selbstbestimmten Weg zu gehen, mit Spaß und Sex und allem, was dazugehört. Wie sehen Sie das?

Ich sehe definitiv Bedarf, das Bild des Feminismus zu aktualisieren, und eine Variante zu etablieren, die Humor, Herz, Arsch und Zähne hat und all das auch gern zeigt. Auf der anderen Seite finde ich, dass viele junge Frauen die Verdienste des „Old-School-Feminismus“ zu wenig auf dem Schirm haben und sich zu sicher fühlen in ihrer Blase aus oberflächlicher, jugendlicher Freiheit, die sich sofort in Luft auflöst, wenn zum Beispiel Themen wie Kinder und Beruf aufeinanderstoßen – oder aber auch, wenn sie sich einmal ernsthaft mit ihrem Körperbild auseinandersetzen.

Eine österreichische Feministin hat einmal gesagt: „Auch Feministinnen finden ihren Arsch mitunter zu fett.“ Wie schafft man die Balance zwischen dem Wunsch, sexy zu sein und dennoch nicht ein Klischee zu bedienen?

Schwierig. Auch ich habe nach den Geburten meiner Kinder lange mit dem Babyspeck gehadert, bis ich mir klargemacht habe, dass ich der Welt einen sehr viel größeren Gefallen tue, wenn ich nicht so aussehe, als hätte man mir meine Kinder aus der Nase gezogen. Diese ganzen Stars, die sich direkt nach der Geburt wieder zusammentackern lassen, um über irgendwelche Laufstege oder Teppiche zu staksen, machen das Körpergefühl aller normalen Frauen kaputt. Und sind mitverantwortlich für eine schöne neue Krankheit, die sich „postnatale Anorexie“ nennt. Das ist doch total pervers.

 

Sie haben einen Sohn und eine Tochter. Hat das Ihr Verständnis von Geschlechterrollen verändert?

Ich forsche noch! Zumindest sieht es nicht so aus, als müsste ich noch einmal drei Jahre Autos durch die Gegend schieben. Auf der anderen Seite klettert meine Tochter den ganzen Tag an irgendetwas hoch und haut feixend auf scheppernden Dingen herum, während sie „Laaaalaaaalaaa!!!!“ schreit, mein Sohn sitzt derweil besinnlich in der Ecke und schaut sich ein Buch an oder malt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)