Frauen von morgen: Die pragmatischen Töchter

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Wie werden die Mädchen und jungen Frauen von heute morgen ihr Leben gestalten? Vermutlich ähnlich wie ihre Mütter. Man plant, zurückstecken zu müssen, wenn man Kinder bekommt. Und Feminismus?

Teresa hat zu dem Thema recht dezidierte Ansichten. „Feminismus?“, sagt sie. „Früher hatte die Bewegung sicher ihre Berechtigung, aber heute? Heute können Frauen doch dasselbe erreichen wie Männer.“ Mit einer kleinen Einschränkung: „Sie müssen dafür nur gewisse Abstriche machen.“

Teresa (21) gehört in der Zeitrechnung der Frauenrechte zur Generation der Töchter der Töchter, zu den jungen Frauen zwischen 16 und 26, die sich bewusst weigern, den Begriff „Feminismus“ auf ihr eigenes Leben anzuwenden, von „Emanze“ ganz zu schweigen. Nennt sich eine, wie etwa die 20-jährige Studentin Sophie, die gerade ein Praktikum beim Österreichischen Frauenring macht, bewusst „Feministin“, sorgt das bei Gleichaltrigen für Irritation: „Für viele klingt das veraltet und zu radikal. Die Mädchen sprechen mich immer gleich aufs Binnen-I an, und für viele Burschen ist Feminismus überhaupt ein Schreckgespenst.“ Was nicht heißt, dass die jungen Frauen sich nicht als „selbstständig“ und „unabhängig“ bezeichnen. Doch Gleichberechtigung ist für sie keine Ideologie mehr, kein großes Konzept. Sie beschränkt sich für die meisten vielmehr auf sehr pragmatische, konkrete Fragen zu Job und Familie. Und sie ist vor allem eines – Privatangelegenheit.

Die jungen Frauen von heute haben sich sozusagen vom Feminismus emanzipiert. Aus dem Leitspruch der 1970er „Nur gemeinsam sind wir stark“ wurde eine individuelle Angelegenheit, inzwischen gilt „Jede kämpft für sich“. Und zwar so, wie sie es für richtig hält. Das trägt einer Haltung Rechnung, die Jugendforscher Philipp Ikrath generell bei Jugendlichen beobachtet: Sowohl für Scheitern als auch für Erfolge fühle man sich allein verantwortlich. „Das Motto lautet: ,Ich kann es allein schaffen, ich muss es auch.‘“ Positiv formuliert, sagt Ikrath, sei das der typisch jugendliche Glaube an die Selbstbestimmung, an die Macht über das eigene Schicksal. Negativ stehe es für die Überzeugung, dass einem sowieso keiner hilft. Die Jugendlichen, sagt der Jugendforscher, brauchen ihre ganze Energie, um sich gegen die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen. Für kollektive Empörung oder Unterstützung bleibe da nichts mehr übrig.

Wobei: Ganz allein sehen sich die jungen Frauen nicht. Statt Frauensolidarität erhofft man sich bei der Organisation von Job und Familie vielmehr Hilfe vom (zukünftigen) Partner: „Ich glaube, dass Männer und Frauen mehr miteinander reden, da wird man schon auf einen grünen Zweig kommen“, sagt Melanie, 20 Jahre alt und Friseurlehrling.


Wie die Mama. Wie so eine Lösung aussehen könnte, ahnt man allerdings bereits: ähnlich wie die ihrer Mütter. Fragt man junge Frauen nach ihren Vorbildern, wird nämlich häufig die eigene Mutter genannt. Das spiegelt sich auch in der renommierten Shell-Jugendstudie wider. Der beste Erziehungsstil? Der der eigenen Eltern. Das ist zwar charmant für die Mütter, die ihren Töchtern (mehr oder weniger erfolgreich) vorgemacht haben, wie man Kind und Karriere vereinbaren kann. Es bedeutet aber zumindest für Österreich auch: Wenn ein Kind kommt, ist die Frau auch künftig bereit zurückzustecken.

Das sehen auch Clara und Sonja so, beide 16, beide Vorzugsschülerinnen, beide ambitionierte Zukunftsplanerinnen mit Studienabsichten. Beide wollen einen Beruf, beide wollen Kinder – und beide akzeptieren, dass sie es sein werden, die langfristig für die Vereinbarkeit dieser beiden Welten sorgen müssen. Kurzfristig erwarten beide Mädchen allerdings sehr wohl von ihrem Partner, dass er sich in die Kinderbetreuung einbringt und zum Beispiel in Karenz geht. Dafür bedürfe es allerdings noch einer wichtigen Voraussetzung, sind sich die beiden einig: „Dass Männer und Frauen gleich viel verdienen“, sagt Clara. „Schließlich muss sich eine Familie die Karenz des Mannes auch leisten können.“

Keine Konzernsoldatinnen.
Neben ökonomischen Überlegungen gibt es zum Thema Job und Familie jedoch auch andere: Teresa ist bereits Mutter. Sie würde es ablehnen, aus beruflichen Gründen die elterliche Verantwortung abzugeben: „Eine Frau, die ein Kind in die Welt setzt, will auch beim Kind sein. Ich zumindest möchte selbst sehen, wie mein Kind laufen oder lesen lernt.“

Die Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer glaubt, dass diese Einstellung nicht zuletzt das Ergebnis negativer Botschaften ist, die heute 50-jährige, erfolgreiche Frauen der Jugend vermitteln. Die Kernaussage, so Schlaffer, laute: „Ich habe nur geschafft, was ich geschafft habe, weil ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe.“ Es sei kein Wunder, dass das nicht gut ankomme: „Denn welche Frau fühlt sich vom Dasein einer Konzernsoldatin schon angesprochen?“

Auf Teilzeitbasis nach oben zu kommen, sei allerdings eine Illusion: „Junge, gut ausgebildete Frauen zahlen für einen relativ kurzen Augenblick der Mutterschaft oft einen lebenslangen Preis.“ Das sind die Tücken der „Semigleichberechtigung“, wie das US-Soziologin Alice Eagly bezeichnet: Der Mann macht Karriere, die Frau auch – aber nur ein bisschen.

Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von abz austria, einer Non-Profit-Organisation, die sich für die Gleichstellung am Arbeitsplatz engagiert, kennt das Schema: „Solange es keine eigenen Kinder gibt, leben viele junge Paare völlig gleichberechtigt zusammen, teilen sich den Haushalt halbe-halbe. Wenn dann aber ein Kind kommt, fallen auch die tollsten und selbstbewusstesten jungen Frauen oft zurück in absolute Rollenstereotype.“ Wobei es vorher häufig sehr anders klingt: Für Sophie etwa wäre es ideal, wenn – sollte sie einmal Kinder haben – beide Elternteile Teilzeit arbeiten. „Es erschließt sich mir nicht, warum Mütter besser in der Kinderfürsorge sein sollten“, meint sie.

Schonfrist. Sophie weiß allerdings auch, dass sie sich auf der Uni noch in einem „geschützten Umfeld“ befindet. „Ich persönlich bin als Frau eigentlich noch nie irgendwo an Grenzen gestoßen“, gibt sie zu. Abgesehen von den „kleinen Sexismen des Alltags“: „Eben so Sprüche wie, dass Frauen nicht Auto fahren können. Das Quälende ist, dass das – auch wenn es als Scherz gemeint ist – im Kopf drinnensteckt.“

So wie Sophie haben auch die anderen hier befragten jungen Frauen kaum Erfahrungen mit markanter Ungleichbehandlung. „Die jungen Frauen starten mit einem großen Selbstbewusstsein“, sagt Irene Tazi-Preve, Politikwissenschaftlerin vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Die Eltern würden bei der Ausbildung keine Unterschiede mehr machen, im Gegenteil, in der Schule und auf der Uni glänzen die Mädchen. Was ein weiterer Grund ist, warum Geschlechtersolidarität für viele Mädchen kein Thema ist. Denn wenn man sich ohnedies gleichberechtigt fühlt – wozu dann?

Der „Erkenntnisknick“, wie Experten das nennen, lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Er trifft einen etwa, wenn man merkt, dass man weniger verdient als der männliche Kollege, wenn man bei einer Beförderung übergangen wird, oder dann, wenn das Kind kommt: Teresa glaubt, dass „die Frauen teilweise selbst schuld sind“ – ein Aspekt, den derzeit vor allem Bascha Mika, Ex-„taz“-Chefredakteurin und Autorin („Die Feigheit der Frauen“) betont. Und tatsächlich: „Frauen“, sagt Teresa, „beherrschen die Ellbogentechnik nicht so gut wie die Männer.“ Ein Mann betritt den Raum und sagt: ,Ich bin da, ich mache das.‘ Das klingt besser, als wenn eine Frau sagt: ,Dürfte ich das vielleicht machen?‘“

Auf diesen Realitätscheck werden die Mädchen aber noch immer nicht ausreichend vorbereitet. In einem Schulsystem, das sich an die guten Leistungen der Mädchen gewöhnt hat und derzeit mehr mit den männlichen Sorgenkindern beschäftigt ist, bereitet nichts die jungen Frauen darauf vor, dass es später umgekehrt sein könnte.

Nicht in diesem Leben. Apropos Männer. Wie schätzen die jungen Frauen ihr männliches Gegenüber, von dem sie sich später Unterstützung erhoffen, ein? Die Antwort lautet: Ambivalent. Einerseits billigt man den jungen Männern zu, dass sie offen für Frauenrechte seien, dass sich „viel getan hat“. Andererseits merkt man, dass es auch in den WGs noch immer die Männer sind, die „den Schmutz nicht sehen“ und auf Nachfrage nicht bereit wären, die Karriere zurückzuschrauben. Auch Silvia Stoller, Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung, ist zwiegespalten. So habe zwar in ihren Seminaren der Geschlechterkampf längst Pause, doch sie ist sich sicher: „Meine und die nächste Generation werden volle Gleichberechtigung nicht erleben.“ Auch, weil es – wie Politologin Tazi-Preve betont – mehr als Frauenförderung brauche. Die Gesellschaft müsse sich insgesamt verändern, und „das wird nicht von oben kommen, sondern von unten in Form von Grass-Root-Initiativen – vergleichbar mit der Slow-Food-Bewegung“. Nun ja: Slowwird es wohl auf jeden Fall gehen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)