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Gender-Forschung: Der kleine Unterschied

kleine Unterschied
(c) BilderBox.com

Die Gender-Forschung widmet sich in unzähligen Fachgebieten den vermeintlichen und tatsächlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern.

Für Simone de Beauvoir war die Sache klar. „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“, schrieb sie 1949 in „Das andere Geschlecht“. Sie vertrat die Ansicht der Gleichheit der Geschlechter und forderte, dass Frauen dieselben Rechte wie Männer haben sollten. Anders klingt das bei Luce Irigaray: Ihr „Speculum, Spiegel des anderen Geschlechts“ (1974) ist ein Plädoyer für die Differenz zwischen den Geschlechtern – demnach solle es keine Angleichung geben. Einspruch kam von Judith Butler: 1990 argumentierte sie in „Das Unbehagen der Geschlechter“, dass Geschlechter nichts Natürliches seien, sondern geschlechtsrelevante Bedeutungen kulturell hergestellt würden.


Konstruktion.
Diese drei klassischen Positionen des Feminismus könnten nicht unterschiedlicher sein – zumindest auf den ersten Blick (und in dieser verkürzten Darstellung). Doch im Detail analysiert und miteinander in Beziehung gesetzt gebe es bedeutende Überschneidungen, meint die Philosophin Silvia Stoller (Uni Wien). Und: Die Zugänge würden sich ergänzen. In ihrer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschung – die Ergebnisse wurden kürzlich als Buch herausgegeben („Existenz – Differenz – Konstruktion. Phänomenologie der Geschlechtlichkeit“, Wilhelm Fink Verlag) – argumentiert sie, dass de Beauvoir trotz ihres Gleichheitsanspruchs die Notwendigkeit sehe, Differenzen anzuerkennen. Irigaray schließe nicht aus, dass sexuelle Differenz mit politischer Gleichheitsforderung einhergehen könne. Und Butlers Ansatz bedeute entgegen der gängigen Meinung nicht, dass automatisch das gesamte Konzept des Geschlechts negiert werden müsse, so Stoller. Was ja auch schwerlich möglich ist: Gewisse körperliche Unterschiede zwischen Mann und Frau können nicht wegdiskutiert werden (siehe Kasten). Und die Forschung entdeckt immer mehr Unterschiede, auch in Bereichen, in denen man sie nicht vermuten würde: Eine Forscherin der Medizin-Uni Wien hat kürzlich festgestellt, dass es bei Herztransplantationen einen ausgeprägten „Gender-Effekt“ gibt. Frauen mit einem männlichen Spenderherzen sterben häufiger an Abstoßungsreaktionen, während Männer mit weiblichen Herzen öfter an Infektionen sterben. Über die Ursachen wird noch gerätselt – es gibt Hinweise auf negative immunologische Effekte, wenn das Geschlecht von Spender und Empfänger nicht übereinstimmt.


Gender-Medizin. Im jungen Forschungsgebiet der „Gender-Medizin“ werden solche Unterschiede systematisch erforscht. Der Grundsatz dabei: Gleichbehandlung ist nicht angesagt. Einige Beispiele: Opiate wirken bei Frauen stärker schmerzmildernd; Männer leiden seltener an Autoimmunerkrankungen; bei Herzinfarkt können die Symptome bei Mann und Frau sehr unterschiedlich ausfallen; und der Blutzuckerspiegel ist bei weiblichen Diabetikern schwerer einstellbar als bei Männern. Wie Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender-Medizin (Med-Uni Wien) anmerkt, ist das Grundproblem, dass Medizin bisher vorwiegend aus einer männlichen Perspektive betrachtet wurde – bei Pharmastudien z.B. sind die meisten Versuchspersonen Männer.

Viel komplizierter wird die Sache, wenn zusätzlich zu körperlichen auch auch psychologische und kulturelle Einflussfaktoren einbezogen werden. So war Matthias Sutter, experimenteller Ökonom an der Uni Innsbruck, nicht wenig überrascht, als die Ergebnisse eines Versuchs vorlagen, der das Wettbewerbsverhalten von Kindern und Jugendlichen studierte. 1035 Kinder zwischen drei und 18 Jahren konnten dabei wählen, ob sie eine Aufgabe im Wettbewerb mit anderen lösen wollten oder allein. Die Jüngeren mussten schnell laufen, die älteren Mathematikaufgaben lösen.

Das Ergebnis: Schon bei Dreijährigen gab es einen deutlichen unterschied – Mädchen wählten nur halb so oft die Wettbewerbsvariante wie Buben. Dieser Geschlechtsunterschied war in allen Altersgruppen gleich groß. Die Ursache dafür ist unklar. Gibt es schon im frühkindlichen Alter geschlechtsspezifische Prägungen? Oder ist das genetisch festgelegt? Wohl beides, vermutet Sutter. Denn für beide Möglichkeiten gibt es Hinweise: So haben Versuche gezeigt, dass bei (erwachsenen) Frauen das Wettbewerbsverhalten stark vom Hormonzyklus abhängt. Andererseits wurde bei Kindern zwischen acht und zehn Jahren bemerkt, dass das Wettbewerbsverhalten auch mit der Struktur der Gesellschaft oder mit der Schulform zusammenhängt: Im egalitären Schweden war der Unterschied kleiner als in Israel, und Mädchen aus reinen Mädchenschulen wählten häufiger den Wettbewerb als Mädchen aus gemischten Schulen.


Männlicher Lebensstil. Innig verquickt sind angeborene und erworbene Faktoren auch bei einem anderen Geschlechtsunterschied: der Lebenserwartung. Frauen leben im Schnitt länger – laut Statistik Austria um 5,5 Jahre. Allerdings: Die Differenz an Lebensjahren sinkt seit einiger Zeit – was ein Hinweis darauf ist, dass kulturelle Aspekte am Lebensalter beteiligt sind.

Die Zusammenhänge liegen großteils noch im Dunkeln. Einiges weiß man aber bereits: So haben Ökonomen bewiesen, dass der Geschlechtsunterschied bei der Sterblichkeit umso geringer ist, je höher Wohlstand und Bildungsniveau sind. Demografen der ÖAW haben zudem herausgefunden, dass vor allem die Angleichung des Lebensstils von Frauen an jenen von Männern eine große Rolle spielt. Bewiesen wurde das etwa beim Rauchen: Männer rauchen seit einigen Jahrzehnten tendenziell weniger, Frauen jedoch deutlich mehr. Daher, so der Schluss, werde der Unterschied in der Lebenserwartung in Zukunft weiter sinken.

Gene & Hormone

Zwischen Männern und Frauen gibt
es charakteristische körperliche Unterschiede: Abgesehen von den Geschlechtsorganen und unterschiedlicher Körpergröße haben Männer z.B. größere Lungen, Frauen mehr weiße Blutkörperchen. Die Unterschiede lassen sich zum Teil
durch Gene und Hormone erklären.

Daneben gibt es ebenso kulturelle und gesellschaftliche Einflussfaktoren, die wiederum auch auf physiologische Eigenschaften zurückwirken können – etwa bei der Lebenserwartung.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)