Pop

Die Emanzipation der Jazzmusikerinnen

Emanzipation Jazzmusikerinnen
Krall(c) EPA (JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

Wo Pionierinnen wie Bessie Smith und Billie Holiday noch drastische Maßnahmen setzen mussten, stechen Erfolgskünstlerinnen wie Diana Krall heute locker die männliche Konkurrenz aus.

Der bayrische Satiriker Joseph von Westphalen nannte noch im Herbst 2000 eine mit viel copyrightfreiem Uraltjazz beladene Kompilation „,Mehr Jazz!‘ sagten die Frauen“. Der Titel mag suggerieren, das Jazz immer noch Männersache wäre: Das war damals schon veraltet und gereichte höchstens im Kreise arthritisgeplagter Dixieland-Nostalgiker zum Schenkelklopfer. Das Eindringen der Frauen in die Sphäre des Jazz mag schwierig gewesen sein, doch zu dem Zeitpunkt waren Jazzerinnen längst emanzipiert. Die triumphale Rückkehr des melodienreichen Vokaljazz in den 1990ern machte etliche Ladys zu Großverdienerinnen. Egal, ob Diana Krall oder Dee Dee Bridgewater, die kreativen Neuinterpretationen des Great American Songbook ließen die Kasse bei den Damen viel heller klingeln als bei ihren männlichen Kollegen.


Glamour der Sängerinnen.
Während gute Sänger wie Kurt Elling von ihren Werken vielleicht 30.000 Stück verkauften, schaffte eine Diana Krall locker das Zehnfache. „Ich glaube, die Menschen wollen einfach den Glamour, den nur Sängerinnen bieten können“, meinte Jane Monheit vor ein paar Monaten zur „Presse“. Der Emanzipationsbedarf hat sich im Jazzgesang auf die Herren der Schöpfung verlagert. Eine hochkarätige Künstlerin wie Madeleine Peyroux kann es sich heute in aller Souveränität leisten, vom Genderdenken abzukommen: „Ja, ich bin eine Frau, aber ich definiere mich nicht über mein Geschlecht oder Aussehen, sondern über meine Musik.“

Bessie Smith und Billie Holiday, Vorbilder für Peyroux, mussten sich einst ihre Ausnahmestellung mit drastischen Maßnahmen absichern. Smith legte sich den Lebensstil der Machos zu. Sie soff und kultivierte Seitensprünge mit Männern und Frauen. Einmal jagte sie ihren Ehemann gar Eisenbahnschienen entlang und schoss ihm mit einem Revolver um die Beine. Ihre wilde Reputation heizte den Plattenverkauf an. Etwas anders sah es bei Holiday aus: Die zwischen bedingungsloser Selbstpreisgabe und geradezu vitaler Selbstvernichtung balancierende Sängerin hatte auch wenig Lust auf Passivität. Früher wurde sie oft als Opfer ihrer Familienverhältnisse, ihres fatalen Hangs zu brutalen Männern, ihrer Faszination an der Halbwelt und der schreienden Ungerechtigkeiten infolge des institutionalisierten Rassismus ihrer Zeit angesehen. Doch in den letzten Jahren haben neue Betrachtungen diese wohl größte Sängerin des Jazz in ein neues Licht gerückt. Billie Holiday war, obwohl sich unbestritten die Schatten ihres bewegten Lebens in ihrer Kunst spiegeln, aktive Heldin ihrer Lebensgeschichte. Sie traf ihre privaten und künstlerischen Entscheidungen selbst und revolutionierte so nebenbei den Jazzgesang. Ohne ihre Pionierleistungen wären Frank Sinatra und Little Jimmy Scott, Carmen McRae, Abbey Lincoln oder Shirley Horn nicht möglich gewesen.


„Strikt maskuline Musik“. Sich im Instrumentalbereich zu etablieren war für Frauen allerdings noch längere Zeit schwierig. Das lag einerseits an den Spielorten, andererseits an der häuslichen Rolle, die ihnen gesellschaftlich zugewiesen war. Jazz war eine leidenschaftliche, triebhafte Angelegenheit, noch 1944 vom Jazzmagazin „Downbeat“ als „strikt maskuline Musik“ definiert: vielleicht schon eine erste ängstliche Reaktion auf das damals höchst erfolgreiche Frauenorchester „International Sweethearts of Rhythm“. Es gab auch viele Einzelkämpferinnen: Pianistinnen wie Mary Lou Williams und Marian McPartland, Saxofonistin Vi Redd und Posaunistin Melba Liston, die in den 1950ern eine „All-Women-Band“ gründete. Alles starke Künstlerinnen und ausgeprägte Individualistinnen, die es nicht nötig hatten, sich einen Alibigatten aus der Welt des Jazz zu angeln, wie es später Carla Bley und Alice Coltrane taten. Als sich Jazz mehr und mehr aus den Nachtklubs in die Universitäten verlagerte, entschieden sich mehr und mehr Frauen für das Genre. Heute fiele es leicht, sich eine Frauenjazzband zusammenzustellen: mit famosen Saxofonistinnen wie Tia Fuller und der Österreicherin Karolina Straßmayer, Pianistinnen wie Julia Hülsmann und Geri Allen, raffinierte Rhythmikerinnen wie Marilyn Mazur und die hübsche Cindy Blackman. Und dann ist da noch die Bassistin Esperanza Spalding, die vor wenigen Tagen als erste Jazzmusikerin den Grammy als „Beste neue Künstlerin“ bekam.

Das größte Hindernis einer vollkommenen Akzeptanz ist wohl immer noch die Wirkung weiblicher Schönheit auf männliche Gehirne. Diana Krall geißelt solche Vorurteile mit zartem Zynismus: „Es wäre schön, wenn sich Frauen nicht dafür entschuldigen müssen, dass sie gut aussehen.“

>> Übersichtsseite: diepresse.com/frauentag

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)