Frauentag: Wahlrecht, Friede und mein Bauch

Wahlrecht Friede mein Bauch
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1911, vor hundert Jahren wurde offiziell der erste Frauentag begangen. Auch in Wien. Seitdem hat der Tag der Frauen sein Datum geändert, sich vom Kommunismus emanzipiert und ist im Mainstream angekommen.

Im Vorjahr sagte Alice Schwarzer, die Frau mit dem Gespür für Aufmerksamkeit: Abschaffen! Der Frauentag müsse weg. Und zwar, weil er gönnerhaft sei und in der sozialistisch-kommunistischen Tradition stehe. Schwarzer hat sich jedoch nicht durchgesetzt, und so feiert man heuer 100 Jahre Frauentag – und mit ihm eine Geschichte voller Missverständnisse.

Das erste: Frauentage gibt es schon länger. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Frauentage bereits urkundlich erwähnt, sagt Maria Mesner, Historikerin, Leiterin des Kreisky-und Johanna- Dohnal-Archivs und Kuratorin der Schau „Feste.Kämpfe.100 Jahre Frauentag“ im Wiener Volkskundemuseum. Die ideologische Bandbreite der Veranstaltungen war groß, auch die bürgerlich-liberalen Frauen waren vertreten. Ihnen ging es vor allem um den Zugang zur Bildung – „Bürgerliche Frauen hatten keine Ausbildung“, erklärt Mesner, „nach dem Börsenkrach 1873 bröckelte das Versorgungsversprechen vieler Ehemänner“.


Die Demo. Der erste Frauentag, den man zählt, war allerdings klar sozialistisch geprägt. Er fand 1911 statt, aber – das zweite Missverständnis – nicht an dem Frauentag-Datum, das wir kennen, am 8. 3., sondern am 19. 3. Damals – daran wird heuer am 19. März eine Demo der Plattform 20000frauen erinnern – marschierten 20.000 Frauen (und Männer) in Wien auf der Höhe des heutigen Gartenbaukinos für ein Wahlrecht auf. Vorangegangen war der Demonstration (weitere fanden zeitgleich in Deutschland, der Schweiz und Dänemark statt) die 2. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen. Die Sozialdemokratin Clara Zetkin initiierte den Beschluss, jährlich einen Frauentag abzuhalten. Ideologisch war der Frauentag, der in den Weltkriegen und der Nazizeit ausfiel, nun bis in die Siebziger „links“, wobei in den 1950ern und 1960ern die Hauptforderung so allgemein wie vordergründig geschlechtslos war: Friede. Der Tag auch weniger ein Kampftag als ein Zelebrieren des Erreichten. „Die Nachkriegszeit“, sagt Mesner, „war keine Hochzeit der Frauenbewegung.“ Die Friedensforderung sei ein Weg gewesen, den Männern die Schuld am Krieg zuzuschieben, „man hat sich damit auf gewisse Art eine Opfer-, eine Unschuldsrolle angeeignet“.

Die Datum-Frage. Bei den Sozialdemokratinnen variierte das Datum des Frauentages auch nach dem zweiten Weltkrieg: März, April, meist am Wochenende. Die Kommunistinnen hingegen waren seit 1921 international auf den 8.3. festgelegt. Auf der 2. kommunistischen Frauenkonferenz 1921 beschloss man außer der Wiederaufnahme des Frauentages (nach dem Ersten Weltkrieg und der Erfüllung der Forderung nach dem Frauenwahlrecht war der Frauentag einige Jahre nicht gefeiert worden) auch die Fixierung auf den 8.März. Das Datum erinnerte an den Frauenstreik am 23.2.1917, der die Februarrevolution auslöste und nach westeuropäischem Kalender am 8. 3. stattfand.

1977 fixierte die UNO den Internationalen Frauentag am 8. 3. – doch das Gedenken an den am 8. 3. 1857 in New York stattgefundenen Arbeiterinnenaufstand verschleierte den kommunistischen Kontext. Es gibt nun auch jährlich ein Motto der Vereinten Nationen (heuer: gleicher Zugang zu Bildung, Wissenschaft und Technologie), in der Praxis spielt es in den einzelnen Ländern aber keine allzu große Rolle.

Eine Neudeutung erfuhr der Frauentag Ende der 1960er, Anfang der 1970er als die autonome Frauenbewegung ihn sozusagen übernahm. Ihr ging es um das Recht auf den eigenen Körper: „Gegen Gewalt“ und „mein Bauch gehört mir“. In den 1980ern und 1990ern, als die Frauenagenden in der Regierung institutionalisiert wurden, wurde auch der Frauentag zur Staatsangelegenheit. Parallel dazu fächerten sich die Forderungen auf, Homosexualität wurde ein Thema. Heute ist der Tag, der jetzt oft um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kreist, längst in den Massenmedien und im Mainstream angekommen. Genau wie Alice Schwarzer.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)