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Medienbranche: Herrenclub oder Frauenbastion?

Medienbranche Herrenclub oder Frauenbastion
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Ein Cover und seine Geschichte. Seit der "Spiegel"-Titelgeschichte über Frauenquoten diskutiert die Medienbranche, wieso sie so wenige Chefinnen hat.

Eine Frau beim ,Spiegel‘, das ist eine komplizierte Sache.“ Wumm. Der Satz sitzt. Steht aber genau so in der elfseitigen Titelgeschichte des Magazins vom 31.Jänner. Die Redakteurinnen Susanne Beyer und Claudia Voigt fordern in ihrer „Streitschrift“ die Einführung einer Frauenquote in Deutschland – und im „Spiegel“.

Tags darauf erklärte die deutsche Kanzlerin dieser Forderung eine deutliche Absage, und es wirkte fast so, als hätte Angela Merkel direkt auf den „Spiegel“-Artikel geantwortet. Das Thema war vom Tisch. Abseits der Politik, in den Gängen der „Spiegel“-Redaktion in Hamburg, hat die Titelgeschichte aber eine Debatte ausgelöst. Vermutlich auch (oder vielleicht nur weil?) die Journalistinnen sehr direkt angesprochen haben, wie die Situation beim „Spiegel“ aussieht: „Es gibt mehr schwule Ressortleiter als weibliche“, schreiben sie. 28 männlichen Ressortleitern stünden zwei Ressortleiterinnen gegenüber. Die Debatte über die Situation der Frauen im „Spiegel“ wurde auch schon davor geführt, beschwichtigt Hans-Ulrich Stoldt, Leiter des Deutschland-Ressorts und Sprecher der Redaktion. Er gibt aber zu: „Durch die Titelgeschichte ist die Diskussion bei uns verstärkt worden.“ Auf Nachfrage erfährt man, dass es zusätzlich zu den zwei im Artikel erwähnten Ressortleiterinnen auch eine Chefin vom Dienst gibt. Bloß stellt sich dann heraus, dass alle drei Frauen nur Stellvertreterinnen sind. In den sonstigen Verlagsabteilungen des „Spiegel“ sieht das übrigens anders aus: Dort sind 34 Prozent der Führungspositionen weiblich besetzt.

Die deutsche Medienbranche hat das „Spiegel“-Cover mit reichlich Häme aufgenommen. Da würde ein Magazin die Quote fordern, das selbst ein fast schon frauenfeindliches Image hat. In den Glossen und Texten dazu tauchte immer wieder ein Zitat von Matthias Matussek auf. Der frühere Kulturchef des Magazins nannte den „Spiegel“ vor kurzem eine „Großredaktion mit 300 vorwiegend Testosteron-gesteuerten Bullen“. Nachsatz: „Das ist eben keine Zimperlieschen-Veranstaltung.“ Dabei sei das Magazin „kein reiner Männerverein mehr“, sagt Margret Lünenborg, Journalistik-Professorin an der Freien Universität Berlin, die die Debatte rund um den „Spiegel“ und die Quote verfolgt hat. Es sei aber anachronistisch, dass ausgerechnet das eher linksliberale Magazin, „das sich selbst stets als Bollwerk der Demokratie versteht“, bei der Gleichberechtigung von Frauen und Männern so stark hinterherhinke.

Dabei sind die Frauen längst im Journalismus angekommen. Während zwei deutsche Professorinnen 1984 noch von den Frauen „im Männerberuf“ sprachen, haben heute Männer, wie der Herausgeber der „FAZ“, Frank Schirrmacher, Angst vor einem „medialen Matriarchat“. Von einer „Frauenbastion“ kann wohl noch nicht die Rede sein – allerdings stimmt es, dass seit Jahren viele, noch dazu meist sehr gut ausgebildete Frauen in die Branche drängen. Das zeigen auch die Zahlen, die das Medienhaus Wien im „Journalistenreport I“ (2007) erhoben hat: In der Branche sind 42 Prozent Frauen (in Deutschland liegt der Prozentsatz noch unter 40), bei den Berufseinsteigern stellen Frauen mit 58 Prozent sogar die Mehrheit. Ihr Anteil in Leitungsfunktionen beträgt nur mehr 26 Prozent, in der höchsten Führungsebene nur 11 Prozent. Die Zahlen zeigen auch noch etwas anderes: Der Anteil von Frauen ist im Fernsehen (46 Prozent) und in Printmagazinen (52 Prozent) sehr hoch, in Tageszeitungen und Agenturen (beide 30 Prozent) aber viel geringer. Das seien immer noch „männliche Bastionen“, glaubt Lünenborg. Der Rundfunk, gerade der öffentlich-rechtliche, habe sich früher und stärker für die Teilhabe von Frauen öffnen müssen. In Tageszeitungen und Agenturen sei es auch dem täglichen Abgabedruck zu verdanken, dass kaum Zeit und Raum für strukturelle Veränderungen bleibt. Eine Quote im „Spiegel“ oder in Printmedien hält sie für „nicht durchsetzbar“, weil der Aufschrei folgen würde, die Pressefreiheit werde bedroht.

Dass Frauen im Rundfunk gut vertreten sind, sieht man nicht nur an ihrer Bildschirmpräsenz – fast alle TV-Polittalks in Deutschland moderieren Frauen, auch im ORF wird das Gros der Politsendungen von Frauen moderiert. Der ORF hat seit dem Vorjahr auch eine 45-Prozent-Quote für Frauen per Gesetz eingeführt. Während sich die Journalistin Trautl Brandstaller, die ab 1976 die damals fortschrittliche Frauensendung „Prisma“ moderierte, noch gut an jene Zeiten erinnern kann, in denen Frauen im ORF nur als „Paradiesvögel zur Behübschung“ dienten oder selbstbewusste Frauen vom „Herrenclub“ im Magazin „Profil“ gleich als „Hexen“ bezeichnet wurden, sagt ihre Kollegin Brigitte Handlos, es sei spürbar, dass am Küniglberg „etwas weitergeht“ in Sachen Gleichberechtigung. Sie sagt aber auch: „Wir sind vom optimalen Zustand noch weit entfernt.“ Die gesetzliche Quote müsse erst mit Leben gefüllt werden. Das kann dauern.

Und was tut sich in der „Presse“? Von einem „Matriarchat“ ist sie ziemlich weit entfernt, immerhin gibt es mehr Ressortchefinnen (Feuilleton, eine Stellvertreterin in der Chronik und eine Chefin vom Dienst) als im „Spiegel“ und mit der „Schaufenster“-Chefin sogar eine Chefredakteurin. Sehr viel ist das aber natürlich auch nicht.

>> Übersichtsseite: diepresse.com/frauentag

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)