Vom Stiefkind des Repertoires wurde Gustav Mahler zu einem der meistgespielten Symphoniker. Doch gibt es noch allerhand zu entdecken.
Zwischentöne
Mahler. Seit einem guten Vierteljahrhundert ist er einer der meistgespielten Symphoniker der Musikgeschichte. Noch in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts war das ganz anders. Erst Viscontis „Tod in Venedig“ und die unermüdlichen Aktivitäten von Leonard Bernstein sorgten für den Durchbruch. Was zuvor als Steckenpferd einzelner Maestri von Mahlers Schüler Bruno Walter über Otto Klemperer, Hermann Scherchen oder Rafael Kubelik galt, war plötzlich Allgemeingut geworden.
Doch blieb ein Problem: Die Notwendigkeit, riesige Orchester- und oft auch Chor- und Solistenbesetzungen zu engagieren. Das macht es auch für die Dirigentenklassen an den Musik-Universitäten und Konservatorien schwer, sich mit Mahler aktiv auseinanderzusetzen. Nun setzt man in Graz ein Zeichen. Die Studierenden der Klassen Dörner und Frühmann laden dreimal zu Mahler-Sitzungen ins „T.I.P.“ der Musik-Uni (im Palais Meran), in denen dem symphonischen Œuvre des Komponisten auf den Grund gegangen werden soll, ohne dass deshalb eine Hundertschaft von Musikern gebraucht würde.
Die Studenten haben Mahler am Klavier und in kammermusikalischen Arrangements (oft bedeutender Komponisten) erarbeitet. Auf diese Weise kann auch an eine bedeutsame Episode im Studentenleben des Komponisten erinnert werden. Der Teenager Mahler war Zeuge der größten Niederlage von Meister Anton Bruckner: Als er die Zweitfassung seiner Dritten Symphonie aus der Taufe hob, war der Große Musikvereinssaal zuletzt buchstäblich leer. Nur ein Häuflein Aufrechter hatte den Saal während der Darbietung nicht verlassen.
Unter den Begeisterten war Mahler. Er bot dem verstörten Bruckner an, den Klavierauszug der eben gehörten Symphonie zu verfassen, ein Versprechen, das er auch einhielt. In Graz wird nun zum Auftakt der Mahler-Initiative erstmals seit Langem wieder diese „Mahler-Fassung“ von Bruckners Dritter gespielt, und zwar der erste Satz, gepaart mit einer Klavierversion des Adagio-Finales von Mahlers Neunter (9. März).
Danach erklingen unter anderem Arnold Schönbergs Arrangement der „Lieder eines fahrenden Gesellen“, eine Anleihe bei den legendären Aufführungen von Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“ – nur mit dem Unterschied, dass in Graz durchaus applaudiert werden darf (10. März). Im Zentrum der Aktion eine dezent orchestrierte Version der Ersten Symphonie, was spannend sein könnte, denn gerade die Strukturen dieses Werks gehen gern in einer Lärmorgie des Riesenorchesters unter. Vielleicht hört man am 9. März mehr „Musik“ als gewohnt?
Für kundige Einführungen sorgt jeweils vorab der „Presse“-Lesern bestens vertraute Harald Haslmayr.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2011)