Wo Mädchen in kurzen Röcken in Straßencafés sitzen

(c) REUTERS (LOUAFI LARBI)

Sie gelten als stark, modern und selbstbewusst: Für tunesische Frauen ist die Gleichberechtigung selbstverständlich. Der Mittelmeerstaat bleibt bei den Ländern des Maghreb aber eine Ausnahme.

Tunis. Ein Spaziergang durch das Zentrum von Tunis sagt alles: Mädchen in Miniröcken oder hautengen Leggins schlendern entlang der Geschäfte und bleiben unbehelligt von männlichen Offerten. Unverheiratete Pärchen gehen Hand in Hand oder sitzen flirtend in den Straßencafés.

Von islamischer Kleiderordnung, Kopftuch und Bedeckung des weiblichen Körpers ist hier selten etwas zu sehen. Frauen tragen offenes Haar und westliche Mode. Eine Szenerie, die an Paris erinnert und in den anderen Staaten des Maghreb wie Libyen, Algerien oder Marokko so ungezwungen nicht möglich ist. Dort würde man die Frauen im Zentrum von Tunis als schamlos, wenn nicht gar als Prostituierte bezeichnen. Nur ehrlose Mädchen zeigen sich im kurzen Rock und in Cafés, wo eventuell auch Alkohol ausgeschenkt wird.

Über solche Geschlechterverhältnisse kann Aida, eine 23-jährige Kunststudentin, nur lachen. Sie trinkt ein Bier auf der Dachterrasse des Hotels International und bespricht mit ihren männlichen Studienkollegen ein gemeinsames Projekt. „Wir wollen eine Ausstellung zur Revolution organisieren und damit durch Tunesien reisen.“ Dass sie dabei zwei Wochen gemeinsam unterwegs sind, stört weder Aida noch ihre Eltern.

Tunesien ist als säkularer Staat eine Ausnahme. Frauen genießen hier, wie in sonst keinem anderen arabischen Staat, beinahe vollständig gleiche Rechte wie die Männer. Seit 1962 haben sie Zugang zur Geburtenkontrolle und seit 1965 zur Abtreibung. Polygamie ist illegal, das Scheidungsrecht setzt Mann und Frau gleich. Laut Gesetz müssen Frau und Mann gleichen Lohn erhalten. Dafür legte der erste Präsident des nordafrikanischen Staates, Habib Bourghiba, die Basis. Er ließ 1956 die Gleichstellung der Geschlechter ins Bürgerliche Gesetzbuch aufnehmen.

Nach fünf Jahrzehnten hat sich die Politik der Gleichberechtigung fest in den Alltag eingeschrieben. Viele Besucher aus den arabischen Nachbarstaaten müssen umstellen: In Tunesien kann man den Frauen ungeniert die Hand geben, sie sitzen beim Essen mit am Tisch, ihre Meinung zählt bei Diskussionen, und sie können allein ausgehen.

 

Kappen Islamisten Frauenrechte?

Bei den Protesten gegen Diktator Ben Ali waren zwar keine islamistischen Parolen zu hören, trotzdem besteht die Sorge, es könne einen religiösen Rückschritt geben. „Wenn sich nicht alle politischen Gruppen zusammentun, werden die Islamisten übernehmen“, meint Karim Ben Smail, der Chef von Ceres, dem bekanntesten Verlag Tunesiens. „Die Frauen müssen wissen, dass es mit ihren Rechten dann vorbei sein kann.“ Eine Sorge, die die Fernsehjournalistin Moufida Abbassi nicht teilt. „Nein, wir Frauen haben keine Angst vor den Islamisten.“ „Niemand kann uns unsere Rechte, die es schon so lange gibt, wegnehmen“, davon ist Abbassi überzeugt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2011)