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Bank of England: "Die Saat des eigenen Untergangs"

(c) AP (Remy de la Mauviniere)

Der Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, kritisiert die Banken. Sie hätten aus der Finanzkrise nichts gelernt. Die Attacke kommt nicht ohne taktische Hintergedanken.

London. Mit teilweise offenem Ärger hat die Londoner Finanzwelt am gestrigen Montag die neue Arbeitswoche begonnen. Dass ihr Sozialprestige unter dem von Journalisten und Juristen angelangt ist, daran haben sich die britischen Banker mittlerweile gewöhnt. Dass ihnen aber der Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, in einem Interview vorwirft, aus der Finanzkrise nichts gelernt zu haben und weiter „die Saat ihres eigenen Untergangs zu säen“, das hat viele empört. „King riskiert, als verbitterter alter Mann ohne Bezug zur Realität gesehen zu werden“, sagte ein Banker zur Kritik des Gouverneurs.

„Too Big to Fail“ ungelöst

Das Gegenteil ist der Fall: Wenn King verbittert ist, dann lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken. Auch seine Selbstkritik in dem Interview mit dem „Daily Telegraph“ am Wochenende fällt milde aus: „Ich wünschte, wir hätten uns kräftiger geäußert“, meinte King. Er ist seit 2003 im Amt, als die britische Finanzblase ihren Höhepunkt erlebte. Umso mehr – und mit scharfem Blick für die Realität – kritisierte er die Banken: Das „Too Big to Fail“-Problem bleibe ungelöst und erlaube es Bankern, sich auf kurzfristige Profite und ungerechtfertigte Bonuszahlungen zu konzentrieren: „Das Problem besteht weiter. Die Suche nach Erträgen geht weiter. Die Ungleichgewichte wachsen.“ Daher nehme er auch die „Gefahr einer zweiten Finanzkrise“ sehr ernst, warnte King.

Durch die staatlichen Rettungspakete und das Versäumnis, neue und radikale Regulierungen einzuführen, hätten Banken ab einer kritischen Größe letztlich eine Bestandsgarantie. „Dafür darf es in einer Marktwirtschaft keinen Platz geben.“ Nicht zuletzt führe die Ausschaltung des Wettbewerbskriteriums zu falschen Praktiken: „Anders als in anderen Wirtschaftssektoren scheint es in der Finanzbranche absolut in Ordnung zu sein, gutgläubige und arglose Kunden für kurzfristige Profite zu verwenden.“

Mit ihrer Weigerung, aus der Krise 2008 Konsequenzen zu ziehen, würden die Banken damit heute bereits die Grundlagen für die nächste Krise schaffen.

King hat bereits in der Vergangenheit scharf gegen die Banken geschossen und wiederholt die Trennung zwischen traditionellem Spargeschäft und Investmentbanking gefordert. Sein neuerlicher Vorstoß wurde daher eher als taktisches Manöver gesehen. Vor allem gegen Schatzkanzler George Osborne: Der Tory-Politiker wählt zwar ebenfalls gerne scharfe Worte („nicht erträglich“ nannte er noch vor Kurzem die Gier der Banker nach Boni), scheint aber im letzten Moment immer auf die Seite seiner Millionärsfreunde umzufallen.

 

Druck soll Reform verschärfen

Die Frage wird in den nächsten Monaten eine Brisanz erhalten, die weit über die Millionenzahlungen an einzelne Banker hinausgeht – so sehr sie auch die Öffentlichkeit empören mag. Eine Kommission unter dem Vorsitz von John Vickers soll bis zum Herbst einen Bericht über die Neuordnung des britischen Finanzsektors vorlegen.

Die Zerschlagung der Banken nach den Vorstellungen Kings oder der Liberaldemokraten ist eine realistische Option. Zumindest sollen Banken gezwungen werden, Vorsorge für ihre Abwicklung („living will“) zu treffen. Durch seine Kritik will King nach Ansicht von Beobachtern den Druck auf die Banken aufrechterhalten. Er spricht auch merklich lieber über die Versäumnisse der Finanzinstitute als über eigene Fehler: Die Bank of England hat den Auftrag, die Inflation unter zwei Prozent zu halten, der letzte Wert aber lag bei 4,0Prozent.

Angesichts der aktuellen und vergangenen Versäumnisse der Bank of England unter King höhnte der Kolumnist Alen Mattich: „In seinem Kampf gegen die Banken hat Mervyn King ungefähr so viel Glaubwürdigkeit wie Pakistan im Kampf gegen den Terrorismus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2011)