Ausstellung: "Die wir die neue Welt gebären"

Frauentagsdemonstration am 19. März 1911 in Wien
"Feste Kämpfe"(c) Kreisky Archiv

Eine spannende Ausstellung im Volkskundemuseum zeigt u.a., wie sich die Geschlechterbilder geändert haben. Auch innerhalb der Frauenbewegung. Gezeigt werden auch die Flugblätter der ersten Frauentage in Wien.

Abseits stand die sittsame Bürgersfrau, die sich noch willig unter das Joch des Mannes beugt; abseits standen sie alle, und hinter den großen Spiegelscheiben saßen die anderen, die Modeweiber.“ In Wien am 19. März 1911 demonstriert hätten „Arbeiterinnen, Proletariermädchen und Proletarierfrauen und nur solche“.

Das schrieb die sozialdemokratische „Arbeiter-Zeitung“ in ihrem großen Bericht über die Veranstaltungen am Frauentag, der am 19. März 1911 stattfand – und heute als erster Frauentag gilt, als „Gründungsereignis“, wie Heidi Niederkofler im Buch „Frauentag! Erfindung und Karriere einer Tradition“ schreibt. Dass der „Internationale Frauentag“ spätestens seit einem entsprechenden UNO-Beschluss 1977 alljährlich just am 8. März gefeiert wird, dafür gibt es andere historische Begründungen, vor allem Arbeitskämpfe in den USA, genannt werden die Jahre 1857, 1858, 1901.

So dunkel sind die Ursprünge des „einzigen Rituals der Frauenbewegung“, wie Margot Schindler, Direktorin des österreichischen Volkskundemuseums, den Frauentag nennt. Diesem widmet ihr Haus (in der Wiener Laudongasse 15–19) eine Ausstellung, die u.a. dadurch besticht, dass sie rare Quellen versammelt, etwa Flugblätter der ersten Frauentage in Wien.

 

„Die Frau beschirmt den Herd“

Auf diesen las man jeweils ein programmatisches Gedicht, das zweimal (1912, 1914) vom Arbeiterdichter Alfons Petzold stammte und sich jeweils in großem Pathos an die „Schwestern“ wandte. Das erste solche Gedicht vom 19.März 1911 aber ist von Robert Preußler und zeichnet quasi die Mythologie des historischen Materialismus: Die kommunistische Urgesellschaft („So wuchs in Kraft und Schönheit auf ein glückliches Geschlecht, es gab keinen Klassenunterschied, sondern nur gleiches Recht“) wird durch die Entstehung der Klassengesellschaft zerstört, die freilich nicht von Dauer ist: „Was morsch ist, muss vergeh'n! Ihr werdet wieder wie dereinst in Kraft und Schönheit ersteh'n.“ Bemerkenswert ist, wie Preußler die Geschlechterrollen in der Urzeit schildert: „Der Mann zog hinaus ins wilde Land, die Frau beschirmt den Herd.“ Angesichts solcher Poesie versteht man besser, wie SP-Vorsitzender Victor Adler 1903 hatte durchsetzen können, dass das Wahlrecht für Frauen zurückstehen müsse: Es sei eine „politische Torheit“, es zeitgleich mit jenem für Männer zu fordern. Tatsächlich kam es erst 1918.

1911 hieß es im Frauenwahlrechtslied, das immerhin eine Frau, Theresa Schlesinger, schrieb über die Frauen: „Die wir die neue Welt gebären aus uns'rem mütterlichen Schoß.“ Eine solche Festlegung auf die Mutterrolle wäre heute beim Frauentag undenkbar. Doch noch 1949 bildeten Frauen mit Kinderwagen – wie ein Foto in der Ausstellung zeigt – sozusagen demonstrativ die erste Reihe beim Aufmarsch der KP-Frauen. In den Sechzigerjahren hielten nur mehr diese und die SPÖ die Tradition aufrecht. Erst in den Siebzigern wurde das alte Ritual von der neuen Frauenbewegung neu belebt, und auch viele (sittsame) Bürgersfrauen können sich damit identifizieren.

Bis 30. Juni, Di bis So, 10 bis 17 Uhr.