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Bettler vertreiben – da fühlt man sich doch gleich viel besser!

In fast allen Bundesländern gibt es mittlerweile Gesetze, die das Betteln ganz oder teilweise verbieten. Wir sind sehr dankbar für jede Ausrede, der Wirklichkeit nicht ins Gesicht schauen zu müssen.

Quergeschrieben

Meine Oma hat es immer so gesagt: Es ist nicht gut, wenn wir dem Bettler etwas geben, weil er mit dem Geld Schnaps kauft, und trinken schadet ihm. Ich kann mich an meine große Erleichterung erinnern, die dieser Satz mit sich brachte. Denn schaden wollte ich, das Kind, dem armen Bettler sicher nicht.

Manche Reiseführer in armen Ländern sagen es so: Sie müssen sich nicht verpflichtet fühlen, Almosen zu verteilen. Manche Bettler haben sich ihre Verstümmelungen selbst zugefügt, um erfolgreicher zu sein, oder wurden gar schon als Kinder absichtlich verstümmelt. Mit solchen Hinweisen stellt sich die Erleichterung ebenfalls unverzüglich ein.

Die Beklemmung, mit der man sich eben noch durch das Elend geschoben hat, weicht vielleicht sogar einem erhabenen Gefühl. Denn erst jetzt, indem man sie ignoriert, tut man den Armen in diesem Land wirklich etwas Gutes! Man verhindert, dass noch mehr von ihnen verstümmelt werden! Und trägt damit zur Abschaffung einer brutalen Tradition bei!

Die Wiener Linien sagen es so: Geben Sie Bettlern in der U-Bahn kein Geld, geben Sie es lieber „anerkannten Hilfsorganisationen“. Soll heißen: Es gibt jemanden, der viel besser helfen kann, und das ordentlich an unserer Stelle erledigt. Kollektive Erleichterung auch hier. Gleich nach der Durchsage fühlt man sich nicht mehr kaltherzig, sondern, im Gegenteil, verantwortungsvoll und sehr vernünftig, wenn man sich am Akkordeonspieler vorbeidrückt: Denn wer will schon Profis ins Geschäft pfuschen? Damit schaden wir dem Akkordeonspieler am Ende womöglich, und das wollen wir doch keineswegs!

Die urbane Legende sagt es so: Die Bettler in Österreich sind allesamt „organisiert“. Dürfen das Geld, das sie erbetteln, gar nicht behalten. Werden in ihren Heimatorten von einem Mafia-Boss in Kleinbusse gesteckt und in österreichische Fußgängerzonen gekarrt. Hinter der nächsten Ecke steht stets einer, der sie genau beobachtet und ihnen abends alles abnimmt.

Wer Bettlern Geld gibt, lautet die Moral dieser Legende, finanziert erstens einem skrupellosen Ausbeuter das Luxusleben samt Mercedes, und fördert zweitens ein menschenverachtendes Sklavenhaltersystem. Um sich nicht mitschuldig zu machen, bleibt da nur: nichts hergeben!

Die Legende von der organisierten Bettelei steht jeden Tag in Zeitungen, Leserbriefen, Postings. Sie ist überall, und jeder meint, sie sei bereits dadurch umfassend bewiesen, weil jeder andere sie auch schon gehört hat. Mehrmals haben sich Menschen aufgemacht, um Details zu recherchieren und Hintermänner zu suchen, fündig wurden sie dabei nur selten. Dennoch ist die Legende mittlerweile zur Geschäftsgrundlage der Politik geworden.

In fast allen Bundesländern gibt es mittlerweile Gesetze, die das Betteln ganz oder teilweise verbieten. Stets mit dem Argument, man habe dabei vor allem das Wohl der Armen im Sinn.

Im Prinzip macht der Gesetzgeber nichts anderes als meine Oma damals: Er beschwindelt uns, damit wir uns besser fühlen. Er will uns Betroffenheit, Peinlichkeit und Unsicherheit ersparen. Er wischt den Anblick der Wirklichkeit weg, weil er meint, dass wir davon überfordert sind, und zeigt uns einen schnellen Fluchtweg.

Bloß dass es meine Oma damals mit Kindern zu tun hatte, nicht mit erwachsenen Staatsbürgern.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2011)