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R.E.M.: Michael Stipe auf der Suche seiner Selbst

(c) REUTERS (GUS RUELAS)
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Sie klingen auf ihrem neuen Album „Collapse Into Now“ wie gewohnt: Midlife-Rock, gelassen bis aufgeregt. „Cinderella boy“ ist die die originellste Nummer des Albums.

„Und sie fährt ja U-Bahn auch“, bescheinigte Falco einst im „Kommissar“ einer mit dem Zeitgeist vertrauten Zeitgenossin. Die U-Bahn ist gealtert, aber sie hat ihren modernen Appeal nicht verloren: dass sie einen zweiten Stadtplan schreibt, der unter dem ersten verläuft, der verbindet, was oberflächlich nicht verbunden ist. Mit dem Appeal der U-Bahn-Pläne, auf den z.B. die Werbung für den Radiosender FM4 schon länger setzt, arbeitet jetzt auch das neue Video von R.E.M.: Michael Stipe, auch schon 51 Jahre alt, singt einen Wiedergänger des alten Hits „Drive“, seine Worte bilden die Stationen in einem U-Bahn-Netz.

„Überlin“ heißt der Song, „Take the U-Bahn“, singt Stipe. R.E.M. haben ihr neues Album in Berlin aufgenommen, in der Stadt, die ein Sehnsuchtszentrum des Pop ist, seit die kanonischen Pilgerväter seiner Moderne (Lou Reed, David Bowie, Iggy Pop) die Mauerstadt für ihre Projektionen eines urbanen Wüstenlebens entdeckt haben. Diese Aura ist auch nach 1989 geblieben, und immer wieder suchen Bands von U2 bis Bloc Party dort Inspiration.

Was sucht Michael Stipe dort? Was er überall sucht: sich selbst. Seine Nöte, seine Ängste, sein fragiles Glück, die Schwankungen seines Zustandes. „I know this is changing me“, singt er, und „I am flying on a star into a meteor tonight“, dergleichen würde er überall singen, ob in Athens oder Athen, in Scheibbs oder Nebraska. Oder auch in Houston, durch das er im ersten Song des Albums, im ruppigen „Discoverer“, schwebt: „I can see myself!“, ruft er, das ist seine Entdeckung. In „Oh My Heart“ nennt er gar keinen Ortsnamen mehr, weil ohnehin klar ist: „This place is the beat of my heart.“

Murmeln mit Patti Smith

Dieses manische bis hysterische Interesse Stipes an seiner eigenen Befindlichkeit ist das Kontinuum im Werk der seit 1980 bestehenden Band, am Anfang verbarg er es in einem abstrakten Murmeln („Murmur“ hieß das erste Album), publizierte auch keine Songtexte, ließ oft rätseln, was er denn da murmle: „The world will be mine“ oder „You will be mine“?

Egal. „Monster“ (1994) war schön wild, doch „New Adventures in Hi-Fi“ (1996) wurde zum Meisterwerk – durch den Willen der Band, ihren für gewöhnlich fest in sich ruhenden Kleinstadt-Rock zu verschärfen, durch die reichere, oft chemische Metaphorik („aluminium“, „adrenaline“) – und wohl auch durch Stipes partiellen Umstieg von „I“ auf „we“.

In „E-Bow the Letter“, dem vielleicht besten aller R.E.M.-Songs, schloss sich Patti Smith in dieses Wir ein, beschwörerisch murmelnd. Sie, längst eine Art Patentante für die Band, ist auch diesmal wieder dabei, im letzten Song, „Blue“ – und preist Stipe, der sich nicht wehrt, als „Cinderella boy“. Das ist majestätisch und rührselig zugleich – und die originellste Nummer des Albums, das ansonst bekannte R.E.M.–Muster variiert. „I feel like an autopilot“, singt Stipe einmal. Das hört man.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2011)

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