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Justin Bieber: Die Person ist Produkt geworden

(C) Paramount
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„Justin Bieber: Never Say Never“ bekennt sich vehement zur totalen Vermarktung. Der Popfilm läuft derzeit in 3-D im Kino. Eine Doku über den Ursprung des Bieber-Mythos und einigen Live-Auftritten.

Millionen von Twitter-Fans können nicht irren! Der (vor allem) von Mädchen – den „Bieberettes“ – bejubelte Sänger mit der Fön-Topffrisur als Markenzeichen hat von Anfang an über das Internet seine Basis gepflegt, Millionen von Online-Anhängern zu Millionen Dollars vergoldet. Also kommt nun Justin Bieber: Never Say Never, natürlich in 3-D, angekündigt als Konzertfilm, wiewohl nur zur Hälfte aus Live-Auftritten bestehend.

Der Rest präsentiert sich als Doku über den Ursprung des Bieber-Mythos, zu gleichen Teilen belegt durch alte Home-Movies seiner Familie, die hysterische Hingabe seiner Anhängerinnen („Ich werde Justin Bieber heiraten!“, „I tweeted him 100 times one day!“) und vor allem die grenzenlose Weisheit und Fürsorge seines Marketing-Teams.

 

Countdown bis zum Riesenkonzert

Für die Professionalität der Produktion als Fan-Paket sorgt Regisseur Jon Chu, zuletzt mit dem Teenager-Tanzfilm Step Up 3-D erfolgreich. Außenstehenden erschließt sich das Bieber-Phänomen durch den Film aber nicht – es sei denn, man begreift den Jungstar als reines Produkt. Was, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, in Wahrheit die Botschaft des Kinospektakels ist. Die Struktur ist die eines Countdowns: Die (anfangs zehn) Tage zum Riesenkonzert im Madison Square Garden werden in großen Lettern annonciert, während musikalische Einlagen bereits auf den Höhepunkt vorgreifen. Dazwischen gibt es Bilder aus Justins jungen Jahren, Interviews mit Fans, etwas unglaubwürdig gespielte Szenen zur Image-Bestätigung (Bieber beim Beten vor dem Mahle in der Pizzeria) und eine Menge nicht weniger dubioser Szenen, in denen Trainer und Manager ihre Begeisterung für ihr Star-Kind kundtun.

Lässt man die (fehlende) filmische Qualität außer Acht, ist das ein wenig so, als hätte man den ersten Beatles-Film A Hard Day's Night zur Hälfte deren Manager Brian Epstein gewidmet. Hier ist die zweite Hauptfigur der Bieber-Entdecker „Scooter“ Braun, der erzählen darf, wie er über einen von Mama online gestellten Song stolperte. „Mein erster Gedanke war: der Macaulay Culkin der Musik!“, erzählt er (und liefert damit angesichts der späteren Drogenkrisen des Kinderstars von Kevin – Allein zu Haus eine der unfreiwilligen Entzauberungen des Bieber-Films). Hintergedanken werden dem Publikum aber ohnehin nicht zugetraut: Für das Spannungsmoment in der zweiten Hälfte sollen Biebers Stimmprobleme sorgen. Muss er womöglich das Konzert im Madison Square Garden absagen? Nach dem schon vorab Songs des Abends gezeigt wurden, eine eher rhetorische Frage.

Faszinierend an der Rhetorik des Managements (also des Films) ist dabei die Gewissheit, mit der man sich und seinen Millionenseller Justin Bieber als „Rebellen“ verkauft: Weil er im Internet entdeckt wurde, das Medium als Marketing-Plattform ausgebaut hat, ohne Unterstützung durch Nickelodeon oder Disney zu Ruhm gekommen ist.

Gerade weil dieser Film als gefällig-anspruchsloses „Promotion-Tool“ daherkommt, wird der Subtext umso deutlicher: Das Kind mit dem Talent für Top-20-Radiohit-Intonation hat es zum Superstar gebracht, indem die Person Bieber zum Produkt Bieber geworden ist – von einem Eigenleben jenseits der ständigen Online-Eigenwerbung und des Erfüllens der Erfolgsaufträge ist nichts zu sehen oder zu spüren. Dazu passen die Konzertszenen, die als einzige des Films in 3-D sind: ein Verfahren, bei dem die Menschen nicht dreidimensional aussehen, sondern wie die hochklappenden Figuren aus einem Stehauf-Bilderbuch: Da wirkt Bieber endgültig wie die Marionette in einem profitablen Masterplan, austauschbar wie all die weinenden Mädchen, die er auf der Bühne umwirbt. System essen Seele auf, und Justin singt dazu: So wird den Fans das persönliche Aufgehen im Warenmarkt als Selbstverwirklichungsstrategie empfohlen. Eigentlich der härteste Horrorfilm der letzen Zeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2011)

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