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„Die Saat für die nächste Finanzkrise“

(c) EPA (JEFFREY BARBEE/HANDOUT)
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Der IWF fordert ein Antikrisenmodell für globale Großbanken und kritisiert, dass aus dem letzten großen Finanzcrash keine Lehren gezogen wurden. Ungelöst ist nach wie vor das „Too big to fail“-Problem.

Washington/Red./Ag. Nach dem Beinahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems im Jahr 2008 ist viel über strikte Maßnahmen zur Stabilisierung des Bankensystems und zur Vermeidung künftiger schwerer Krisen diskutiert worden. Geschehen ist offenbar wenig: In einem nun bekannt gewordenen internen Diskussionspapier des Internationalen Währungsfonds (IWF) heißt es nämlich, das Weltfinanzsystem sei weiter extrem verwundbar – und für Finanzkrisen möglicherweise sogar weniger gewappnet als 2008.

Der Grund: Es sei zwar ein wenig Systemkosmetik betrieben worden. Die Ursachen, die die schwere Finanzkrise ausgelöst haben, seien aber noch immer nicht beseitigt. Von den grenzüberschreitend tätigen Riesenkonzernen gehe eine anhaltend große Gefahr für die Stabilität des internationalen Finanzsystems aus. Dies gelte nicht nur für die Banken selbst, sondern auch für „Schattenbanken“ wie etwa große Hedgefonds.

 

Politik hat Reformen verschlafen

Der Befund der Weltwährungshüter steht in krassem Gegensatz zu den positiven Beurteilungen mancher Regierungen. Der IWF kritisiert diese Regierungs-Schönrederei ausdrücklich: „Die Regierungen müssen überdenken, wie sie die Bedrohung durch riesige Finanzinstitutionen für die Systemstabilität vermindern“, heißt es in dem Expertenbericht, der jetzt von IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard freigegeben wurde. Dabei müsse man auch nachdenken, wie man „die Komplexität dieser Konzerne reduziert, die Bandbreite ihrer Geschäfte verringert und ihre Kapitalstruktur verbessert“.

Ungelöst ist demnach nach wie vor das „Too big to fail“-Problem: International tätige Finanzkonzerne haben unterdessen Größenordnungen erreicht, die sie „unsinkbar“ machen, weil ihr Zusammenbruch das gesamte Welt-Finanzsystem in den Abgrund reißen würde. Sie müssen deshalb im Falle eines drohenden Zusammenbruchs mit Hilfe von Steuerzahlergeld aufgefangen werden. Aber selbst das ist schwierig, weil die Rettung wirklich großer Institute die Finanzkraft einzelner Staaten überfordern würde.

Ein Beispiel: Die Bilanzsumme der Schweizer Großbank UBS ist annähernd achtmal so groß wie das gesamte Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. Diese Unsinkbarkeit führt zu „Moral hazard“: Großinstitute können in dem Wissen, dass sie auf jeden Fall gerettet werden müssen, überproportional große Risken eingehen.

 

Banken noch größer als vorher

Dieser „Moral hazard“ hat sich seit der im Zuge des Kollaps der US-Bank Lehman Brothers ausgebrochenen letzten großen Finanzkrise sogar noch erhöht, meinen die IWF-Experten. Und: „Die Analyse und die Reparaturarbeiten an den globalen Finanzinstituten sind weit weniger weit fortgeschritten, als sie zu diesem Zeitpunkt sein sollten.“ Es sei „lediglich an den Symptomen der Kernschmelze im globalen Finanzsystem herumgedoktert“ worden, statt das System zu erneuern, kritisiert der IWF. Das Vertrauen in die Finanzsysteme sei immer noch in hohem Maß von den anhaltenden Stützungsmaßnahmen der Zentralbanken und Regierungen abhängig. Mit anderen Worten: Es werde derzeit gerade „die Saat für die nächste Krise“ gelegt.

Als äußerst kontraproduktiv würden sich die staatlichen Hilfen für krisenbedrohte Banken erweisen: Die würden den Druck verstärken, weil ein Zusammenbruch nun auf jeden Fall vermieden werden müsse. Die Banken seien also mehr denn je „too big to fail“. Der IWF moniert bei den Regierungen der G20-Staaten nun „geeignete Vorschläge“, wie man das Problem in den Griff bekommen könne.

Auf einen Blick

Die Ursachen der Finanzkrise sind noch nicht aufgearbeitet, sagt der Internationale Währungsfonds (IWF). Die Gefahr einer neuen Finanzkrise habe sich sogar vergrößert. Der Grund: Den Regierungen der Industrieländer ist noch kein Rezept gegen Banken und Hedgefonds eingefallen, die so groß sind, dass sie im Falle eines Zusammenbruchs auf jeden Fall mit Steuerzahlergeld gerettet werden müssen. Damit sei auch das Problem des „Moral hazard“ nicht gelöst: Die wegen ihrer Größe praktisch „unsinkbaren“ Banken können im Wissen um ihre zwangsläufige Rettung überproportionale Risken eingehen – was die Stabilität des globalen Finanzsystems gefährdet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2011)