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Fort von den Männern!

Mann in mittleren Jahren betrügt seine Frau. So weit, so bekannt. Wie die Betrogene in einem „Sommer ohne Männer“ wieder zu sich findet, das wird bei Siri Hustvedt zu einem eigensinnigen Roman über weibliche Adoleszen.

Eine Frau dreht durch: Ihr Mann macht Ferien von der Ehe und pflegt zur Aufhellung seiner Laune ein Intermezzo mit einer französischen Geliebten. Natürlich ist es eine Ehe in den mittleren Jahren, mit Partnern in den mittleren Jahren, den Jahren der „Lebenskrise“. Man ist gebildet und gut situiert. Die einzige, bezaubernd begabte Tochter des Opfers ist erwachsen und die Mutter des Opfers auf dem Weg zur ebenfalls gut situierten Greisin. Das klingt ein wenig nach Groschenroman.

Ist es aber nicht. Es ist „Der Sommer ohne Männer“. Siri Hustvedt, die virtuose Analytikerin der Gefühle, die Kundige in Neurophysiologie und Psychoanalyse, die sanftmütige Erzählerin mit dem scharfen Blick, die Erbarmungslose mit der zärtlichen Zunge hat einen neuen Roman über „die schreckliche Wahrheit“ geschrieben, den (vorübergehenden) Liebesverlust, das Parken auf dem Abstellgleis. Offenbar entgehen nicht einmal Dichterinnen wie die Ich-Erzählerin Mia dem Fluch dieser scheußlichen Jahre, in denen funktionierende Systeme regelmäßig zusammenbrechen und Männer dem Wahn verfallen, noch einmal „von vorn“ anfangen zu müssen. Auch die Tatsache, dass Mias Mann, Boris, ein weltberühmter, in der Forschung arbeitender Neurowissenschaftler ist, schränkt weder seine Gier nach frischem Fleisch ein, noch schärft sein Status sein Bewusstsein, was er tut und seiner Frau damit antut.

Die mittleren Jahre, das wissen wir längst, sind eine besonders gnadenlose Zeit im Leben des zivilisierten, ehrgeizigen und sich dem Alter verweigernden Menschen. Bevor wir in den zweifelhaften Genuss kommen, mit offenen Augen unserem eigenen Verfall zuzusehen (Mias Mutter wird später bezeugen, dass das Alter „bitter“ ist), werden wir mit dem zweifelhaften Genuss der totalen Desorientierung konfrontiert, wenn die Zeiten der mittleren Krise die mühsam gewonnene Selbstsicherheit des Erwachsenen plötzlich aushebeln.

Mia gerät nicht außer sich vor Schmerz. Sie implodiert. Für kurze Zeit, erinnert sie sich, war sie eine „Geisteskranke, in deren Hirn die Gedanken platzten, wild herumfuhrwerkten und voneinander abprallten wie Popcorn in einer Mikrowellentüte“. Sie wusste nicht mehr, wer sie war. Sie erkannte ihre Umwelt nicht mehr. Sie verweigerte sich der Wirklichkeit. Der Ausfall des Gehirns durch ein unerträgliches Gefühl, dem der Verstand nichts mehr entgegenzusetzen hat, führt sie indes auf eine neue Fährte, tatsächlich aus ihrer gewohnten Umgebung heraus und – fort von den Männern. Die Männer nämlich, so alltäglich sie sind im Leben einer Frau und, wie es am Ende des Buches scheint, auch auf eine dubiose Weise unersetzlich, fügen nicht nur Schmerzen bei, sondern vernebeln das weibliche Gehirn auch mit seltsamen, allein ihnen zuträglichen Theorien, die sich eingraben in das feminine Selbstbild. Um wieder zu klarem Verstand und geklärtem Gefühl zu kommen, ist es notwendig, sich zeitweilig von ihnen zu entfernen. Siri Hustvedt, die immer auch wieder über Rollentausch, Sex und Gender geschrieben hat, ist Spezialistin dieses Sujets aufgrund ihrer Selbsterfahrung, Forschung und wissenschaftlichen Lektüre.

 

Verstrickungen und Intrigen

Dennoch hat man zunächst den Eindruck, es ginge in „Der Sommer ohne Männer“ ähnlich wie in George Cukors Film „The Women“ nur um Männer, obwohl oder gerade weil die Männer abwesend sind. Aber Siri Hustvedt wäre nicht die faszinierende Erzählerin, wenn sie es bei der Unruhe über einen ebenso verzweifelten wie alltäglichen Zustand und seiner Ursache belassen würde. Ihre Geschichten nehmen einen erstaunlichen Weg und zeugen von einer subtilen Wahrnehmung äußerer und innerer Geschehen, die sich durch gedankliche Digressionen mit den Kettfäden der Geschichte zu einem neuen Muster verweben. Die Männer werden zunehmend auf einen Nebenschauplatz verfrachtet, und aus dem Roman über eine Midlife-Crisis wird zum einen ein Traktat über die weibliche Adoleszenz mit ihren Verstrickungen und Intrigen, zum anderen ein Ausflug in die Zukunft mit den zu erwartenden Konstellationen im Alter. Auf diesem Weg werden frühere Geschichten erzählt, solche, die als vergessen galten und die niemals zutage gefördert worden wären, wenn Mia die scheußliche Krise nicht hätte durchleben müssen. So erstaunlich freundlich das Ende von „Der Sommer ohne Männer“ ist, so ist doch klar, dass weniger dieses Ende das Ziel der Unternehmung war als der Weg dem Ende entgegen.

Nachdem die kurzzeitig Wahnsinniggewordene wieder zur Besinnung gekommen und aus der Klinik entlassen ist, reist sie in die amerikanische Provinz, dorthin, wo sie aufgewachsen ist. Sie will Abstand gewinnen. Sie muss die Wohnung in Brooklyn verlassen, in der sie jedes Detail an ihre missliche Lage erinnert, um zu verarbeiten, dass auch ihr, der Dichterin, passiert ist, was vornehmlich doch die Frauen der sprichwörtlichen bürgerlichen Kreise überfällt. Auch wenn Mias sich aufhellende Stimmung von Schmerz und Zorn perforiert ist, gelingt ihr doch das Atemholen letztlich dank der Menschen und Ereignisse ihrer neuen Umgebung. Obwohl die Erlebnisse alles andere als fröhlich sind.

In Minnesota lebt ihre Mutter in einer Altersresidenz, umgeben von einer kleinen Freundinnenclique, deren Mitglieder auf den ersten Blick harmlose alte Damen zu sein scheinen. Eine von ihnen, Abigail, fertigte in ihren jungen Jahren subversive Handarbeiten an. Die ebenso konventionell sanktionierten wie traditionell geforderten weiblichen Produkte enthalten Botschaften aus dem Untergrund. Sie sind Ausdruck von Widerstand und Eigenleben, nicht kreischend wie im Fall der Hysterie, sondern stumm, wissend, vorausschauend. „Gedenke, dass mein Leben ein Wind ist und meine Augen nicht wieder Gutes sehen werden.“ Ein merkwürdiges Testament bilden diese Handarbeiten, ungefähr so offensichtlich wie mit Zitronensaft geschriebene Briefe. Diese Erfahrung öffnet Mia die Augen für ein neues Erleben. Auch dafür, dass reizende, wohlerzogene alte Damen mitunter eine frühe lesbische Liebe in ihrer Erinnerung hüten. Wenig ist so, wie es scheint!

Die zweite Digression, das Aufdecken längst vergessener Irritation nimmt seinen Lauf, als Mia einen Sommerkurs für kreatives Schreiben anbietet. Die kleine Gruppe pubertierender Mädchen wird bald ihr Fanklub und begeistert sich – erstaunlich genug– unter der Leitung der sensiblen Lehrerin für Lyrik. Doch plötzlich scheint die harmonische Gruppe aus heiterem Himmel zerstört. Eine rätselhafte Eigendynamik entwickelt sich, indem die Mädchen ein Mitglied der Gruppe an den Rand drängen und auf sadistische Art zur Außenseiterin stempeln wollen. Durch diese Ereignisse treten Mias Ehedrama und ihr eigener Schmerz endgültig in den Hintergrund. Das ist der spannendste, verstörendste Teil des Romans, denn Mia hat ein Déjà-vu. „Als ich auf dem Sofa lag, versuchte ich angestrengt, mich zu erinnern, die weit zurückliegenden Grausamkeiten in der sechsten Klasse ,ruhig und sachlich‘, wie es im Fernsehen und in schlechten Büchern heißt, zutage zu fördern. Es hatte eine oder mehrere Verschwörungen gegeben, ein bombastisches Wort für die Taten kleiner Mädchen, aber spielt das Alter der Täter oder der Tatort der Intrige wirklich eine Rolle?“ Es ist eine der Stärken der Schriftstellerin Hustvedt, jeden Gedanken ernst zu nehmen, ihn auf seine Zusammensetzung, Provenienz und Tragfähigkeit abzuklopfen, auf die in ihm enthaltenen Assoziationen. Egal, ob es sich um eine Konvention, ein unbekanntes Phänomen oder einen flüchtigen Eindruck, eine kaum bewusste Ahnung oder den Anflug einer Idee handelt: Siri Hustvedt schreibt als forschende Erzählerin. Sie wertet nicht, sie nimmt wahr.

In der Wirklichkeit eskaliert, was Schülerinnen und Lehrerin anhand der Literatur erproben. Nachdem Mia sich über das ablaufende psychische Muster anhand ihrer Erinnerung klar geworden ist, nutzt sie ihre lange zurückliegenden Erlebnisse und ihre Position als Lehrerin, die Verschwörung der kleinen Hexen zu durchkreuzen. Die Erfahrung sowie die Unnachgiebigkeit ihrer Haltung verschaffen ihr nicht nur vor der Klasse Autorität, sondern einen späten Triumph über die beinah verschüttete Niederlage von einst – ein geglücktes, in Szene gesetztes analytisches Setting, wie es selten möglich ist.

Siri Hustvedt nimmt die Ereignisse, in die sie ihre Protagonistin Mia verwickelt, zum Anlass, zwei Exkurse in den erzählenden Text einzuschieben. Der erste beschäftigt sich mit dem Phänomen des Ostrakismos, der „Meidung“ oder, wie wir es heute nennen würden, dem „Mobbing“. Der zweite mit Bestimmung und Konsequenz der darin enthaltenen Aggression. „Wir müssen näher herangehen, so nah, dass wir den Schauer der Heimlichkeit riechen, den die Mädchen im Hexenzirkel fanden, die Lust spüren, die es ihnen bereitete, Alice wehzutun.“ In der Zeit, in der Mia mit einer groß angelegten Aktion alle an der Intrige Beteiligten, Töchter und Mütter, zusammenruft und miteinander konfrontiert – ein Showdown, der sich bei allem feministischen Forschungsinteresse wie die Aufdeckung eines Mordes liest –, kommt wieder Bewegung in die Geschichte. Boris, der verloren gegangene Ehemann, fühlt sich verloren. Boris bereut. Boris kriecht. Boris wirbt um seine Frau.

 

Die Reue des Mannes

Was ihr letztlich aber die Kraft gibt, diese Ehe mit ihrer unschönen Unterbrechung aus der Distanz zu betrachten, endlich nicht mehr in ihrem Leiden gefangen zu sein und darüber nachzudenken, abzuwägen, wieder eine Person zu sein, sich also selbst angesichts der alten Liebe wieder zusammenzusetzen, ist nicht die Reue ihres Mannes, der sie durchaus misstraut. Es sind die Verlagerung des inneren und äußeren Schauplatzes und die Unternehmung, die eigene dramatische Lage mit einer dramatischen außerhalb des eigenen Lebens vertauscht zu haben. Durch diese Aktion findet Mia wieder zu ihrem Selbstbewusstsein zurück.

Dass sich dieser Roman in ein sanftes, untragisches Ende fügt, an dem das getrennte Paar, von der Ich-Erzählerin selbstironisch kommentiert, den gemeinsamen Weg wieder aufnimmt, lässt an zwei andere kürzlich erschienene Romane amerikanischer Herkunft denken, jene von Michael Cunningham und Jonathan Franzen, in denen auch Personen in den mittleren Jahren angesiedelt sind und die – freilich aus anderen Perspektiven und bei Weitem weniger konsequent – ähnliche Krisen beleuchten.

Siri Hustvedts eigensinniges Buch aber ist vor allem die Erzählung einer wiedergefundenen Kraft durch Interesse im wahren Wortsinn: eingreifen, dazwischentreten, handeln. Eigeninteresse und Interesse machen aus der strauchelnden, aus der Bahn geworfenen Frau wieder einen mit sich selbst vertrauten Menschen. „Der Sommer ohne Männer“ ist ein ebenso spannender wie nährender Roman, der Frauen und Männern dringend empfohlen wird. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2011)