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Japan: Wettlauf gegen den atomaren Super-GAU

Die Lage im AKW Fukushima bleibt dramatisch
(c) REUTERS (HO)
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In drei Kraftwerken droht nach dem heftigen Erdbeben vom Freitag eine Kettenreaktion. Japans Bevölkerung könnte im Notfall nicht einmal in Sicherheit gebracht werden. Nach der Abschaltung von elf AKW wird der Strom knapp. Nachbeben könnten die Lage verschärfen.

Tokio/Ag./A.k. Zwei Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Japan hat sich am Sonntag die Lage dramatisch zugespitzt. Einsatzkräfte und Atomexperten kämpften im stark beschädigten Kernkraftwerk Fukushima gegen eine Kettenreaktion mit unabsehbaren Folgen. Die Regierung, die zuerst beruhigt hatte, musste eingestehen, dass es im Reaktor 3 zu einer „teilweisen“ Kernschmelze gekommen ist. Auch im Reaktor 1 könnte ein Super-GAU drohen.

In der Provinz Miyagi wurde bereits eine 400-mal höhere Radioaktivität als normal festgestellt. Gleichzeitig spitzte sich die Lage im AKW Onagawa und im AKW Tokai Nr. 2 zu. In Onagawa war durch das Erdbeben ein Feuer ausgebrochen. Die internationale Atombehörde IAEA meldete Alarmzustand wegen erhöhter Strahlung. In Tokai ist ebenfalls das Kühlsystem ausgefallen.

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Japans Regierungschef Naoto Kan sprach von der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Folgen eines Super-GAUs in Japan wären fatal. Kommt es tatsächlich zur atomaren Katastrophe, könnte die auf vier Hauptinseln verteilte Bevölkerung von 127 Millionen nicht in Sicherheit gebracht werden.

Mit steigender Nervosität beobachtete die Regierung deshalb auch die Wetternachrichten. Derzeit treibt die Windrichtung die Strahlungswolken noch hinaus aufs Meer. Doch am Dienstag soll sich die Wetterlage ändern. Dann könnte auch der Großraum Tokio mit mehr als 41 Millionen Einwohnern betroffen sein.

Ausgerechnet in einem der gefährdeten Reaktoren von Fukushima wird derzeit neben Uran auch Plutonium eingesetzt. Wird es freigesetzt, droht noch eine größere Katastrophe als vor 25 Jahren bei Tschernobyl. Plutonium ist nämlich nicht nur radioaktiv, sondern auch giftig. Schon das Einatmen kleinster Mengen ist tödlich.

Angst vor schweren Nachbeben

Es ist ein Kampf gegen die Zeit: Die Reaktoren des AKWs Fukushima wurden am Sonntag mit Meerwasser geflutet, da die Kühlung durch das Erdbeben außer Betrieb gesetzt wurde. Das Wasser wurde mit Borsäure gemischt, um die Gefahr einer Kettenreaktion zu reduzieren. Der Abkühlungsprozess ist aber langwierig und dürfte bis zu zehn Tagen dauern. Obwohl am Sonntag die AKW-Betreiber bemüht waren, Optimismus zu verbreiten, könnten Nachbeben die Situation in den gefährdeten Kraftwerken wieder verschärfen. Für die nächsten Tage werden Beben einer Stärke von bis zu 7,0 der Richterskala vorausgesagt.

210.000 Menschen mussten allein im Umkreis von 20 Kilometern um das Fukushima-Kraftwerk evakuiert werden. Eine Herkules-Aufgabe für den Krisenstab, unter unmenschlichem Zeitdruck. Ein Wunder ist dennoch möglich. Das japanische Fernsehen zeigte Bilder eines geordneten Rückzugs. Diszipliniert, gefasst und oft in sich gekehrt bestiegen die Menschen die Armeelaster – wissend oder zumindest ahnend, dass dies ein endgültiger Abschied werden könnte.

Stromabschaltungen notwendig

Elf von 50 Reaktoren mussten in Japan bereits vom Netz genommen werden. Dadurch kommt es nun zu Engpässen in der Stromversorgung. Die Regierung mahnte zur „minimalen“ Nutzung von Energie. In weiterer Folge könnte es sogar zu Stromabschaltungen kommen.

Nach revidierten Angaben der Behörden hat das Beben vom Freitag nicht 8,9, sondern sogar 9,0 laut Richterskala erreicht. Mehr als 10.000 Menschen dürften ums Leben gekommen sein. Auch die materiellen Schäden sind erheblich. Rund 20.000 Gebäude wurden landesweit zerstört. Der Versicherungsschaden wird auf 25,1Milliarden Euro geschätzt.

Die Erdbebenkatastrophe trifft auch die japanische Wirtschaft schwer. Dem Staat drohen eine neuerliche Rezession und steigende Staatsschulden. Der ohnehin enorme Schuldenberg des Landes von über 200Prozent des BIPs wird wegen Investitionen in den Wiederaufbau weiterwachsen.

 


Was ist eine Kernschmelze?

Bei einer Kernschmelze überhitzen die Brennstäbe eines Atomreaktors - und zwar so sehr, dass sie sich verflüssigen und in eine unkontrollierbare, radioaktive Schmelze verwandeln. Die Folgen sind schwer kalkulierbar: Ein bis zu 2000 Grad Celsius heißes Gemisch aus Spaltmaterial und Metall kann sich durch die Schutzhülle des Reaktorkerns fressen und in die Umwelt gelangen. Möglich sind auch heftige Explosionen. Mehr ...

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14. 3. 2011)