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Das Zittern vor dem Killerbeben

(c) AP (Miho Iketani)
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Unsere Tokioter Korrespondentin Angela Köhler berichtet über ihre ganz persönliche – und alltägliche – Angst vor dem Mega-GAU.

Die Knie werden weich, das Herz klopft wie wild, noch bevor der Kopf realisiert, was geschieht. Das Haus knarrt und knirscht, die Fensterscheiben reiben sich mit beängstigendem Ächzen in ihren Rahmen. Plötzlich schlägt die Lampe ruckartig aus. Das Hochhaus am Tokioter Fischmarkt schwankt bedrohlich, im 21.Stockwerk klammere ich mich an den Türrahmen und bete. Bitte, bitte lass den Spuk schnell vorübergehen.

Noch minutenlang scheint der Fußboden zu vibrieren, Stunden kann es je nach nervlicher Beschaffenheit dauern, bis das Gefühl der Angst und Ohnmacht nachlässt. Man fühlt sich wie gelähmt, kann sich kaum bewegen. Nichts bringt die eigene Existenz und das Selbstbewusstsein derart ins Wanken wie diese unheimliche Naturlaune.

Wer in Tokio lebt, muss mit der Erdbebengefahr leben. Japan, das auf mehreren tektonischen Platten klebt, zählt zu den am meisten bebengefährdeten Ländern. Die japanische Metropole mit ihren rund 40 Millionen Menschen wird immer wieder geschüttelt. Und dennoch erwischt es dich jedes Mal wieder, wenn das gefürchtete Zittern beginnt und die fatale Schocklähmung einsetzt. Das Schlimmste ist: Du weißt nicht, was passieren wird. Wie lange wird es dauern? Bricht diesmal die immer wieder prophezeite Hölle, das Killerbeben über uns herein? Ausgang jedes Mal völlig offen.

„Ich habe oft gelitten.“ Bei diesem Spiel der unterirdischen Gewalten bleibt nur eines sicher: Gewöhnen wird man sich beim besten Willen nicht daran. Ich habe oft gelitten. In einem morbiden Büro unter der Eisenbahnstation Yurakucho, wo alles bedrohlich knirschte und die Angestellten unter den Schreibtischen verschwanden. In einem hypermodernen Kaufhaus, wo mich das entsetzliche Gefühl überkam, das Gebäude würde jede Sekunde wie ein Glaspalast zerspringen, wo junge Frauen vor Angst kreischten und wir alle scheinbar eine Ewigkeit zu Schaufensterpuppen erstarrten. An einer Straßenkreuzung in einem hüpfenden Auto und mehrfach zu Hause, wo man sich in solchen Momenten verflucht, für die schöne Aussicht zumindest einen langen, gefährlichen Fluchtweg riskieren zu müssen.

Lebt man irgendwo sicher in Japan? Nein. Seit dem verheerenden Beben in der Hafenstadt Kobe von 1995 weiß die ganze Welt, dass das fernöstliche Inselreich im Gegensatz zu früheren Behauptungen auf eine schwere Naturkatastrophe nicht vorbereitet ist. 6500 Menschen kamen damals ums Leben. Die Regierung agierte kopf- und hilflos. Behörden, Feuerwehr und Armee stritten um die Kompetenz. Das ist erst 16 Jahre her.

Fatalistische Einstellung. Japaner verdrängen Angst und Unheil relativ schnell. „Sie reden ohnehin nicht gern über Negatives“, sagt die in Japan erfolgreiche Ratgeberautorin Sandra Watanabe-Häfelin. „Wir nennen das Shoganai, Schicksal, man kann sowieso nichts dagegen machen.“ Ausländer fügen sich zwangsläufig. „Nach 20 Jahren in Japan habe ich auch eine eher fatalistische Einstellung“, bekennt Ökonom und Japan-Kenner Jesper Koll. „Ich kenne aber Freunde, die nie mit der U-Bahn fahren, aus Angst, die unterirdischen Röhren würden nach einem schweren Beben mit Wasser überflutet und sie könnten darin jämmerlich ertrinken.“

Jeder sucht auf seine Weise nach Beruhigung in der allgemeinen Beklommenheit. In der Wohnung von Sandra Watanabe-Häfelin steht griffbereit der Rucksack mit Pass, Sparbuch, Notproviant und Wasser. Darüber hängt der Schutzhelm. Die 42-jährige Halbjapanerin wohnt im Erdgeschoß und hofft, sie kann sich vor dem möglichen Zusammenbruch des Gebäudes ins Freie retten. In ihrem Buch „Allein als Frau in Tokio“ gibt Watanabe-Häfelin die gängigen Tipps für den Ernstfall: Immer eine Taschenlampe griffbereit haben, niemals mit Absatzschuhen aus dem Haus laufen und immer Kleingeld bei sich haben. „Wenn nach der großen Katastrophe die ersten Händler Waren anbieten, wird kaum jemand Wechselgeld besitzen.“

Kindereinrichtungen bereiten sich besonders auf das Unvorstellbare vor. In der deutschen Schule in Yokohama, in der auch Jugendliche aus Österreich und der Schweiz lernen, ließ der Direktor Wasser und Nahrungsmittelvorräte für die 500 Schüler und Angestellten auf vier Tage aufstocken. „So lange dauert es nach der jüngsten Schätzung der Behörden, bis die Hauptverkehrsverbindungen für Einsatzfahrzeuge erreichbar sein werden.“

Man kann den Grusel auch relativ gefahrlos, aber dennoch mit wildem Herzrasen erleben: im Desasterzentrum der Feuerwehr in Tokyo. Der Simulator demonstriert die Wucht des verheerenden Kanto-Bebens vom 1.September 1923. Damals starben rund 140.000 Menschen. Mit einer Intensität von 7,9 auf der Richterskala schüttelt es uns durch, nicht enden wollende 44 Sekunden. Nach einer winzigen Pause folgt ein ebenso heftiges Nachbeben. Wer das ohne Panik übersteht, bekommt noch eins drauf. Bei einer Stärke über 8 gerät der Test zur Strapaze für Nerven und Magen.

Wann verliert man die Besinnung? Im Video wird vorgeführt, ob wir alle Weisungen befolgen, die vorbereiteten Kissen auf den Kopf gestülpt, den Gasherd ausgeschaltet, die Tür geöffnet und den griffbereiten Pflock daruntergestopft haben, damit sie nicht zuschlägt. Dann kriechen wir unter den Esstisch und halten uns an dessen Beinen fest. Es schüttelt, dass einem beim Zusehen noch einmal schlecht wird.

Wann verliert man die Besinnung? Was halten die Gebäude aus? Experte Masahiro Kayatsu sieht das nüchtern. „Holzhäuser brechen definitiv zusammen, Hochhäuser schwanken intensiv und lange.“ Deprimierende Aussichten.

„Vor einem Erdbeben gibt es keine Rettung“, belehrt uns Kayatsu. Aber man kann zumindest die entsetzlichen Folgen wie Feuer mindern, die meist viel verheerender sind als die Zerstörungen durch das Beben selbst. Keine Panik, beschwichtigt Kayatsu. Der Sinn der ganzen Übung bestehe doch darin, den Katastrophenfall schon einmal verkraftet zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2011)