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Burgtheater: Botho Strauß verirrt sich im Netz

Burgtheater Botho Strauss verirrt
(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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"Das blinde Geschehen" ist provokant gebildetes Geraune, so weit weg vom Erhabenen wie Cybersex. Wenigstens fallen Regisseur Matthias Hartmann zur Hermetik starke Bilder ein, die das Ensemble lustvoll umsetzt.

Für diese kleine Figur in „Das blinde Geschehen“ von Botho Strauß kann ein Zuseher rasch Verständnis finden. In der „Unordnungsouvertüre“, dem zweiten von 14 geheimnisvollen Bildern, kommt ein Livrierter (Peter Matić) mit einem rollenden Kleiderständer auf die Bühne, ein „Kammerdiener ohne Kammer“, wie die Protagonistin Freya Genetrix (Dörte Lyssewski) erklärt, er trägt einen seltsamen Würfel auf einem Auge. Sie wirft dem Bemitleidenswerten fehlende Anteilnahme vor. Darauf antwortet der Livrierte: „Man hat mir nicht gesagt, was ich sagen soll. Ich weiß beim besten Willen nicht, worum es geht.“

Auch seine Handlungen sind bizarr. Dieser „Pförtner ohne Pforte“ muss einen riesigen Arbeitshandschuh aufheben, eine Schubkarre mit Büchern rausführen und diese verbrennen, die Schuhe einer Riesin putzen. John Porto (Robert Hunger-Bühler) aber, der Protagonist, in dessen Kopf diese Fantasien offenbar entstehen, arbiträr wie Surfen im Internet, weiß einen Rat: „Irgendwann tritt jeder Mensch in eine fortlaufende Handlung ein. Sucht nach einer passenden Antwort.“ Und wenn der Mensch nicht weiterweiß, rollt eben ein singendes, tanzendes Mikrofon auf die Bühne und spendet Worte.

 

Wie bei Don Quijote: Zu viele Bücher

So also wird Theater heute gespielt, weit nach dem Endspiel: „Es gibt keine Schauspieler mehr, es gibt nur noch Gespenster“, sagt einer von sieben Revueengeln in der Eingangsszene „Ghost Stage“. Aber die Uraufführung von „Das blinde Geschehen“, die am Freitag im Burgtheater von Matthias Hartmann inszeniert wurde, straft diesen Satz Lügen. Im Gegenteil: Strauß hat sich in der Exegese des Zeitgeistes, von Klassikern wie „Die Riesen vom Berge“ und „Der Sturm“ und wahrscheinlich noch Dutzender Büchlein verirrt wie ein postmoderner Don Quijote. Er reiht scheinbar absichtslos Assoziation an Assoziation (über nordische Mythen, das Internet, den Cyberspace, das Paarungsverhalten von Großstädtern), während es lustvoll agierenden Schauspielern überlassen bleibt, diese Geister zu beleben.

Hut ab vor dem Burgtheater! Dieses Ensemble wäre auch noch gut, wenn es Verlautbarungen der Europäischen Union szenisch umsetzen müsste. Und der Regisseur bietet alle Kunst und Routine auf, aus diesem Lesedrama mit starken Bildern die Imitation eines großen Ganzen zu formen. Ein Kampf Sancho Pansas gegen Windmühlen ist das, eine Überforderung. Denn die 145 Minuten ohne Pause wirken bei aller Klasse des Hauses wie gut drei Stunden. Etwas weniger Respekt vor dem Text und mehr Mut zur Straffung hätten gut getan.

So aber werden die Spiele auch qualvoll, die Freya, „eine unhandliche Frau aus der schmuddeligen Realität“, und John, ein Second-Life-Prospero, ein Magier des Virtuellen, miteinander treiben. Sie ziehen in eine leere Wohnung, tun sich Gewalt oder gar Liebe an, wobei Lyssewski in der Sinnlichkeit so großartig ist wie Hunger-Bühler in der Entrücktheit. Sie „schnattern drauf los“. Dadurch entstehen virtuelle Welten, von Stéphane Laimés Bühnenbildern passend geschmückt, von Arno Waschks Musik monumental begleitet. Man staunt über die Reporterin (Maria Happel), die ein zartes Fräulein (Sabine Haupt) totfrägt, oder über den Mann mit dem Postkartenturm (Johann Adam Oest), der John Porto für einen Professor der Ludistik hält. Was könnte man jetzt nicht alles Gescheites über Homo ludens, Magister ludi, Game, Wild, Wilde und Design spinnen! Denken wir mal nach! Aber muss man dazu eine Bühne benutzen?

Termine 19.März., 3., 21., 28.April.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2011)