Jetzt geht uns in Sachen Gustav Mahler ein Licht auf

Liederabende sind nicht „in“. Doch vielleicht kann man ein neues Publikum zu Mahler führen, wenn man optische Kunstgriffe anwendet?

Noch einmal Mahler, im wahrsten Sinne neu beleuchtet, doch diesmal in Wien. Auch im Wiener Radiokulturhaus setzt man demnächst Akzente, nimmt sich nach der Initiative der Grazer Musikuniversität aber des Liedschaffens an. Einige herausragende österreichische (bzw. in Österreich beheimatete) Interpreten wie Angelika Kirchschlager oder Wolfgang Holzmair präsentieren einen breiten Querschnitt durch Mahlers Vokalwerk – inklusive des späten „Lieds von der Erde“, der letzten Symphonie, in der Mahler Singstimmen verwendet hat.

Die Werke werden in Beziehung zu Kompositionen des gleichaltrigen – und für die Geschichte des Liedgesangs ebenso bedeutenden – Hugo Wolf gesetzt. Und sie werden konfrontiert mit neuen Darstellungsformen und sogar kompositorischen Neu- und Umdeutungen durch Christian Fennesz, der am 28.März sein Projekt „Mahler remixed“ vorstellt. Dieses Konzert wird auch optisch von einer Visualisierung (Lillevan) begleitet. Ebenso die ganz originalgetreuen Aufführungen der Vertonungen von Gedichten aus „Des Knaben Wunderhorn“ durch Birgid Steinberger/Wolfgang Holzmar am 3.April und der „Kindertotenlieder“ (Angelika Kirchschlager) und der „Rückert-Lieder“ (Daniel Schmutzhard) werden von visuellen Metamorphosen der akustischen Erlebnisse begleitet (LWZ bzw. „annablume superkitsch“).

Musikalisch spannend ist, dass es zwei Aufführungen des „Lieds von Erde“ geben wird. Gerade dieses Werk steht ja am Ende des Transformations- und Verschmelzungsprozesses, dem Mahler lebenslang die Formen Symphonie und Lied unterworfen hat. Auf dem Titelblatt der Partitur stand ursprünglich „Symphonie Nr.9“, doch hat Mahler die Nummerierung verworfen und das Werk als eigenständiges Stück außerhalb des symphonischen Zyklus, sozusagen als formales Experiment, publizieren lassen.

Seine Besetzungswünsche ließ Mahler in Schwebe: „Symphonie für eine Tenor- und eine Alt- oder Baritonstimme.“ Das Wiener Mahler-Festival im Radiokulturhaus dreht die Schraube noch weiter: Man stellt das „Lied von der Erde“ einmal mit Tenor und Mezzosopran (Harmine Haselböck/Alexander Kaimbacher am 31. März), einmal mit Sopran und Bariton (Elisabeth Flechl/Wolfgang Holzmair am 6.April) vor. Beide Aufführungen finden mit Klavierbegleitung statt (Russell Ryan bzw. Christopher Hinterhuber), was ein ungewohntes Licht auf die kompositorischen Strukturen werfen wird, denn die Farbornamentik, die der Orchestersatz hinzufügt, weicht einer kargen Beschränkung auf die kühn abstrahierende Linienführung, die Mahlers Tonsprache um 1910 bereits erreicht hat.

Mit einer Schärfung des Hörbewusstseins hat die Initiative nicht nur in diesem hoch entwickelten Sinne zu tun: Christoph Thun-Hohenstein, Veranstalter des „Lied-Lab“ erklärt, warum er sich an eine Visualisierung von Mahler-Liedern wagt: „Weil gerade das Klavierlied, eine der intimsten und bereicherndsten Kunstformen im weiteren Kosmos der Musik, Gefahr läuft, sich an jüngeren Generationen sang- und klanglos vorbeizustehlen.“

Der sechstägige Mahler-Schwerpunkt beginnt am kommenden Sonntag mit einer Gegenüberstellung von Wolf- und Mahler-Liedern, gesungen von Birgid Steinberger und Wolfgang Holzmair.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2011)

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