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Wackeln, das nicht aufhört: 20 Sekunden wie eine Ewigkeit

(c) EPA (KIMIMASA MAYAMA)
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Wenn man in einer einzigen Nacht wegen Nachbeben fünf Mal unsanft aus dem Schlaf geweckt wird: Sekunden, die sich wie Stunden anfühlen. Ein Erfahrungsbericht aus dem achten Stock eines Hotels in Aizu-Wakamatsu.

Aizu-Wakamatsu. Der Wecker zeigt 4.45 Uhr, als das Wackeln erneut beginnt. Zunächst ganz leicht, dann immer stärker. Zum fünften Mal in den vergangenen vier Stunden dieser Nacht weckt mich ein Erdbeben. Und erneut stehe ich vor der Entscheidung: liegen bleiben oder unter den kleinen Schreibtisch des Hotelzimmers 824 kriechen?

Die Frage erübrigt sich sehr rasch, als der Lärm immer lauter wird, das Gebäude zu schwanken beginnt, das Bild an der Wand wackelt und das Handy vom Nachtkästchen fällt. Zirka 20 Sekunden harre ich unter dem Tischchen aus. Sekunden, die sich wie Stunden anfühlen.

 

Nicht aus dem Haus laufen!

Sich unter einem Tisch oder Türstock verschanzen – diesen Rat gibt nahezu jeder Japaner, wenn man ihn nach der richtigen Taktik fragt. Aus dem Haus laufen soll man keinesfalls. Herabfallende Teile oder umfallende Wände können sonst schnell zur Todesfalle werden.

Auch in Haiti, nach der Katastrophe im Jänner des Vorjahres, war ich vielen Nachbeben ausgesetzt. Das stärkste erreichte damals 6,0 nach Richter, das Angstgefühl ist mir bis heute noch in bester Erinnerung. Doch das ist kein Vergleich zu Japan.

Es ist die Häufigkeit der Erschütterungen, die den bisherigen Aufenthalt in der Erdbebenregion deutlich von jenem in Haiti unterscheidet. Kaum eine Stunde vergeht hier, in der nicht zumindest ein Nachbeben deutlich zu spüren ist.

Das bislang stärkste ereignete sich Montagvormittag: 6,2 nach Richter. Es ließ auch die Wolkenkratzer in der Hauptstadt Tokio erneut schwanken, wie schon nach dem Hauptbeben von Freitag. Je höher in einem Hochhaus man sich befindet, umso schlimmer fühlt es sich an. Als ich in Aizu-Wakamatsu um 4.45 Uhr unter dem Schreibtisch hocke, geht mir ernsthaft die Angst vor einem Einsturz des zehnstöckigen Washington Hotel durch den Kopf. Ein französischer Kollege, der in der Hotellobby noch arbeitet, kann darüber nur lachen.

Tatsächlich hat auch das mit 8,9 nach Richter bislang stärkste Erdbeben in der Geschichte Japans nur wenige Gebäude zum Einsturz gebracht. Wohl kein anderes Land der Welt versteht es besser, erdbebensichere Gebäude zu errichten. Wäre kein Tsunami gefolgt und stünde das Land nicht vor einem nuklearen GAU – das Beben würde die Welt wohl schon längst nicht mehr beschäftigen.

 

Der Puls beruhigt sich langsam

Im achten Stock des Hochhauses von Aizu-Wakamatsu beschäftigt mich in diesen langen Sekunden unter dem Schreibtisch freilich wenig anderes. Der Puls beruhigt sich nur langsam.

Und wird schon wenige Minuten später wieder deutlich schneller, als der Spuk erneut beginnt. Doch diesmal ist es nur ein leichtes Nachbeben. Nach wenigen Sekunden ist dieses Wackeln vorbei. Doch das nächste kommt bestimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2011)