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China: Peking beschließt gigantischen Atomausbau

(c) AP (GREG BAKER)
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Die Katastrophe in Japan ändert Pekings Pläne zum Bau Dutzender neuer Nuklearanlagen innerhalb kürzester Zeit nicht. Doch das Volk bricht mit alten Tabus und denkt erstmals laut über Gefahren der Kernkraft nach

Peking. Unbeirrt vom drohenden Super-GAU in Japan verabschiedet Chinas Pseudoparlament, der Nationale Volkskongress, ein gewaltiges Programm zum Bau Dutzender neuer Nuklearanlagen innerhalb kürzester Zeit. Die Entwicklung der Atomkraft werde „beschleunigt“, heißt es im neu beschlossenen Fünfjahresplan. Um drohende Energieengpässe zu verhindern und Chinas Abhängigkeit von Kohle und Ölimporten zu verringern, sollen bis 2015 rund 25 neue Reaktoren ans Netz gehen. Innerhalb von nur zehn Jahren will China seine Atomkapazität von bislang zehn Gigawatt auf das Achtfache erhöhen.

So ein Sprung würde selbst Ländern mit vielen gut ausgebildeten Experten und zuverlässigen technischen Kontrollinstitutionen schwer fallen. Doch an denen mangelt es in China. Deshalb dürfte man erwarten, dass die chinesische Regierung ihrer Bevölkerung und dem Ausland erklärt, warum sie angesichts der Katastrophe in Japan ihre eigenen Pläne nicht überdenkt. Eine gute Gelegenheit dafür wäre die jährliche Pressekonferenz von Premierminister Wen Jiabao gewesen. Doch was sich in der Großen Halle des Volkes von Peking bot, war ein gespenstisches Schauspiel: Zweieinhalb Stunden lang schien es, als ob Japan auf einem anderen Stern läge.

 

Volk ist weiter als die Regierung

Premier Wen referierte Wachstumsziele für die chinesische Wirtschaft – sieben Prozent für die nächsten fünf Jahre – und versprach, die Inflation zu bekämpfen. Er erläuterte den Unterschied zwischen China und Nordafrika und das Verwaltungssystem von Hongkong. Er sprach sich vage für politische Reformen aus, ohne zu sagen, was er damit meinte. Die Atomkatastrophe in Japan und die möglichen Folgen für das eigene Atomprogramm blieben unerwähnt.

Mit dieser Vorstellung schien der Premier Lichtjahre entfernt von dem, was die Chinesen bewegt – und was sich außerhalb der Großen Halle des Volkes bereits durch die japanische Katastrophe verändert hat: Im Radio, im Fernsehen, im Internet und in ihren Familien debattieren Chinesen darüber, was in Japan passiert, welche Vor- und Nachteile Atomkraftwerke haben und welche Lehren China ziehen sollte. Die TV-Sender und Zeitungen schicken reihenweise Korrespondenten los, die so berichten, wie sie es aus China selbst kaum dürften.

 

Tabuthema Atomkraft wird debattiert

Noch nie hat China so viel über die Gefahren der Atomenergie nachgedacht – und noch nie so viel aus dem Nachbarland Japan erfahren wie an diesem Wochenende: Fast rund um die Uhr zeigten die TV-Nachrichtensender Chinas die Bilder vom katastrophale Erdbeben, von den Verwüstungen durch den Tsunami im japanischen Nordosten und den Dampfschwaden aus dem Fukushima-Atomkraftwerk. „Wir müssen von den japanischen Erfahrungen lernen. Was wissen wir eigentlich über die Sicherheitsvorkehrungen für den Fall eines Atomunglücks in China?“, fragte ein chinesischer Kommentator.

Das ist bemerkenswert: Plötzlich ist ein Thema in aller Munde, das die Pekinger Regierung in den vergangenen Jahren für die Öffentlichkeit tabuisiert hat. Wer bis zur vergangenen Woche in China nach Evakuierungsplänen oder anderen Vorbereitungen für den Fall von Nuklearzwischenfällen fragte, wurde mit vagen Formulierungen abgespeist. Frei nach dem Tenor: „China hält sich an die internationalen Vorschriften, unsere Technik ist sicher.“

Kommentatoren im Internet sehen die Katastrophe in Japan als „Weckruf“ auch für China: „Warum, warum, warum müssen sie Atomkraftwerke bauen?“, schrieb einer. „Warum können sie nicht mehr Wind-, Wasser- oder andere Energiequellen nutzen?“ Von ihrer Regierung können sie allerdings keine Antworten erwarten. Nur einer meldete sich in den vergangenen Tagen zum Thema zu Wort: Zhang Lijun, Chinas Vizeumweltminister. Seine Botschaft war klar: „China wird seine Entschlossenheit und Pläne für die Entwicklung der Atomkraft nicht ändern.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2011)