„Radioactivity is in the air for you and me“

Protestlieder gegen Atomkraft gibt es viele. Aber Radioaktivität als (positive) Metapher in Popsongs? Das Atomkraftwerk als locus amoenus?

It's in the water“, jubelt eine amerikanische Stimme, „it's where you came from!“ Was ist im Wasser? Der Titel des Songs scheint es nahezulegen, doch im Text kommt Radioaktivität in keinem Wort vor...

Ein seltsames Heimatlied, dieses 2010 erschienene „Radioactive“ von den Kings of Leon. Wie oft in den Texten dieser Rockband aus Tennessee bleibt vieles vage. Doch hier prägt, was selten ist, der Titel die Atmosphäre: Radioaktivität, das ist etwas Geisterhaftes, Unheimliches. Wir können sie nicht sehen, riechen, hören oder schmecken (fühlen nur im Extremfall), wenn wir von radioaktiver Strahlung sprechen, legen wir uns nicht einmal fest, ob wir von Teilchen (aus denen α- und β-Strahlung besteht) sprechen oder von elektromagnetischen Wellen (γ-Strahlung), die man freilich auch als Teilchen ansehen darf.

Ein Wort also, das sich als Metapher für Mysteriöses geradezu aufdrängt. Es ist auffällig, dass es im Pop, der so süchtig nach „catchy words“ ist, eigentlich selten vorkommt. Ein anderer Song namens „Radioactive“ ist nie auf Platte erschienen und erst seit Kurzem auf YouTube erhältlich. Er stammt von der österreichischen Band „Tom Pettings Hertzattacken“, es ist ein (rasend schnelles) Liebeslied, es beginnt mit den Zeilen: „You're love is like a microwave, burns like a heart attack, your love cuts like a philishave.“ Erraten: Das feine Stück ist aus der New-Wave-Zeit (1980), als der Pop die Liebe zur kühlen Technik entdeckte.

Damals sangen auch die deutschen „Fehlfarben“, ebenfalls in einem Liebeslied: „Beim Kernkraftwerk haben wir uns geliebt, neben uns hat der schnelle Brüter gepiept.“ Das war industrieromantische Ironie! Immerhin sieben Jahre vor den „Simpsons“, deren Familienvater Homer bis heute in einem Atomkraftwerk arbeitet und dort die Sicherheitsvorkehrungen nicht wirklich ernst nimmt.

Ebenfalls 1987 erschien von der österreichischen Band EAV der Song „Burli“, der so beginnt: „Herr Anton hat ein Häuschen mit einem Gartenzwerg, und davor, da steht ein Kernkraftwerk. Da gab es eines Tages eine kleine Havarie; die Tomaten war'n so groß wie nie (und a der Sellerie).“

Womit wir in den Niederungen des Rockkabaretts wären – und beim respektablen Genre Protestsong: Lieder gegen Atomkraft gibt es natürlich massenhaft, von Pete Seeger („Talking Atom“) bis Gil-Scott Heron („We Almost Lost Detroit“, über einen Störfall in einem AKW).

Das klassische Stück zum Thema, „Radioaktivität“ bzw. „Radioactivity“ von Kraftwerk (1975), musste adaptiert werden. Anfangs war es rein affirmativ („Radioactivity is in the air for you and me, discovered by Madame Curie“), das fanden manche anstößig. Schließlich fügte die Band für „The Mix“ (1991) recht plakativ warnende Zeilen hinzu: „Stoppt die Radioaktivität, weil es um unsere Zukunft geht.“

Auf dem zugehörigen Album spielten Kraftwerk mit der Doppeldeutigkeit des Wortes: Bis heute interpretieren Scherzbolde ja „radioaktiv“ als „im Rundfunk aktiv“. Tatsächlich sind Radiowellen genauso elektromagnetische Wellen wie radioaktive Gammastrahlen, nur mit wesentlich geringerer Frequenz: hier Megahertz, dort Exahertz, da sind immerhin zwölf Größenordnungen dazwischen.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2011)

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