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Im Zentrum der Zerstörung: "Warum hilft uns niemand?"

(c) REUTERS (KIM KYUNG-HOON)
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In die Hafenstädte im Norden des Landes sind bisher kaum Helfer zu den Tsunami-Opfern vorgedrungen. Nach Verschütteten wird erst jetzt gesucht. Bis zu zehn Meter hoch türmt sich die gewaltige Masse.

Drei Kilometer vor dem Strand hört die Bundesstraße 340 plötzlich auf. Wo der asphaltierte zweispurige Weg einst zum Meer an der Ostküste Japans führte, liegen nun Schmutz, auf den Kopf gestellte Autos, Hausteile und Leichen. Bis zu zehn Meter hoch türmt sich die gewaltige Masse. An ein Durchkommen ist nicht zu denken. Die 23.000 Einwohner zählende Hafenstadt Rikuzen-Takata ist völlig zerstört.

Als der Tsunami am Freitag über die Strandpromenade hinwegfegte, war Yuki Takahashi gerade einkaufen. Gemeinsam mit seinen Eltern betreibt er eine Tischlerei, zwei Straßen vom Hafen entfernt. Um Nachschub an Holz zu besorgen, machte er sich in der Früh ins Landesinnere nach Kitakami auf. Wenig später machte die Welle den Laden Takahashis dem Erdboden gleich.

„Als ich die Nachricht hörte, habe ich gleich versucht, meine Mutter zu erreichen“, erzählt der 33-jährige Mann mit zittriger Stimme. Er fuhr sofort nach Rikuzen-Takata zurück. Nun sitzt er in dem zum Notquartier umfunktionierten Turnsaal der Hauptschule – sie liegt auf dem einzigen Hügel der Stadt – und wartet auf Neuigkeiten. „Seit Freitag habe ich von meinen Eltern und meiner Schwester nichts gehört.“ Sie waren zum Zeitpunkt des Erdbebens im Geschäft.

Die traurige Gewissheit, dass er seine Familie verloren hat, will der Tischler noch nicht akzeptieren. „Vielleicht finden sie noch jemanden, der am Leben ist.“ Takahashi hat schon versucht, an jenen Ort vorzudringen, wo einst sein Geschäft stand. Doch ein drei Kilometer langer, meterhoher Schutthaufen liegt im Weg. Es wird noch Tage oder sogar Wochen dauern, bis es die Hilfskräfte ans Meer geschafft haben.

 

Nur wenige Soldaten im Einsatz

„Warum hilft uns niemand“, fragt Takahashi verärgert. Fünf Tage nach dem gewaltigen Tsunami treffen in Rikuzen-Takata erst langsam die ersten Soldaten ein. 30, vielleicht 40 räumen die Hauptstraße mit zwei Baggern frei. Für 20 Meter brauchen sie mehrere Stunden. Entsprechend lange wird es dauern, bis sie in die ersten Seitenstraßen nahe dem Strand vorstoßen.

Rikuzen-Takata zählte vor der Katastrophe von vergangener Woche 23.000 Einwohner. Wie viele davon noch am Leben sind, ist unklar. Von der Hauptschule aus organisiert ein Team aus fünf Männern die bislang überschaubaren Hilfsmaßnahmen. „Wir können 166 Tote bestätigen“, erklärt man der „Presse“. Eine unrealistische Aussage: Bei einer kurzen Rundfahrt durch die wenigen bereits freigeräumten Straßen sind mindestens 200 Tote zu sehen.

Laut Takahashi, der die Kleinstadt wie seine Westentasche kennt, werden zumindest 5000 Menschen vermisst. Eine Opferzahl für das ganze Land ist noch schwer abzuschätzen. Viele andere Küstenstädte nördlich der Millionenstadt Sendai sind ebenfalls völlig zerstört. Einzig das Warnsystem für Tsunamis, das an den meisten Orten ausgelöst wurde, dürfte das Allerschlimmste verhindert haben. Trotzdem könnten deutlich mehr als 10.000 Menschen den Tod gefunden haben.

Im Turnsaal der Hauptschule in Rikuzen-Takata sind mehr als 1000 Einwohner untergebracht, die ihr Heim verloren haben. Viele von ihnen sind alt und gebrechlich. Geschwächt sitzen sie am Boden. Die Heizung ist ausgefallen, nachts kühlt es auf bis zu fünf Grad unter dem Gefrierpunkt ab. Ein paar Decken und Schlafsäcke hat das Rote Kreuz schon gebracht. Doch es sind bei Weitem nicht genug für alle.

 

Nahrung und Medikamente knapp

Außerdem fehlen die Medikamente. „Wir sind um Nachschub bemüht, aber es ist extrem schwierig“, erklärt ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes, der seinen Namen nicht nennen will. Die Ambulanz und die Apotheke der Hafenstadt sind zerstört, die nächste Stadt ist mehr als 30 Kilometer entfernt. Ein Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen. Dreimal täglich wird Reis ausgeteilt, sonst gibt es nichts zu essen. Die Nahrung ist ebenso knapp wie Medikamente und medizinisches Personal.

Wie es nun weitergehen soll, weiß der Tischler Takahashi nicht. Bloß eine Garnitur Kleidung, die er am Körper trägt, weniger als umgerechnet 100 Euro in Bargeld und sein Kleinwagen sind dem zierlichen Mann geblieben. Im Fernsehen verfolgt er besorgt die Nachrichten über die drohende nukleare Katastrophe in seinem Land: „Hoffentlich geht das alles gut. Dann kann sich die Regierung vielleicht auch irgendwann um uns kümmern.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2011)