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50 Helden von Fukushima: Kampf gegen Kernschmelze

Fukushima Helden
(c) AP ()
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Sie versuchen verzweifelt, das Schlimmste im Reaktor zu verhindern, und setzen dabei ihr Leben aufs Spiel. Im Unterschied zu den Liquidatoren von Tschernobyl wissen sie aber um die Gefahren.

Wien/Fukushima/Hd/Ag. Am Dienstagnachmittag waren es noch 50. Und sie wurden in Internetforen bereits als Helden gefeiert: jene Arbeiter, die im Herzen der japanischen Nuklearkatastrophe, im Kraftwerk Fukushima I, verzweifelt versuchten, noch Schlimmeres abzuwenden.

Während die Evakuierung einer Zone im Umkreis von 20 Kilometern rund um das Kraftwerk in vollem Gang war und laut Behördenangaben gut vorankam, hatten sie weiter die Aufgabe, den überhitzten Reaktor mit Meerwasser zu kühlen.

Wenn bei einem schweren Atomunfall von „Helden“ gesprochen wird, dann bedeutet das für die so Titulierten meist eines: schwerste gesundheitliche Folgen bis hin zum Strahlentod.

Nach der dritten und bisher folgenschwersten Explosion in der Nacht auf Dienstag war die Strahlenbelastung im Inneren des Kraftwerks laut Angaben der Behörden binnen 40 Minuten von 1941 auf 8217 Mikrosievert pro Stunde angestiegen. Das ist das 16-Fache des gesetzlichen Höchstwerts. Die Betreiberfirma Tepco sah sich daraufhin gezwungen, die noch im Kraftwerk verbliebene Belegschaft von 800 auf 50 zu reduzieren.

Mit dem Schrecken davongekommen ist in Fukushima eine Gruppe deutscher Reaktortechniker. Sie waren im für Wartungsarbeiten abgeschalteten Block vier, als die Erde bebte.

 

Warten, bis es vorbei ist

Seine japanischen Kollegen hätten den Erdstoß allerdings ganz ruhig über sich ergehen lassen, berichtete Gordon Huenies: „Die stehen einfach da und warten, bis es vorbei ist. Also stellst du dich auch hin. Und wartest, bis es vorbei ist“, zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ den 36-jährigen Ingenieur. Freilich seien sie auf eine mögliche radioaktive Versuchung untersucht worden: „Das war aber nicht der Fall.“

Für jene japanischen Arbeiter, die am Dienstag noch im Reaktor waren, wird das nicht mehr gelten. Die Rechnung ist so einfach wie brutal: Ohne Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen (müssen), geht es nicht.

Ohne sehr viele solcher Menschen ging es auch 1986 nicht, nachdem in der Sowjetunion das Atomkraftwerk Tschernobyl explodiert war. Damals schickte die Moskauer Regierung allerdings abertausende Helfer in das Strahleninferno, ohne sie auch nur ansatzweise über die Gefahren aufzuklären. Man nannte sie die „Liquidatoren“.

„Wir hatten keine Angst, man konnte ja die Gefahr weder fühlen noch riechen“, berichtete einer dieser Männer vor einigen Jahren im Gespräch mit der „Presse“. Ohne Schutzanzüge, oft mit bloßen Händen hantierten sie mit Nuklearmaterial.

Noch heute ist nicht einmal sicher, wie viele Menschen es tatsächlich waren. Meist werden Zahlen im hohen sechsstelligen Bereich genannt. Entsprechend unsicher sind auch Angaben darüber, wie viele dieser Liquidatoren sofort oder kurz nach ihrem Arbeitseinsatz starben, wie viele bisher an Langzeitfolgen wie Krebs zugrunde gingen. Wechselnde Regierungen versuchten, die Zahlen eher klein zu halten, jedes anerkannte Strahlenopfer bedeutete Entschädigungszahlungen.

 

Kürzung der Hilfszahlungen

Seit Jahren gibt es immer wieder Proteste dieser „Helden von Tschernobyl“, weil sie sich vom ukrainischen Staat vernachlässigt fühlen. Am heutigen Mittwoch wollen sie wieder protestieren: Es drohen nämlich Kürzungen bei den ohnehin nicht sehr üppigen finanziellen Hilfen für die Liquidatoren.

Als die unmittelbaren Aufräumarbeiten 1990 beendet waren, bedeutete dies nicht ein Ende des lebensgefährlichen Einsatzes: Bis heute müssen täglich Trupps in den „Sarkophag“, die provisorische Schutzhülle, vordringen, um Instandhaltungsarbeiten an dieser Hülle vorzunehmen. Der neue, robustere Mantel wird erst 2015 fertig sein. Bis dahin werden in Tschernobyl noch einige „Helden“ gebraucht.

Auf einen Blick

Tepco (Tokyo Electric Power Company), die Betreiberfirma des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima, ist eines der größten Unternehmen Japans. Es geriet schon des Öfteren durch Pannen in die Schlagzeilen. Zuletzt trat nach einem Erdbeben im Juni 2008 radioaktives Wasser aus einem Becken aus, in dem verbrauchte Brennstäbe lagerten. 2002 räumte Tepco ein, Berichte über Schäden in ihren Kraftwerken jahrelang gefälscht zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2011)