Japan-Drama lässt die Hoffnung auf Zinserhöhung sinken

(c) AP (Eugene Hoshiko)
  • Drucken

Die EZB könnte ihre Pläne, schon Anfang April die Zinsen anzuheben, revidieren. Zu schwer wiegen die möglichen Verwerfungen der Weltwirtschaft, meinen Experten. Die US-Zentralbank hält an der lockeren Geldpolitik fest.

Wien/Washington/Bloomberg. Die Inflation zieht an. Aber die Hoffnung, dass steigende Zinsen sie bremsen könnten, war offenbar verfrüht. Entgegen den jüngsten Erwartungen dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen doch nicht anheben. Die durch das Erdbeben und den drohenden Atom-GAU in Japan ausgelösten Verwerfungen in der Weltwirtschaft und auf den Finanzmärkten stellten den Zinsschritt mehr als infrage, sagen Experten.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte Anfang März ungewöhnlich deutlich eine Wende in der Niedrigzinspolitik angekündigt. Trichet erklärte dies damit, dass die Inflationsrisken im Euroraum gestiegen seien. Zudem hat die europäische Wirtschaft zuletzt deutlich an Fahrt gewonnen. Im verarbeitenden Gewerbe verstärkte sich das Wachstum im Februar auf ein Tempo, wie es seit zehn Jahren nicht mehr zu beobachten war. Zudem stieg das Wirtschaftsvertrauen im Februar auf den höchsten Wert seit mehr als drei Jahren.

Viele Volkswirte hatten deshalb mit einem Zinsschritt schon bei der EZB-Sitzung am 7. April gerechnet und ihre Prognose für die Zinsentwicklung im Euroraum deutlich nach oben revidiert. Unicredit, Morgan Stanley, Nomura International und J.P. Morgan prognostizierten, die Leitzinsen würden bis Jahresende wahrscheinlich von 1,0 Prozent auf 1,75 Prozent steigen. Laut einer Umfrage von Bank of America Merrill Lynch, die kurz vor dem Erdbeben durchgeführt wurde, rechneten 72 Prozent der Fondsmanager mit höheren Zinsen vor Juli. Im Februar, vor Trichets Ansage und vor dem Europakt, lag die Quote bei null.

Erhöhung „zu 50 bis 75 Prozent“

Jetzt hat sich die Einstellung rapid geändert. „Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung liegt jetzt zwischen 50 und 75 Prozent statt bei 90 Prozent“, sagt Kenneth Broux, Senior-Volkswirt bei der Lloyds Bank. „Je mehr risikoreiche Anlagen abgegeben werden, je größer die Ungewissheit ist und je schlechter die Nachrichten aus Japan sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB wartet.“ Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Laurent Bilke, Zinsstratege bei Nomura International. Eine Zinserhöhung sei noch wahrscheinlich, aber keinesfalls eine ausgemachte Sache.

Die EZB könnte damit nämlich die Märkte verschrecken. Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland, hält nichts von einer Zinserhöhung und glaubt auch nicht daran. Die Auswirkungen der Japan-Katastrophe auf die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft sollten für die EZB schwerer wiegen als der Wunsch, die Verbraucherpreise im Griff zu halten. Österreichs Notenbankchef und EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny hat am Montag erklärt, es sei noch zu früh für Rückschlüsse, inwieweit die Katastrophe in Japan die Zinsentwicklung beeinflusse.

Fed bleibt bei Niedrigstzinsen

Die US-Notenbank Fed hat am Dienstag trotz der Konjunkturerholung in den USA den Leitzins auf dem historischen Tief von null bis 0,25 Prozent belassen. Zudem kündigte Fed-Präsident Ben Bernanke an, an dem 600 Mrd. Dollar schweren Aufkaufprogramm für Staatsanleihen bis Juni festzuhalten. Die Fed signalisierte, noch geraume Zeit an ihrer Politik des billigen Geldes festhalten zu wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.