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Wie sicher sind AKW an Österreichs Grenzen?

(c) AP (MILAN KNIZE)
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Gefährliche Technik im Osten, Hightech im Westen: So lautet das gängige Klischee über grenznahe Kernkraftwerke. Die Wahrheit ist nicht ganz so einfach: "Für eine Bewertung ist die eingesetzte Technik zu unterschiedlich."

In einem Abstand von 200 Kilometern zu Österreichs Grenzen produzieren derzeit 31 Reaktoren Atomstrom. Nach dem Unglück im japanischen Meiler Fukushima1 wird auch hierzulande wieder öffentlich über die Sicherheit grenznaher ausländischer Kraftwerke debattiert. Gemeinsam mit Helmut Böck, Emeritus vom Atominstitut der österreichischen Universitäten, analysierte „Die Presse“ die Technik der acht am nächsten stationierten Meiler. Fazit: Potenziell gefährliche Osttechnik und fehlerfreie Westtechnik gibt es nicht.

„Für eine Bewertung ist die eingesetzte Technik zu unterschiedlich“, sagt Böck, der die Kraftwerke rund um Österreich seit Jahren beobachtet. Ob in Deutschland oder der Slowakei – alle Anlagen hätten über viele Jahre bewiesen, dass ein Betrieb mehr oder weniger gefahrlos möglich sei – egal, was Politiker öffentlich dazu behaupten.

Der hierzulande wohl bekannteste Standort ist jener im tschechischen Temelín. Hier, 50 Kilometer von der Grenze, erzeugen zwei russische Reaktoren vom Typ WWER-1000/320 eine Leistung von circa zwei Gigawatt. Aufmerksamkeit erlangte der Standort durch die Proteste des Landes Oberösterreich und der „Kronen Zeitung“. Zu Beginn der Inbetriebnahme im Jahr 2000 gab es mehrere Störfälle auf der untersten Stufe der insgesamt siebenteiligen Ines-Skala. Das japanische AKW Fukushima steht derzeit auf Ines-Stufe sechs. Ines-7 wurde erst ein einziges Mal im ukrainischen Tschernobyl erreicht.

Temelíns Reaktoren sind mit US-amerikanischer Steuertechnik des Energie-Giganten Westinghouse ausgestattet. Um beide Druckbehälter, in denen sich die Brennstäbe befinden, ist ein Stahlbetonmantel mit 1,2 Meter Wandstärke gebaut, der auch vor abstürzenden Flugzeugen schützen soll.

 

30 km bis nach Dukovany

Das nächstgelegene Kernkraftwerk ist jenes in der Nähe des 800-Seelen-Nests Dukovany (ebenfalls Tschechien). Bis zur Grenze sind es gerade einmal 30 Kilometer Luftlinie. Mit dem WWER-440/213 hat die Betreibergesellschaft ČEZ gleich vier Reaktoren russischer Bauart im Einsatz, die auch in einer Reihe weiterer Kraftwerke verbaut sind (Bohunice und Mochovce in der Slowakei, Paks in Ungarn). Sie leisten pro Einheit 456 Megawatt und sind von ihrer Konstruktion als sogenannte Druckwasserreaktoren ausgelegt (eine weitere Bauart sind Siedewasserreaktoren, wie beispielsweise im japanischen Fukushima).

Insbesondere die Wiener Stadtregierung hat diesen Reaktortyp immer wieder als potenziell gefährlich dargestellt, zuletzt Umweltstadträtin Ulrike Sima, die vergangenen Dienstag behauptete, dass gerade der slowakische Standort Mochovce (100 km von der Grenze entfernt) über keinen Sicherheitsbehälter („Containment“) verfüge. Laut Reaktorexperten Böck stimmt das so nicht ganz. Der WWER-440 habe zwar kein sogenanntes „Volldruckcontainment“, das den Reaktor auch dann noch sicher halte, wenn der Druckbehälter mit den Brennstäben berste und das gesamte Kühlwasser verdampfe. Dafür sei die Anlage mit einem massiven Schutzbehältnis („Druckabbausystem“) ausgestattet, das den Dampf auffange und anschließend kontrolliert nach außen ableite.

 

Ernster Zwischenfall in Bohunice

Eine Technik, die übrigens auch für das nie in Betrieb gegangene AKW Zwentendorf vorgesehen war. Anders als Temelín sind die slowakischen Meiler jedoch nicht gegen Flugzeugabstürze geschützt. Diesbezüglich hat auch schon die EU Bratislava zum Nachbessern aufgefordert. 1977 kam es in Bohunice (52 km von der Grenze entfernt) bei einem inzwischen stillgelegten Vorläufer des heutigen Reaktors wegen mangelhafter Wartungsarbeiten zu einem Ines-4-Zwischenfall (teilweise Überhitzung). Teile des Innenbereichs wurden verstrahlt.

Im ungarischen Paks (180 km von der Grenze entfernt) gab es mit einem Reaktor vom Typ WWER-440 im Jahr 2003 einen – zumindest für das Personal – gefährlichen Zwischenfall, der jedoch nicht mit der Reaktortechnik selbst zusammenhing. Beim Reinigen der Brennstäbe brach deren Ummantelung. Radioaktives Gas trat aus, verletzt wurde niemand.

 

Krško und der Erdbebenmythos

Ebenfalls immer wieder von Wien kritisiert wird das slowenische AKW in Krško (75 km von der Grenze). Der in den USA (Fa. Westinghouse) gebaute Reaktor stünde im Erdbebengebiet, sagt die Wiener Umweltanwaltschaft. Ein Bericht einer EU-Expertengruppe konnte freilich kein erhöhtes seismisches Risiko feststellen.

Auch im schweizerischen Beznau (100 km von der Grenze entfernt) arbeitet ein US-Reaktor von Westinghouse. Er soll in den nächsten Jahren durch ein neues Modell ersetzt werden. 2007 meldeten die Kraftwerksbetreiber sieben „Vorkommnisse“ an die zuständige Bundesbehörde, einer davon erreichte Ines-1. 1992 starben bei Wartungsarbeiten zwei Arbeiter, die bei einem Unfall am Edelgas Argon erstickten.

Zuletzt sollte iin Deutschland der erste und damit ältere Block des AKW Isar (62 km von der Grenze entfernt) vom Netz, der Meiler  lief aber vorerst weiter. Vom Typ her ist Isar1 ein Siedewasserreaktor wie Fukushima und laut Böck sehr ähnlich jenem, der in Zwentendorf in Betrieb gehen sollte. Zwischenfälle hab es auch hier. 1988 beschädigten Knallgasexplosionen mehrere Ventile. 1991 wurde im Reaktorblock eine instabile Kettenreaktion festgestellt, die Schnellabschaltung funktionierte, Radioaktivität gelangte nicht nach außen.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.oektg.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2011)