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Wankt Moskaus ehrgeiziges Atomprogramm?

Wankt ehrgeiziges Atomprogramm
(c) REUTERS (RIA Novosti)
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Erstmals stellt Premier Putin die Zukunft der Atomenergie infrage: Der Bau von neuen geplanten Kraftwerken wird überdacht. Dass man aber vom Ausbau der Nuklearenergie völlig abrückt scheint unwahrscheinlich.

Der Zeitpunkt war denkbar schlecht. Während Russlands östlicher Nachbar Japan seinen verzweifelten Kampf gegen die Atomkatastrophe fortsetzt, hat Premier Wladimir Putin am Dienstag den Bau des ersten Atomkraftwerkes in seinem westlichen Nachbarland Weißrussland besiegelt. Moskau stellt Weißrussland, das vom Super-GAU in Tschernobyl 1986 besonders stark betroffen war, für den Bau 4,3 Milliarden Euro an Krediten zur Verfügung. Konkret geht das Geld an den russischen Atomenergiemonopolisten Rosatom, der die Anlage errichten wird.

Die moderne russische Atomtechnologie sei in ihren Sicherheitsstandards nicht mit den alten US-Reaktoren in Japan vergleichbar, rechtfertigte sich Putin. Und prognostizierte: „Die Kernenergie selbst wird sich natürlich weiterentwickeln.“

Dennoch: Nachdem Wladimir Putin am Montag noch erklärt hatte, Russland werde – im Unterschied zu manch anderem Staat – am geplanten Bau von mehr als 20 Atomkraftwerken allein im eigenen Land festhalten, klang die Position am Dienstag ungleich gemäßigter. Er wolle die Zukunft des Atomenergiesektors im eigenen Land untersuchen lassen, sagte er und forderte vom Energieministerium, der Nuklearbehörde und dem Umweltministerium eine Analyse des gegenwärtigen Zustandes und der künftigen Pläne für den Atomsektor. Die Ergebnisse sollten binnen eines Monats vorgelegt werden.

 

Regierung kürzt Atomprogramm

Es ist das erste Mal, dass Russlands Machthaber die Zukunft der Atomenergie im eigenen Land infrage stellen. Als einer der wichtigsten Atomenergieproduzenten weltweit hat sich das Land nämlich ein äußerst ambitioniertes Atomenergieprogramm verpasst.

Im Vorjahr waren landesweit zehn Nuklearkraftwerke mit insgesamt 32 Reaktoren in Betrieb, was weltweit Platz vier hinter den USA, Frankreich und Japan bedeutet. Bis zum Jahr 2030 will Russland die jetzigen 16 Prozent Atomenergieanteil am gesamten Stromaufkommen auf 25 Prozent gesteigert haben. Zehn Reaktoren befinden sich im Baustadium und 14 weitere in Planung.

„Vom Standpunkt des Atomsektors aus stellt sich natürlich die Frage: Ist das ambitionierte Programm zum Bau der Atomkraftwerke in Russland nötig oder nicht? Wird es jetzt eine Nachfrage geben?“, fragte Putin und äußerte Zweifel: „Ich denke, dass sich das Verhältnis dazu schlagartig ändert, und zwar nicht in die beste Richtung.“

Was wie eine Kehrtwende im Denken aussieht, dürfte in Wahrheit nur eine Anpassung an die ökonomischen Rahmenbedingungen sein. „Die langsame wirtschaftliche Erholung hat den Mehrbedarf an Energie schon vorher infrage gestellt“, erklärt Dmitrij Abzalov, Energieexperte in dem Moskauer Zentrum für Politische Konjunktur, auf Anfrage: „Die Regierung nützt die Vorfälle in Japan, um das Programm zu kürzen.“ Dies auch im Zusammenhang damit, dass es große Programme etwa für den Ausbau der Wasserkraft und Kohlekraft gibt. An der Strategie, die Atomenergie auszubauen, werde dies laut Abzalov freilich nichts ändern. Auch Putin betonte, dass der Akzent auf zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen liege.

 

Verliert Moskau Absatzmärkte?

Umso gravierender könnte sich der Meinungsumschwung in anderen Staaten auf Russland auswirken. „Wenn andere europäische und asiatische Länder dem Beispiel Deutschlands folgen, kann Russland einige Absatzmärkte für atomaren Brennstoff verlieren“, warnt Jekaterina Tripiten, Analystin bei „Brokerkreditservice“. Dazu kommt ein möglicher Einbruch beim Auftragsportfolio für Atommeiler im Ausland. Dort hatte Russland zuletzt eine Handvoll Reaktoren in Bau. Neben dem Kraftwerk im bulgarischen Belene und dem umstrittenen Kraftwerk im iranischen Bushehr sind dies Kraftwerke in Asien.

Als vielversprechende Märkte gelten Indien, Vietnam und die Türkei. Von „Aufträgen über Dutzende Milliarden von Euro im Lauf der kommenden ein, zwei Jahrzehnte“, hatte Energieminister Sergej Schmatko vor eineinhalb Jahren im Interview mit der „Presse“ gesprochen.

Im Wettbewerb mit Konkurrenten hat Rosatom freilich auch 25 Jahre nach dem atomaren Super-GAU im sowjetisch-ukrainischen Kraftwerk Tschernobyl mit einem Imageproblem zu kämpfen. Aus diesem Grund und wegen des Vorhabens, den Kunden komplexere technische Lösungen, die weit über den Bau eines Atommeilers hinausgehen, anbieten zu können, hat Rosatom 2009 eine Allianz mit Siemens zu formen begonnen. Noch stockt dieses Projekt, da Siemens sich erst vom bisherigen französischen Partner Areva loseisen muss.

Die Aufträge aus dem Ausland werden möglicherweise verschoben werden, zurückgezogen würden sie wohl kaum, meint Energieexperte Abzalov. Nicht einmal Europa könne sich in absehbarer Zeit einen Verzicht auf Atomenergie leisten, geschweige denn viele asiatische Staaten.

 

Lieferungen an Japan

Japan seinerseits jedenfalls werde langfristig wohl verstärkt Energielieferungen aus Russland benötigen, sagte Putin am Dienstag und drängte daher, das Öl- und Gasprojekt Sachalin-3 vor der Pazifik-Küste voranzutreiben.

Um die Produktion in der Region um die Insel Sachalin zu beschleunigen, könnten auch ausländische Partner hinzugezogen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2011)