Seine Karriere begann mit einem Zufall in New York. Wolfram Eckert nutzte die Chance und jettet seither als Disco-Botschafter um den Globus. Nun kommt sein lang erwartetes Debütalbum.
Wolfram Eckert streift die enge, dunkelgraue Lederjacke ab, legt sein iPhone auf den Tisch und bestellt Pfefferminztee. Er trägt neongrüne Sneakers, ein graues Sweatshirt, abgewetzte Jeans. Der 28-Jährige ist unaus-
geschlafen. Vor wenigen Tagen ist er von einem dreiwöchigen DJ- und Promotion-Aufenthalt aus New York zurückgekehrt, dann gleich weiter nach München gereist, um seine neue Single „Fireworks“ auf einer Party seines Labels vorzustellen. Und tags darauf stand er hinter den Plattentellern seiner eigenen Clubreihe in der Wiener Pratersauna. Nun sitzt er im Café Rüdigerhof, nimmt einen Schluck Tee und sagt: „Ich bin eigentlich kein Fan davon, ständig wo hinfliegen zu müssen. Du wartest ja dauernd nur auf den Flieger, aufs Gepäck, auf den Chauffeur, aufs Artist-Abendessen, auf deinen Auftritt.“
Eckert alias DJ marfloW, aufgewachsen in St. Veit an der Glan, ist derzeit Österreichs international gefragtester DJ und Produzent. Die Vorzeichen dafür, dass sich seine Reisetätigkeit demnächst reduzieren wird, stehen schlecht: Die ersten Besprechungen seines
Anfang April erscheinenden Debütalbums „Wolfram“ sind positiv bis überschwänglich, Tournee und Festival-
gigs längst in Planung.
New Yorker Netzwerk. Begonnen hat seine Karriere
2004 in New York – mit einem glücklichen Zufall. Patrick Pulsinger, Wiener Techno-Legende, war für einen DJ-Gig im Big Apple gebucht und engagierte den zeitgleich in der Stadt weilenden Eckert als Ko-DJ. Mit seinen obskuren Italo-Disco-Platten traf der junge Kärntner bei einem seiner ersten Auftritte überhaupt einen Nerv. „Ich war schon allein deswegen ein Hero, weil mein Sound Spaß machte“, sagt Eckert. „Und die New Yorker wollten genau das: Spaß.“ Prompt wird er verpflichtet, jeden Freitag seine eigene Party zu bespielen. Er bleibt fast ein halbes Jahr: eine prägende Zeit. Statt technischer Perfektion lernte er viele DJs und Musiker kennen, die er später zu seinem „Elektro-Nix Gang Bang“-Club nach Wien holt: zunächst in den engen Disco-Keller einer Pizzeria in Wien Neubau, später in Clubs wie Fluc Wanne oder Pratersauna.
Eckert ist groß gewachsen, schlank, sieht gut aus. Eine Zeit lang hat er als Model gearbeitet. Sein Lockenschopf, sein spitzbübisches Lächeln, seine charmante, gewinnende Art: Er bleibt und blieb in Erinnerung. Etwa bei der US-Rapperin Princess Superstar. Als er ihr auf einer Party in Berlin vorgestellt wird, erkennt sie ihn als den Typen mit den lustigen Platten aus New York wieder. Die beiden freunden sich an und veröffentlichen als The Diskokaines trashige Disco-Tracks, die genauso wie seine Remixe für Popstars wie Moby nur eines wollen: die Dancefloors zum Überschäumen bringen.
Sein ausgezeichnetes Debütalbum klingt nun reifer, ernster. Er legte nicht nur den hitzigen Partysound ab, sondern auch den Namen Diskokaine. „Das erste Album war sehr wichtig für mich“, sagt Eckert und lehnt sich nach vorne. „Wenn du in zehn Jahren vielleicht Kinder hast, willst du ihnen kein Album geben und sagen: Das war ich. Diskokaine, Disco und Kokain in einem Wort.“ Die bisweilen emotionalen Popsongs veröffentlicht Eckert schlicht unter seinem Vornamen Wolfram: „Das bin mehr ich.“ Und gab Familienfotos auf Cover und Rückseite des Albums.
Aufgewachsen ist Eckert mit den Platten seines Vaters: Kraftwerk, Tangerine Dream, Jean Michel Jarre, Giorgio Moroder, David Bowie. In den vielfältigen Stücken von „Wolfram“ hallt all das nach – neben Chicago-House, Techno oder Elektro-Pop. Als musikalische Klammer dient seine Liebe zu Synthesizern und sein Hang zu opulenten bis euphorischen Melodien. Treu bleibt er seinem Faible für lange verpönte Genres. So wie er damals als Erster alte Italo-Disco-Platten wieder hervorgekramt hat, zerrt er nun den Eurodance der Neunziger ins Scheinwerferlicht der Hipster-Blogs. Ob der ersten Single „Fireworks“ mit seinen Freunden von Hercules & Love Affair rufen diese bereits ein Revival des zuckersüßen Neunziger-Sounds aus.
Spiel mit Erwartungen. Eckert sieht das gelassen. „In Wirklichkeit ist das auch nur ein Synthesizer“, sagt er mit seinem charmanten Dialekt. „Der singt lei.“ Um den vermeintlich verbotenen Reiz der Eurodance-Signale weiß er als intimer Kenner des Club-Universums freilich Bescheid. Und kokettiert damit. So zählt neben Patrick Pulsinger, den New Yorkern Holy Ghost oder Disco-Sänger Paul Parker auch eine der bekanntesten Stimmen von Eurodance zu den Gästen des Albums: Haddaway.
„In New York bin ich bei Interviews immer so begrüßt worden“, sagt Eckert. Er schiebt seinen Kopf nach rechts, zieht ihn schnell zurück. Und grinst. Die markante Kopfbewegung ist seit einem „Saturday Night Life“-Sketch untrennbar mit Haddaways Hit „What Is Love“ (1993) verbunden. Mit der gemeinsamen Nummer „Thing Called Love“ spielt Eckert gekonnt auf der Klaviatur der Erwartungen: Satt sägender Euro-Synthies dominiert ein zart pulsierender Orgelsound den beseelten, reduzierten Song.
Ob er ein Gefühl hat, wo die Reise mit seinem Album hingehen könnte? „Nein, überhaupt nicht. Ich erwarte mir auch nicht viel. Ich bin ja ein Nobody.“ So pflegt der Mann, der Moby zu seinen Freunden zählt und vor Lady Gaga bei einer Marc-Jacobs-Party aufgelegt hat, das Understatement. „Obwohl, es gibt Nobodys wie James Blake, die plötzlich super gehypt werden. Aber bei mir? Schauen wir mal.“ Nach Gesprächsende greift er zum iPhone und checkt E-Mails: Eine Vielzahl neuer Medien-anfragen zum Album ist eingetroffen . . .
Wolfram - "Wolfram" (Permanent Vacation), ab 1. 4. Sa, 19. 3., Album-Release-Party, Pratersauna, Wien