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Ausländer auf der Flucht: „Unserer Kinder wegen“

(c) EPA (CHRISTOPHER JUE)
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In der Hauptstadt Tokio sind die Abflughallen völlig überfüllt, die Wartezeiten vor den Ticketschaltern der Fluglinien werden immer länger. Die Versorgung im Norden Japans ist völlig zusammengebrochen.

Mit einem kleinen Koffer in der Hand wartet die Familie Rubio-Perez am Check-in-Schalter des Flughafens von Aomori im Norden Japans. Daneben steht ein Kinderwagen. „Zwei Jahre ist unsere Amelia alt“, sagt Vianney Rubio-Perez. Vater Mario hält ein viermonatiges Baby im Arm. „Wir haben nur das Nötigste gepackt“, sagt er: Geld, Reisepässe, Babynahrung und Unterwäsche. Ebenso wie die spanische Familie treten angesichts der drohenden nuklearen Katastrophe viele Ausländer die Flucht an.

Mehr als zweitausend Menschen drängen sich in der Abflughalle des winzigen Flughafens von Aomori. Alle zwei Stunden hebt von hier ein Flieger ab. Die meisten steuern Tokio oder Osaka an, zweimal täglich fliegt Korean Airways ins südkoreanische Seoul.

„Es war drei Uhr morgens, als wir entschieden haben zu fahren“, sagt Mario Rubio-Perez. Er arbeitet als Manager einer Versicherungsfirma in Morioka, 150 Kilometer südlich von Aomori. „Gestern wollte ich noch ein bisschen bleiben, meine Frau drängt aber schon seit Tagen darauf, dass wir nach Spanien fliegen.“ Der Mutter geht es vor allem um die Gesundheit ihrer Kinder. Kleinkinder, hat sie gelesen, sind der Gefahr nuklearer Strahlung besonders ausgesetzt.

 

Weg von Fukushima

Als die Nachrichtenlage immer bedenklicher wurde, änderte Mario schließlich mitten in der Nacht seine Meinung: „Wir fahren sofort Richtung Norden, weg von Fukushima.“ Er weckte seine Frau auf, 30 Minuten später saß die Familie im Auto. „Unserer Kinder wegen musste ich das tun. Ich könnte nie wieder in den Spiegel schauen, wenn sie in ein paar Jahren krank werden.“

 

Lange Wartezeiten

In der Hauptstadt Tokio sind die Abflughallen völlig überfüllt, die Wartezeiten vor den Ticketschaltern der Fluglinien werden immer länger. Die täglichen Flüge der AUA von Tokio nach Wien sind hoffnungslos voll; auch die Flüge anderer internationaler Fluglinien sind ausgelastet. Dafür haben viele Airlines ihre Flüge nach Japan auf ein Minimum reduziert, da es kaum mehr Fluggäste gibt, die auf die Insel wollen.

Mehrere Länder raten mittlerweile ihren Bürgern von Flügen nach Japan ab und versuchen stattdessen, die Ausreise der in Japan Verbliebenen zu organisieren. So hat etwa Frankreich seine Bürger angewiesen, abzureisen oder sich zumindest in die südlichen Landesteile zu begeben. Auch Australien hat seine Bürger aufgefordert, Tokio zu verlassen. Die USA organisieren derzeit die Ausreise von Angehörigen des diplomatischen Personals – insgesamt etwa 600 Menschen – mit eigens gecharterten Flugzeugen. Malaysia und Südkorea führen bei der Ankunft der Passagiere Strahlentests durch.

Im Norden ist die Lage nicht ganz so schlimm, auf der Strecke von Aomori nach Seoul sind sogar noch vereinzelt Plätze frei. Das liegt vor allem daran, dass sich die meisten Ausländer in Tokio oder weiter südlich aufhalten. Japaner sind auf den Flughäfen kaum zu sehen. Sie leisten den Anweisungen der Regierung Folge und halten sich in der Umgebung Fukushimas in ihren Häusern auf.

„Man kann die Strahlen weder sehen noch fühlen, das ist unglaublich beängstigend“, sagt Mario Rubio-Perez. Diese Unsicherheit wollte der spanische Familienvater nicht mehr länger ertragen. „Wir sind glücklich, weil wir es zum Flughafen geschafft und einen Flug ergattert haben.“ Außerdem lebe die erweiterte Familie nach wie vor in Madrid. „Dort können wir unterkommen, so lange wir wollen.“

Tatsächlich sind nicht alle Familien im Norden Japans so glücklich. Die Versorgung ist völlig zusammengebrochen, Benzin nicht mehr zu bekommen. Die Hilfsmannschaften lassen auf sich warten, öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht. Und auch jene, die ein voll getanktes Fahrzeug haben, schaffen es nicht immer ans Ziel. In den Gebirgsstraßen nördlich von Morioka bleiben immer wieder Autos hängen. Der starke Schneefall behindert nicht nur die Aufräumarbeiten in den vom Tsunami zerstörten Gebieten. Er lässt auch den Verkehr zum Erliegen kommen. Hinzu kommen viele vom Erdbeben zerstörte Straßen, die ein Vorankommen zum Spießrutenlauf gegen die Zeit und die Kälte machen.

 

Rückkehr in die Heimat?

Mario Rubio-Perez hat es geschafft. „Drei Stunden haben wir für 150 Kilometer gebraucht.“ Erleichtert passieren Mario, seine Frau und die zwei Kinder den Sicherheitscheck am Flughafen Aomori. In Kürze wird der Flug 768 der Korean Airlines in Richtung Seoul abheben.

„Wir werden die Nachrichtenlage genau beobachten“, sagt Ehefrau Vianney. „Japan ist unsere Heimat. Wir hoffen so sehr, irgendwann wieder zurückkehren zu können.“

Japan: Ausländer reisen aus

Krise. Viele Ausländer versuchen nun, aus Japan wegzukommen – Tickets sind aber schwer zu bekommen. Auch mehrere Regierungen haben ihre Staatsbürger angewiesen, den Norden und die Umgebung von Tokio zu meiden. Staaten wie Großbritannien und Frankreich empfehlen ihren Bürgern die Ausreise. Die britische Regierung bietet vom Erdbeben in Japan betroffenen Briten kostenlose Flüge Richtung Heimat an. Die USA fliegen Angehörige von Botschaftsmitarbeitern aus.

Die Lufthansa leitet ihre Tokio-Flüge eine weitere Woche nach Osaka und Nagoya im Süden Japans um. Die AUA fliegt weiterhin Tokio an. Fluggäste, Besatzung und Fluggerät werden auf Strahlenwerte getestet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2011)