Ein Super-GAU in Fukushima würde auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Derzeit gehen Ökonomen noch von nur geringen Effekten aus. Eine globale Rezession erscheint vielen nicht wahrscheinlich.
Wien/Tokio/Ag/Rie. Selten sind sich Ökonomen so einig wie bei der Frage nach den Auswirkungen der Dreifachkatastrophe in Japan auf die Weltwirtschaft: Man weiß es nicht.
Das Rätselraten hat vor allem einen Grund, nämlich die große Unbekannte Fukushima I. „Seit dem Ende des Kalten Krieges bin ich nicht mehr nach den ökonomischen Folgen einer nuklearen Explosion in dicht besiedeltem Gebiet gefragt worden“, erklärte Carl Weinberg, Chefökonom der Research-Firma High Frequency Economics, in der „Financial Times“.
Die Folgen eines Super-GAUs in dem AKW wären für Japans Wirtschaft verheerend. Wenn der Großraum Tokio evakuiert werden muss, wird es für das Land kritisch, weil die Gegend ein Fünftel zur japanischen Wirtschaftsleistung beiträgt. Dazu kämen die Kosten für den Wiederaufbau der Infrastruktur für eine neue Millionenstadt.
Die exakte Quantifizierung der Folgen für die internationalen Finanzmärkte und die Weltwirtschaft wäre aber „reine Spekulation“, meinte Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt der UniCredit. Er sieht freilich andere Möglichkeiten, wie die Katastrophe die Weltwirtschaft beeinflussen könnte.
Seiner Meinung nach wäre von einem Zusammenbruch Japans vor allem der asiatisch-pazifische Wirtschaftsraum betroffen. Ausschlaggebend sind die starken Handelsverflechtungen des Landes mit vielen Ländern aus dieser Region, insbesondere mit China. Demgegenüber ist der Handel Japans mit dem Euroraum sowie mit den USA weniger stark ausgeprägt.
Negative Impulse für die europäischen Unternehmen könnten aber über Drittmarkteffekte entstehen. So ist beispielsweise der Handel Deutschlands mit China in den vergangenen Jahren stark gewachsen. „Schwächt sich die chinesische Konjunktur spürbar ab, hat dies wiederum deutliche Auswirkungen auf Deutschland“, so Rees. Darüber hinaus gilt China seit der Finanzkrise als wichtigste Stütze der Weltwirtschaft.
Schwer abzuschätzen sind auch die Folgen auf die Psyche von Verbrauchern und Unternehmern. Sollte es in Fukushima zur nuklearen Katastrophe kommen, dürfte der Wille der Verbraucher zum Konsum und der der Unternehmer zu Investitionen deutlich leiden. Die Menschen würden sich, auch wenn sie nicht direkt betroffen sind, „einbunkern“. Das könnte verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung haben.
Einbruch von einem Prozent
Derzeit gehen Ökonomen noch von nur geringen Effekten aus. Eine globale Rezession erscheint vielen nicht wahrscheinlich. Einige glauben sogar, dass Japan eine Rezession vermeiden kann, sollte die Krise nicht weiter eskalieren.
Die kanadische TD-Bank schätzt laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ das Wachstum Japans nach der Katastrophe auf 1,4 Prozent ein, um 0,5 Prozent niedriger als vor dem Tsunami. Obwohl Japan die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt ist, hätte ein solcher Einbruch wenig Auswirkungen auf die globale Entwicklung.
Im schlimmsten Fall einer großräumigen radioaktiven Verseuchung rechnen die Experten der Schweizer Bank Sarasin mit einem Verlust von etwa zehn Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts. Der wirtschaftliche Super-GAU würde für die Weltwirtschaft einen Wachstumsverlust von etwa einem Prozentpunkt bedeuten. Die bisherige Prognose des IWF geht von einem Plus von 4,4 Prozent aus.
Neben den Katastrophenszenarien gibt es auch Faktoren, die das Weltwachstum stützen könnten. So haben die Ölpreise seit dem Mega-Beben nachgegeben, nachdem sie zuvor wegen der Unruhen in der arabischen Welt stark gestiegen sind. Dieser Trend unterstützt die Kaufkraft von Verbrauchern und Unternehmen. Die Situation in Libyen und Bahrain bleibt bei der Preisentwicklung freilich ein Unsicherheitsfaktor.
Zudem könnte die japanische Krise dafür sorgen, dass Notenbanken ihre geldpolitische Straffung aussetzen. Die chinesische Notenbank wird ihren Straffungszyklus auf jeden Fall „unterbrechen, wahrscheinlich sogar vollständig aussetzen“, sagte UniCredit-Experte Rees. Auch eine Normalisierung der Geldpolitik im Euroraum, wie von der Europäischen Zentralbank unlängst angekündigt, könnte in die Ferne rücken.
Japans Wirtschaft dürfte aber durch die Aufräum- und Aufbauarbeiten einen starken Schub erhalten. Die Anlagenprofis spekulieren jedenfalls bereits damit. „Wir suchen nach mehr Investitionsmöglichkeiten in Japan“, bestätigte US-Fondsmanager Alex Motola von Thornburg International Growth Fund. „Man kann das menschliche Element der Tragödie nicht leicht beiseiteschieben, aber als Investor muss man den besten Platz für sein Kapital suchen.“
Auf einen Blick
Ökonomen sind sich nicht einig, welche Folgen ein Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima auf die Weltwirtschaft haben könnte. Einige Experten rechnen im schlimmsten Fall mit einem Rückgang des weltweiten Wirtschaftswachstums um ein Prozent (prognostiziert ist ein Plus von 4,4 Prozent). Der Internationale Währungsfonds erklärte gestern, dass Japan die Kraft zum Aufstieg nach der Katastrophe habe. Das finanzielle Potenzial sei vorhanden. Manche Beobachter meinen sogar, dass das Land die bisherigen Folgen der Katastrophe ohne Rezession überstehen kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2011)