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Stresstest im Bann der japanischen Katastrophe

Eine andere Theaterkritik. Qualität ist dort, wo der journalistische Beruf als hoch spezialisierte Leistungskraft voll zur Geltung kommt. Und dennoch: Liebe Redaktion, bitte ab jetzt ein Jahr lang keine Experimente mehr!

Katastrophen sind nicht vorauszusehen. Am Freitag, 11. 3. um 9.55 Uhr kündigt die APA in einer ersten „Vorrangmeldung“ großes Unheil an: Der japanische Kabinettschefsekretär Yukio Edano spricht von dem „möglicherweise schlimmsten Erdbeben“ in Japans Geschichte.

Von dem Moment läuft für die Zeitung in Wien die Sanduhr bis zum Drucktermin am Abend. Die nötige Infrastruktur muss längst vorhanden und dem Außerordentlich gewachsen sein – durch Erfahrung, Intelligenz, Verfügbarkeit des Personals und Vernetzung mit kompetenten Außenstellen.

„Die Presse“ legt gleich am ersten Tag sechs eindrucksvolle Druckseiten hin, die weit über die Basismeldungen hinausgehen. Eine Mitarbeiterin wird aufgestöbert, die zufällig in Japan weilt und erzählt, was sich vor ihren Augen abspielt. Dass Wirtschaft eine Rolle spielt, ist selbstverständlich.

Elitäre Institutionen und Personen in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Unternehmen blicken zumeist auf die prinzipiell unvollkommene Leistung einzelner Medien von oben herab. Sie sollten aber einmal testen, ob sie mit ihrem personellen und technischen Apparat imstande wären, vom Zeitpunkt null innerhalb von zehn Stunden ein Druckwerk auszuliefern, das dem Urteil von 262.000 kritischen „Presse“-Lesern standhält. Damit lässt sich die Qualitätsfrage in einem Satz formulieren. Qualität ist dort, wo der journalistische Beruf als hoch spezialisierte Leistungskraft voll zur Geltung kommt.

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Bei der Lektüre der Zeitung fallen vor allem jene Artikel positiv auf, die sich klar auf eine Komponente der Ereignisse konzentrieren und nicht alles gleichzeitig liefern wollen. Redaktionelle Regie spielt eine große Rolle. Bekommt eine fernab tätige Korrespondentin die Aufgabe, alles zu wissen und zu berichten, was alle anderen Quellen wissen und berichten, oder bearbeitet die Redaktion den breiten Meldungsstrom, damit die Korrespondentin sich für Ungewöhnliches freispielen kann? Dies wäre vermutlich geschickter gewesen.

Die Bedrohung durch Atomkraftwerke ist schon am ersten Tag erkennbar. In solchen Fällen ließen sich die technischen Zusammenhänge durch Experten in Österreich sachlicher darstellen als durch die Flut schwankender Meldungen aus Japan. Die brisante Situation im AKW kommt trotz einer großen Überschrift in der „Presse“ zunächst zu kurz. Schon am Morgen darauf tritt der Großalarm ein: „Möglicherweise Kernschmelze im AKW Fukushima“, lautet die Vorrangmeldung. Das ist der Grundstoff für die nächste Ausgabe.

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Diese liegt am 13. März, einem Sonntag, vor der Tür und entzieht sich einer rationalen Beurteilung. Die Katastrophe in Japan ist eine Naturgewalt, das zweijährige Jubiläum der „Presse am Sonntag“ seit rund 40 Stunden nichts mehr dagegen. Den Rest besorgt die schon längst gefallene Entscheidung der experimentierfreudigen Redaktion, das Großformat in ein Jubiläumsquerformat zu verwandeln.

Die Leser sollten die Sonntagszeitung um 90 Grad verwinkelt in die Hand nehmen, sofern sie sich nicht mit den Inseraten zufriedengeben, die aufrecht stehen. Wer den Dreh herausbekommt, findet Edelsteine. Statt auf diese einzugehen, werfe ich mich zu einer Art Leseranwalt auf und ziehe die Notleine, denn wenn eine Zeitung ihre Jubiläumsausgabe mit einem Theaterdirektor macht, muss sie auch Theaterkritik vertragen.

Liebe Redaktion, bitte ab jetzt ein Jahr lang (also einschließlich der nächsten Weihnachtsausgabe!) keine Experimente mehr. Das ist viel verlangt von dieser Zeitung. Im Grunde genommen müsste sie während des Moratoriums ganz einfach eine sehr gute Durchschnittsleistung erbringen, oder sogar Überdurchschnittliches, soweit dieses im Rahmen des Fassbaren bleibt. Das ist weit unter ihrem Anspruch, ich weiß. Aber wir Leser wären dankbar und sind grausam durchschnittlich, weil wir die „Presse“ ganz normal in der Hand halten wollen, so als wäre sie eine gewöhnliche Zeitung.

Seit Montag ist journalistische Normalzeit. „Die Presse“ informiert in hochwertiger Form und hat so wie alle Medien leider keine besseren Nachrichten zu überbringen. Zu ihrer Aufgabe gehört auch die eigene Rolle öffentlich zu überdenken: „Wir Medien müssen uns bewusst sein, dass wir diesen psychologischen Ausnahmezustand nicht nur reportieren, sondern auch mitproduzieren.“

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Der zum Bildungspolitiker gewordene Hannes Androsch ist vieles in seinem bewegten Leben gewesen. Dass er sogar „SPÖ-Kanzler“ gewesen sei (1. 3.), das geht nicht. Am wenigsten bei Androsch.

Nach wie vor hapert es bei der Fallbildung. Saif Gaddafi pflege in Österreich „Kontakte in Wirtschafts- und Politzirkel“, heißt es, oder: Das Büro Alexander Hagner baue „für Obdachlosen“. Nur für einen einzigen? Auch „Der Unternehmensleitung von Renault gerät in Bedrängnis“. Amtsdeutsch ist in einer Zeitung ein kriminelles Delikt. Die Journalisten sollen sich plagen, wie man aus folgendem Satz über die Vorratsdatenspeicherung einen schönen Satz macht: „Damit ist theoretisch eine Beauskunftung zu jedem Bagatelldelikt und zu jeder angeblichen Bedrohungslage möglich.“

Die Rechtschreibreformen haben eine Menge Verwirrung bewirkt. Schreibt man „sogenannt“ oder „so genannt“? Hier ein Beispiel, in dem sowohl vor wie nach der Rechtschreibreform nur die Getrenntschreibung richtig gewesen wäre: „Der fälschlicherweise sogenannte Volkskongress.“

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„Bankenhersteller zählten europaweit zu den Verlierern“, steht im Börsenreport. Verzweifelt meldet sich Leser O. P.: „Ich wüsste gerne, wer Banken herstellt und wie dieser Produktionsprozess vor sich geht. Zählen Sie mich bitte nicht zu den Erbsenzählern oder Querulanten.“ Ich rufe den Börsenreport an und frage: „Was sind Bankenhersteller?“ Erst ungläubige Überraschung, dann findet die bedeutende Frage eine schlichte Antwort: Wahrscheinlich stand ursprünglich „Suppenhersteller“ dort – die verlieren nämlich auch –, aber dann hat jemand Bankenhersteller daraus gemacht.

Abschließend eine unvermeidbare Selbstkritik: In der vorigen „Spiegelschrift“ umschrieb ich 0,08 Grad Celsius mit dem „achthundertsten Teil eines Celsiusgrads“. Ich bitte alle Mathematiker um Vergebung und danke denen, die nichts gemerkt haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2011)