Glücklich ohne Gunst der Götter

Virtuos: Rudolf Taschners Essay über Gerechtigkeit.

Freiheit und Gleichheit sind hohe Wörter und Werte, nicht nur die Französische Revolution hat sie auf ihren Bannern getragen. Und doch: Viele glauben, dass es zu viel an Freiheit und/oder an Gleichheit geben kann. Die Rechten warnen vor Gleichmacherei, vor Verlust der Individualität. Die Linken werden nicht müde, die Kosten und die unerwünschten Nebenwirkungen der Freiheit anzuprangern, darauf zu deuten, dass es Freiheit von Unterdrückung gibt, aber auch Freiheit zur Unterdrückung.

Das kann der Gerechtigkeit nicht passieren. Niemand hat je ernsthaft ein Zuviel an Gerechtigkeit beklagt. Genau deshalb ist sie ein freundlicher, edler, aber unverbindlicher Wert. Sie ähnelt einem sanftmütigen Richter, der es allen recht machen will. Was kann man nicht alles rechtfertigen in ihrem Namen! Landreformen wie Laissez-faire-Politik. Schon deshalb, weil keine Einigkeit darüber besteht, was denn gerecht ist.

„Gerechtigkeit ist ein allzu flüchtiges Wort, ein der scharfen Definition unzugänglicher, ein opaker Begriff“, sagt Rudolf Taschner. Just ein Mathematiker soll über diesen Begriff schreiben! Eine unorthodoxe, geradezu paradox anmutende Idee des Verlegers. Aber eine gute Idee. Denn wer soll das Opake besser klären als ein Meister der Klärung? Als Mathematiker auch praktizierender Liebhaber der Symmetrie, teilt Taschner seinen Essay – denn das ist es, im besten Sinn – in acht Abschnitte, deren Titel die Gerechtigkeit jeweils mit einem weiteren Substantiv mit „G“ kombinieren: Gleichheit, Generationen, Gesetz, Geschichte, Geschäft, Gestaltung, Gewissen, Gnade.

Zuletzt also die Gnade, in der Theologie die komplementäre Größe zur Gerechtigkeit. Hier wird Taschner am deutlichsten: Gerechtigkeit sei „ein Kampfbegriff“, ein „Gaukelbild, das die Gier derer rechtfertigen soll, die lauthals Gerechtigkeit fordern“. Und er führt noch einen Gegenbegriff ein: das Glück. Tatsächlich: Was wäre ungerechter als das Glück? Welcher Reichtum unverdienter als der aus der Lotterie? Das Glück, schreibt Taschner, war einst „die Gunst der Götter“. Eine Vorform der Gnade, die letztlich willkürlich bleiben muss?

Die letzte, göttliche Gerechtigkeit sei eine „kluge Erfindung“, schreibt Taschner. Doch vor der Vision eines Jüngsten Gerichts wendet er sich mit Abscheu ab: Das ganze Leben sei von Prüfungen durchzogen. „Irgendwann, wenigstens nach dem Tod, muss es mit der Abrechnung ein Ende haben.“

Wie man auf Erden mit Gerechtigkeit rechnen kann, zeigt Taschner im Kapitel „Gerechtigkeit und Gestaltung“: Er zeichnet „Lorenz-Kurven“, die Ungleichheit messen. Im „Marx-Engels-Land“ ist das eine Gerade mit 45 Grad Steigung, im „Krösus-Land“ hat die Kurve einen starken Knick nach unten. Die Politik strebt, je nach Couleur, irgendwo dazwischen hin, weiß Taschner, und er hält fest: Es sei schwieriger, „im Nachhinein durch Sozialtransfers bereits bestehende Ungerechtigkeiten mühsam zu korrigieren“, als durch Investition in Bildung die Lebenschancen der Bürger zu verbessern.

Da kann man ihm leicht beifallen. Heikler ist Taschners Argumentation zum Thema Eigentum an Grund und Boden. Rousseau machte in pathetischer Übertreibung „den Ersten, der ein Stück Land eingezäunt hatte“, für „Verbrechen, Kriege, Morde“ et cetera verantwortlich. Das klinge einleuchtend, schreibt Taschner: „Aber Rousseau hat abgrundtief unrecht.“ Der scharfe Ausdruck verrät es: Er spürt, dass er sich auf rutschigem Boden bewegt, wenn er spekuliert, dass schon Menschen „im Naturzustand“ – also Jäger und Sammler – Grundbesitz gekannt hätten. Gut, der „barbarische, faustrechtartige Kampf jeder gegen jeden“ mag in der Steinzeit vorgekommen sein (wenn er auch gewiss nicht alltäglich war). Aber die Idee, dass unsere Ahnen wie die Hunde und Katzen ihre Reviere abgesteckt hätten, womöglich mit Urin, werden wohl die wenigsten Anthropologen teilen.

Immerhin: In der Natur findet Taschner keine Gerechtigkeit. „Die Natur schafft Ungleichheit – darum müssen wir sie überwinden“, schreibt er: Es sei etwa eine Kulturleistung, „eine Leistung gegen die Natur“, Unterschiede der Hautfarbe als unerheblich zu erklären. Solche stolzen Bekenntnisse zum Menschlichen, zur Kultur stehen nur scheinbar im jähen Kontrast zum melancholischen Kehrreim, dass Gerechtigkeit in dieser Welt nur eine Illusion sei. Für Taschner, der ja mindestens so sehr Existenzialist wie Pythagoräer ist, passt das zusammen: Sisyphos rollt den Stein wieder und wieder. Und ist glücklich, auch ohne Gunst der Götter. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2011)

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