Tefaf: Kostspielige Insel der Kunst-Glückseligkeit

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Noble Menschen im noblen Bühnenbild: Die feinste Altmeister-Messe ist die Tefaf in Maastricht, was auch heuer wieder bewiesen wird. Österreicher sind gut präsent. Highlights sind diesmal Gemälde von Rembrandt, Picasso.

Die Chinesen kommen. 2010 hat China erstmals Großbritannien überholt und liegt nun mit 23 Prozent Marktanteil auf Platz 2 bei Kunst und Antiquitäten. Auf Platz 1 sind die USA mit 34 Prozent Marktanteil. Bloß: Wo sind die Chinesen? Auf der Tefaf, der wichtigsten Altmeister-Messe im holländischen Maastricht von 18. bis 27. März scheinen die wohlhabenden Europäer und Amerikaner weitgehend unter sich zu bleiben. Obwohl das Angebot an chinesischer Kunst reichhaltig ist.

„Es gibt über 70 Mio. Sammler in China“, schätzt M. Chen, dessen Familie im Tourismus ihr Vermögen gemacht hat. Sein Bruder sammelt Malerei, er selber und seine Frau chinesische Cloisonné. In China entstehen derzeit viele Museen, private und öffentliche, erzählt Chen. Besonders italienische und holländische Malerei werde von seinen Landsleuten geschätzt. Eines der wichtigsten Bilder heuer in Maastricht ist ein Rembrandt von der New Yorker Galerie Otto Naumann Ltd. Das Ölgemälde „Porträt eines Mannes mit den Händen in den Hüften“ (1658) kostet 47 Mio. Dollar.


Jugendstil: Stark gefragt. Österreich ist für die Kleinheit des Landes gut präsent auf der Tefaf, die jährlich rund 70.000 Besucher hat. Die Wiener Galerie Sanct Lucas sowie Salis & Vertes (Salzburg, Zürich) sind schon lange dabei, erst seit wenigen Jahren Bel Etage, Johannes Faber (Fotografie) sowie Wienerroither & Kohlbacher (W&K). Jugendstil-Spezialist Wolfgang Bauer (Bel Etage) konnte sich heuer gleich zu Beginn freuen: ca. ein Dutzend Objekte wurde verkauft, vor allem solche von oder nach Josef Hoffmann, Kolo Moser. Aber auch ein Gemälde des venezianischen Rokoko-Malers Pietro Longhi (1702-1785) bei Sanct Lucas ziert schon am zweiten Messe-Tag der rote Punkt. Ein langer Stammbaum ist im Kunsthandel von Vorteil. Bereits in vierter Generation betreibt die Familie Bernheimer in München ihr Geschäft. Aus ihrem Angebot ist unser Bild von Lucas Cranach dem Älteren entnommen: Das Motiv „Alter Mann mit junger Frau“ hat der deutsche Renaissance-Meister (1475-1553) mehrfach variiert.

Bernheimer Fine Old Masters waren bayerische Hoflieferanten. 2002 erwarb der jetzige Inhaber Konrad O. Bernheimer die Londoner Gemälde-Galerie Colnaghi: „Sie können mit mir deutsch, englisch, französisch, italienisch und spanisch sprechen“, sagt Bernheimer, der lachend gesteht ein unverbesserlicher Optimist zu sein. Fragen nach aktuellen Katastrophen und nur langsam abebbenden Wirtschaftskrisen erübrigen sich daher: „Maastricht ist eine Insel der Glückseligkeit. Hier sind die Geschäfte immer gut gelaufen. Hier waren die Besucher immer guter Laune.“ In der Tat ist die Kunst-Maschine Tefaf eine Fluchtburg. Tagelang kann man darin verschwinden. Es gibt keineswegs nur Altmeister und Gemälde, sondern Möbel, Skulpturen, Musikinstrumente, Bücher, moderne und zeitgenössische Kunst.


Anleger-Messe für Betuchte. Das elegante Ambiente birgt beinhartes Business. Die Tefaf ist eine Anleger-Messe. Zwar gibt es auch für die kleine Börse einiges, z. B. einen pirschenden Leoparden, Skulptur von John Maccallan Swan (1847-1910) um 7.500 Euro bei der 1876 etablierten Fine Art Society London. Aber mit dicker Brieftasche ist man besser dran. Prachtvolle Klassische Moderne hat z. B. Landau Fine Art Kanada: 22 Mio. Euro sind für Picassos Ölgemälde „Les dormeurs“ (1965) auszulegen, 2,5 Mio. Euro kostet ein kleines Bild von Ehefrau Jacqueline (1956). „Roses and Mimosis“ (1956) von Marc Chagall werden für 5,1 Mio. Euro angeboten, „Trovatore“ von Giorgio De Chirico für 2,2 Mio. Euro.

Picasso ist auf der Tefaf stark vertreten. Z. B. „Femme et Enfant“ (1938) bei Marlborough Fine Art, die auch Kokoschkas Porträt Anton von Weberns (1914) im Programm haben (4 Mio. Dollar). Krugier Genf offerieren Picassos „Bouquet“ (1969) um 11 Mio. Euro. Wahrhaft überraschend hat sich seit seinem Verkauf 2010 im Wiener Dorotheum „Tugend und Laster“ von Frans Francken II entwickelt. Auf 500.000 Euro geschätzt brachte die Allegorie damals 7,02 Mio. Euro. Es war das teuerste Gemälde, das je in Österreich ersteigert wurde – vom Londoner Händler Johnny van Haeften. Er bietet es nun für zehn Mio Euro an. Lotterie-Gewinn oder astronomischer Verlust – auf dem Kunstmarkt ist alles möglich.

Viele Sammler sind verschwiegen, einige dafür umso gesprächiger, speziell wenn man nicht ihren Namen nennt: „Die Preise hier sind nicht echt, man muss immer handeln“, sagt eine muntere, ältere Holländerin, die mit ihrem Mann im „Retail Business“ tätig war. Beide sind nun in Pension und waren gerade sechs Wochen in Indonesien. Zur Finanzierung der „schönen Dinge des Lebens“ verkaufen sie hin und wieder ein Bild. Das letzte Mal hat es drei Jahre gedauert. Die Tefaf besuchen die beiden auch der Schaulust wegen, „seit 20 Jahren. Früher waren vorwiegend Holländer hier, dann kamen die Amerikaner. Jetzt sind wegen des schwachen Dollarkurses weniger Amerikaner da.“ Händler sind den beiden wegen der persönlichen Beziehungen lieber als Auktionshäuser wie sie sagen: „Besser nach der Messe kaufen, dann sind die Preise nicht so hoch“, empfehlen sie. „Völliger Unsinn“, widerspricht Eberhard Kohlbacher von Wienerroither & Kohlbacher (W&K) Wien: „Wenn einer am ersten Tag kommt und der Händler gerade versucht die hohen Standkosten zu verdauen, gibt er eher Rabatt als nach der Messe, wenn er gute Geschäfte gemacht hat.“ W&K haben eine ihrer Schiele-Zeichnungen in Maastricht verkauft, um wie viel wird nicht verraten, eine sehr schöne Schiele-Zeichnung könne 500.000 Euro bringen, so Kohlbacher vage. 100 Prozent Aufschlag sind keine Seltenheit im Kunsthandel, heißt es. „Das stimmt nicht“, so Kohlbacher. 20 Prozent? „Auch zu viel.“

Für die prächtige Minne-Skulptur, die W&K anbieten, gebe es einige Interessenten, darunter das Amsterdamer Van-Gogh-Museum. „Österreichische Museen sind uninteressant“, sagt Roman Herzig (Galerie Sanct Lucas Wien), „wenn sich ein Getty-oder ein Metropolitan-Museum etwas kaufen wollen, treiben sie unabhängig von der wirtschaftlichen Lage das Geld dafür auf.“ In Österreich ist das eine langwierige Angelegenheit, sofern es überhaupt möglich ist. Kiebitzen kommen Österreichs Museumsleute aber gern nach Maastricht: Heuer gesichtet: den ehemaligen Direktor der Gemälde-Galerie des Kunsthistorischen Museums (KHM) Karl Schütz und seine Nachfolgerin Sylvia Ferino-Pagden, Belvedere-Chefin Agnes Husslein oder Liechtenstein-Museumsdirektor Johann Kräftner. Der frühere Belvedere-Chef Gerbert Frodl ist unter jenen Experten, die die Ware vor Beginn der Messe prüfen. Es ist nicht leicht, in die Tefaf mit ihren 260 Ausstellern hinein zu kommen.

Man muss eine fünstellige Einschreibegebühr zahlen, den Stand, die Architektur. Da gehen leicht ein paar hunderttausend Euro drauf. Die wollen erst wieder verdient sein. Für Kunsthandel braucht man vor allem Kapital, manche Händler sind verschuldet. Speziell beworben wird heuer neben dem Rembrandt bei Naumann (NY) ein Werk von Renoir mit einer pikanten Geschichte: „Femme cueillant des Fleurs“ (1874, Öl auf Leinwand) zeigt Camille Monet, die erste Frau von Renoirs Freund, dem großen Impressionisten Claude Monet. Seine zweite Frau Alice Hoschedé war auf die Vorgängerin derart eifersüchtig, dass sie alles entfernen ließ, was an sie erinnerte. Wenigstens auf Renoirs Gemälde ist Camille zu sehen, sozusagen als Erscheinung im feenhaften impressionistischen Stil (Dickinson New York). Einen lebhaften Eindruck vom aufstrebenden chinesischen Markt liefert der seit etwa zehn Jahren in Shanghai lebende Maximin Berko, Sohn der belgischen Galeristen Viviane und Patrick Berko. Maximin Berko hat chinesisch studiert. Er betreibt eine Filiale der Berko-Galerie in Shanghai und veranstaltet dort heuer zum dritten Mal eine Messe mit europäischer und chinesischer Kunst, die allerdings erst magere 10.000 Besucher hat: „Aber sie wächst“, sagt Berko Jr.: „Die Chinesen, auch die wohl habenden, arbeiten an sieben Tagen die Woche. Bei uns baut ein Immobilien-Unternehmer ein Hotel, dort sind es 15 oder 20 auf einmal. Die Chinesen reisen nicht so oft nach Europa.

Es ist manchmal auch kompliziert mit den Visa. Aber sie interessieren sich sehr für europäische Kunst und versuchen sie zu begreifen. Ich würde sagen, europäische Kunst wirkt auf die Chinesen so wie chinesische Kunst auf die Europäer. Man muss etwas nicht unbedingt verstehen, um es schön zu finden. Chinesen kaufen auf jeden Fall in großen Mengen.“ Z. B. Wein. Bei der europäischen Kunst beziehen sie ihre Inspiration aus Büchern. Einige davon hat Berko heraus gegeben, natürlich in chinesisch. Berko kennt drei Sammler, die große Museen bauen – für ihre eigene Sammlung. Einer davon hat sein Geld an der Börse verdient, „und zwar nach bzw. durch den Absturz infolge der Wirtschaftskrise“. Eine chinesische Unternehmerin, die Aktien eines französischen Bekleidungsunternehmens erwerben wollte, bekam kein Visum für Frankreich. Ein Silber-Sammler stieß in England auf nationales Kulturgut, das gesperrt wurde: „Ihm macht das nichts aus. Er wartet einfach ab. Sein Museum ist ohnehin noch nicht fertig,“ erzählt Berko. Im April zeigen Deutschlands große Museen aus Berlin, Dresden und München im erweiterten Nationalmuseum in Peking eine große Ausstellung: „Die Kunst der Aufklärung“. Bei der Präsentation 2010 hieß es, die Chinesen wollten dieses Thema haben und kein anderes. „Vernunft, Leidenschaft, Emanzipation, Gewalt, Revolution, Terror im Spiegel der Kunst“, schrieb das Kunst-Magazin „Art“ und in Anspielung auf mögliche politische Botschaften: „Nur eine Kunstausstellung wird das sicher nicht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2011)

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