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Elisabeth Wetsch: Verstrickt im Internet

Elisabeth Wetsch Verstrickt Internet
Symbolbild(c) Www.BilderBox.com
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Mehr als 150.000 Menschen auf der ganzen Welt sehen Elisabeth Wetsch via YouTube dabei zu, wie sie daheim sitzt und strickt - die 54-Jährige verdient mittlerweile sogar Geld damit.

Es ist die Stimme, die die Fans von Elisabeth Wetsch so an ihr mögen. Die klinge so beruhigend, unaufgeregt und vertraut. Als säße die eigene Oma im Wohnzimmer, die mit Engelsgeduld erklärt, was nun mit diesen verflixten Nadeln zu machen sei, damit aus dem Wollknäuel endlich ein Pullover wird.

Elisabeth Wetsch ist ein Guru, ein YouTube-Guru. Jeden Tag lädt die 54-jährige Wienerin rund zehnminütige Videos auf die Online-Plattform, in denen sie die Grundprinzipien des Strickens und Häkelns erklärt. Und sie hat damit Erfolg. Mehr als 150.000 Besucher auf der ganzen Welt sitzen monatlich vor ihren Videos, in denen immer nur ihre Hände zu sehen sind. Und ihre Stimme zu hören, etwa: „Ich habe eine neue Variante von Socken entwickelt, bei denen du gänzlich ohne komplizierte Fersen auskommst.“

Mit 8,5 Millionen Zugriffen zählt sie zu den Top 20 der meistgesehenen YouTube-Gurus im deutschsprachigen Raum. Längst sind die Betreiber schon auf sie aufmerksam geworden und haben ihr einen Partnerkanal angeboten. Die Konsequenz: Elisabeth Wetsch, in der Online-Community besser unter dem Namen „elizzza“ bekannt, verdient jetzt an jedem Klick auf ihre Seite. Sie könnte damit die erste Österreicherin sein, die in absehbarer Zukunft von den Online-Filmchen leben kann.


Meditatives Stricken. Dabei hat sich Wetschs eigene Liebe zum Stricken eher langsam entwickelt. „Ich habe es in der Volksschule gehasst“, sagt sie. „Stricken war für mich eine Qual.“ Erst in der Mittelschule in Stockerau und mit einer neuen Handarbeitslehrerin fand sie Gefallen daran. „Stricken hat so etwas Meditatives“, sagt Wetsch, die hauptberuflich eigentlich Webdesignerin ist, „das hilft beim Runterkommen, beim Sich-selbst-Ordnen.“

Ihre Karriere auf YouTube hat sich eher zufällig ergeben. Als Webdesignerin musste sie sich Anfang 2008 mit der Online-Plattform auseinandersetzen. „Ich habe damals einfach nicht verstanden, was die Leute so toll an YouTube finden“, sagt sie. Weil sie die Bewegung nicht nachvollziehen konnte, startete sie ein Experiment. Sie filmte sich beim Stricken („Es lagen grad zufällig ein paar Nadeln neben dem Computer.“), stellte das Video online und vergaß darauf.

„Erst ein paar Monate später habe ich es wieder aufgerufen.“ Und sah plötzlich, dass das Video über 30.000 Zugriffe verzeichnet hatte. Noch in derselben Nacht sicherte sie sich die Domain „Nadelspiel.com“. Ein Glücksgriff. Denn „Nadelspiel“ (Das sind die vier bis fünf Nadeln, mit denen zum Beispiel Socken gestrickt werden.) ist im Internet ein viel gesuchter Begriff.

Über 15.000 Kommentare aus der ganzen Welt verzeichnet ihre Seite mittlerweile, rund 500 Kommentare werden täglich auf der Webseite ausgetauscht. In den bisher rund 420 Videos zeigt Elisabeth Wetsch ihren Schäfchen (so nennt sie ihre User), wie sie Hello-Kitty-Pullover stricken können, die neuesten Granny-Square-Muster (kleine gehäkelte Vierecke) oder wie ein Maschenaufschlag funktioniert. „Je einfacher die Aufgabe, desto mehr Leute sehen sich das Video an.“

Ganz allein ist Wetsch mit ihrer Idee nicht. Immer wieder finden sich Videos mit Strickanleitungen im Internet, auch gibt es vereinzelt ähnliche eigene Plattformen. Das deutsche Frauenmagazin „Brigitte“ bietet etwa auf seiner Online-Seite ein eigenes Handarbeitsforum, in der Community Ravelry können Mitglieder ihre Strickmodelle ausstellen und Strickmuster verkaufen.

Ein bisschen führt Wetsch den Erfolg ihrer Seite auf den Zeitgeist zurück. „Beim Handarbeiten produziere ich etwas. Das ist in einer Zeit, in der kaum noch etwas mit der Hand geschaffen wird, besonders wichtig“, sagt sie. Dass Stricken und Häkeln jedenfalls immer trendiger wird – auch unter jungen Menschen –, bestätigen ihre Web-Statistiken. Mehr als fünfzig Prozent ihrer User sind zwischen 45 und 55 Jahre alt, gleich danach kommt mit 20 Prozent schon die Gruppe der 13- bis 17-Jährigen. Wobei der Großteil ihrer Fans Städter sind und aus Deutschland kommen. Überraschenderweise besteht auch ein Viertel aus Männern. Viele davon unter 18 Jahren. „Du bist so cool, und ich strick dir alles nach“, schreiben die ihr manchmal. „Die sehen mich als ihre Oma“, sagt die Frau, auf die das Omabild so gar nicht passen will. Wetsch hat auf ihre männlichen Community-Mitglieder reagiert und ihr Strickangebot adaptiert: Jetzt finden sich auch Comic-Figuren zum Nachhäkeln unter den Videos.

Und auch sonst hat die immer größer werdende Online-Community Wetsch vor Herausforderungen gestellt. Schon viermal hat sie das Speichervolumen ihres Servers erhöhen müssen, damit die Webseite die zahlreichen Zugriffe bewältigen kann. Auch alles eine Geldfrage. Denn allein der große Server koste sie mehrere hundert Euro im Monat.


Bisher nur Taschengeld. Und auch wenn sie durch YouTube an den Videos verdiene, einige Strickanleitungen verkauft und bereits eine Strick-DVD produziert hat: „Es ist zurzeit trotzdem nur ein gutes Taschengeld.“ Denn die Nadelspiel-Community muss gepflegt werden. Mehr als 20 Stunden pro Woche benötigt sie für das Beantworten von Mails und Kommentaren, das Entwickeln neuer Strick- und Häkelmuster und das Produzieren der Videos. Zusätzlich betreibt die 54-Jährige noch einen Online-Shop für Strick- und Häkelgarn. Über 300 Kilo Garn stapeln sich mittlerweile in ihrer Dachgeschoßwohnung im sechsten Bezirk.

Mittlerweile überlegt Wetsch schon, ihren Webdesigner-Job aufzugeben und nur noch vom Stricken im Netz zu leben. Der Markt wäre da, meint sie. Schon jetzt bekäme sie laufend Anfragen für englischsprachige Strickvideos. Die Idee, nur vom Stricken leben zu können, reizt sie auch. Dann würden in den kommenden Jahren vielleicht Kinder und Erwachsene auf der ganzen Welt mit ihr Stricken lernen. Dass sie, die keine Oma ist und nicht mal Kinder hat, von ihren Fans ein bisschen als solche wahrgenommen wird, stört sie dabei nicht. Denn immerhin: „Oma könnte ich theoretisch ja schon längst sein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2011)